Australien: Kardinal Pells Kirchenkarriere wurde vom Missbrauch begleitet

    6. März 2018, 06:00
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    Die Staatsanwaltschaft spricht von "historischen sexuellen Vergehen". Nun muss eine Richterin entscheiden, ob George Pell der Prozess gemacht wird

    Melbourne/Wien – Der 76-jährige Kirchenmann muss sich einer Anhörung stellen, die über einen Prozess wegen sexuellen Missbrauchs entscheidet. Bis zu 50 Zeugen sollen aussagen. Doch es ist nicht das erste Mal, dass Pell von Missbrauch in der Kirche gewusst haben soll oder selbst eines Verbrechens beschuldigt wurde. Im Folgenden ein Überblick über aktuelle Fragen und ihre Antworten:

    Frage: Was geschah am ersten Anhörungstag in Melbourne?

    Antwort: Medienvertreter waren nur in den rund 25 ersten Minuten der Anhörung vor Richterin Belinda Wallington zugelassen, dann wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Bis zum Ausschluss warf der Leiter von George Pells Anwaltsteam, Robert Richter, der Polizei vor, nicht gründlich genug ermittelt zu haben. So sei Zeugenaussagen, die die Verteidigung vorgelegt hatte, nicht ordnungsgemäß nachgegangen worden.

    Richter kündigte gleichzeitig an, die Ermittler ins Kreuzverhör nehmen zu wollen. Kardinal Pell sagte kein Wort während der Anhörung.

    Frage: Was geschieht weiter?

    Antwort: Insgesamt soll die Anhörung in Melbourne vier Wochen dauern. Dabei werden in den kommenden zwei Wochen die Aussagen von bis zu 50 Zeugen gehört, die per Video zugeschaltet werden. Dabei erhält die Verteidigung immer die Gelegenheit zu einem Kreuzverhör. Bei den Zeugen soll es sich unter anderem um Chorknaben aus der Zeit des vorgeworfenen Missbrauchs handeln.

    Nach Ende der Anhörung entscheidet die Richterin, ob es zu einem Verfahren gegen den Kardinal kommt. Selbst wenn sich die Richterin gegen einen Prozess aussprechen sollte, bleibt der Staatsanwaltschaft aber noch immer die Möglichkeit, Pell vor Gericht zu stellen.

    foto: apa/afp/paul crock
    Der Auftakt der Anhörung gegen George Pell war von großem Medieninteresse begleitet. Polizisten mussten einen Weg zum Gerichtssaal absperren, damit der beschuldigte Kardinal in das Gebäude gelangen konnte.

    Frage: Was wird dem Kardinal vorgeworfen?

    Antwort: Im vergangenen Juni wurden dem Kardinal "historische sexuelle Vergehen" vorgeworfen. Nähere Details wurden nicht veröffentlicht. Pell selbst bestritt kürzlich, von Missbrauchsfällen in den 1970er- und 1980er-Jahren in Australien gewusst zu haben. Medienberichte legen allerdings nahe, dass es bei der Anhörung um Anschuldigungen gegen den Kardinal selbst geht. Zu der Zahl der Ankläger, der Zahl der vorgeworfenen Taten oder der Schwere der Vorwürfe, wurde aber nichts veröffentlicht.

    Es ist allerdings nicht das erste Mal, das Pell beschuldigt wird. 2002 warf ein Mann dem damaligen Erzbischof von Sydney vor, ihn in einem katholischen Sommercamp im Jahr 1961 missbraucht zu haben. Pell stritt die Vorwürfe ab. Ein von der Kirche eingesetzter Richter kam zu dem Schluss, dass es zu wenig Anhaltspunkte gebe, um die Anschuldigungen weiterzuverfolgen.

    Frage: Wer ist George Pell?

    Antwort: Pell kam 1941 im australischen Ort Ballarat als Sohn eines englischen Einwanderers und einer streng katholischen Mutter zur Welt. Mit 18 Jahren unterschrieb er einen Profivertrag bei einem Profiverein in der Australian-Football-Liga. Doch schon bald hörte er den "Ruf Gottes", wie er es selbst nannte, und trat 1960 einem Priesterseminar bei. Zwischen 1973 und 1983 war er Berater des Bischofs der Diözese seiner Heimatgemeinde. Dieser ließ damals erwiesenermaßen Priester, die Kinder missbrauchten, in andere Pfarren versetzen. Pell will davon nichts gewusst haben.

    Als er 1996 schließlich zum Weihbischof von Melbourne ernannt wurde, verantwortete er das umstrittene "Towards Healing"-Programm, das den Umgang der Kirche mit Missbrauchsopfern regelte und Entschädigungszahlungen bei einem niedrigen Betrag deckelte. Unter Papst Franziskus wurde er schließlich Chef des vatikanischen Wirtschaftsministeriums und somit der dritthöchste Mann im Kirchenstaat.

    foto: ap photo/asanka brendon ratnayake
    Vor dem Gerichtssaal protestierten die Menschen gegen den Kirchenmann.

    Frage: Wie reagiert der Papst auf die Vorwürfe gegen den Kardinal?

    Antwort: Papst Franziskus stimmte im vergangenen Jahr einem Ansuchen Pells zu, der sich von seinen offiziellen Ämtern beurlauben lassen wollte, um sich in Australien zu verteidigen. Eine offizielle Stellungnahme des Kirchenoberhaupts gibt es bis dato nicht. Franziskus dürfte aber noch an seinem Vertrauten festhalten.

    Frage: Gab es in Australien noch mehr Anschuldigungen gegen Priester?

    Antwort: Eine Untersuchung der australischen Royal Commission, die sich mit Missbrauchsvorwürfen gegen Institutionen beschäftigte, kam zu dem Schluss, dass sieben Prozent aller katholischen Priester des Landes beschuldigt wurden, zwischen 1959 und 2010 Kinder missbraucht zu haben.

    Die Kommission bemängelte auch Kardinal Pells Handhabe der Fälle als Erzbischof. Fünf Priester, die ihm in seiner Zeit in Melbourne und Sydney unterstellt waren, wurden des Missbrauchs verurteilt. Manche sagten aus, dass Pell von ihren Verbrechen gewusst habe. (Bianca Blei, 6.3.2018)

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