Der Fall der "irdischen Aliens": Wenn wissenschaftliche Kontrolle versagt

Blog6. März 2018, 07:00
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2010 präsentierten Forscher eine vermeintliche astrobiologische Sensation. Das größte Problem war nicht ihr Irrtum, sondern der Umgang mit den haltlosen Ergebnissen

Wenn ich bei Vorträgen über die wissenschaftliche Suche nach außerirdischem Leben spreche, wird mir im Anschluss meist die gleiche Frage gestellt: Wieso suchen die Wissenschafter immer nur nach Leben, das dem auf der Erde ähnlich ist? Außerirdisches Leben könnte doch auch ganz anders aufgebaut sein. Natürlich ist das den Astrobiologinnen und Astrobiologen bewusst, aber man kann vernünftigerweise nur nach etwas suchen, wenn man sich auch sicher ist, dass man es bemerkt, wenn man es gefunden hat.

Die einzige Art von Leben, die wir gut genug verstehen, um sie identifizieren zu können, ist derzeit jene, die wir von der Erde kennen. Hier wissen wir, wie es funktioniert und welche Auswirkungen es zum Beispiel auf die Zusammensetzung der Atmosphäre eines Planeten hat. Biomarker, also Hinweise auf die Existenz von erdähnlichem Leben (wie etwa freier Sauerstoff oder ähnliches), in der Lufthülle anderer Planeten werden wir mit der nächsten Generation von Teleskopen nachweisen können – sofern es solche Hinweise gibt.

Zu untersuchen, ob und wie Leben auch anders funktionieren kann, ist eine der Aufgaben der Astrobiologie. Es ist eine Fragestellung, die schwer zu beantworten ist, weil es kein entsprechendes Anschauungsmaterial gibt. Wir haben keine "anderen" Lebewesen, die wir erforschen können. Und wie immer, wenn sich die Wissenschaft daran macht, komplett unbekannte Phänomene zu untersuchen, macht sie dabei auch Fehler. So wie im Jahr 2010, als die Entdeckung von "Aliens" auf der Erde ein perfektes Beispiel für den Umgang von Wissenschaft und Medien mit potenziell fehlerhafter Forschung gab.

Überzogene Erwartungen

Für den 2. Dezember 2010 kündigte die US-Weltraumbehörde Nasa eine Pressekonferenz an, in der sie die Präsentation einer "astrobiologischen Entdeckung" versprach, die "Auswirkungen auf die Suche nach außerirdischem Leben" habe. Die Spekulationen in den Medien waren entsprechend groß, teils stark überzogen. Die Realität war dann zwar nicht so spektakulär wie erhofft, aber aus wissenschaftlicher Sicht durchaus außergewöhnlich: "Nasa präsentiert irdische Aliens" schrieb damals zum Beispiel "Spiegel online". "Ein Bakterium, das Leben neu definiert", titelte "Die Zeit". Und tatsächlich hatte eine Forschergruppe unter der Leitung der Geomikrobiologin Felisa Wolfe-Simon die Entdeckung eines extremophilen Bakterienstamms verkündet, der in der Lage ist, Arsen an der Stelle von Phosphor in seine DNA einzubauen.

Für die Astrobiologie wäre das eine wichtige Entdeckung gewesen. Die Bakterien, die man im kalifornischen Mono Lake entdeckt hatte, wären der erste Hinweis darauf gewesen, dass Leben auch anders funktionieren kann, als wir es bisher gewohnt waren. Phosphor ist für alle Lebewesen essenziell; wir brauchen zwar nur wenig davon, aber wir brauchen es. Das neuentdeckte Bakterium sei aber in der Lage, so die Forscher, anstatt Phosphor auch Arsen zu verwenden, wenn kein Phosphor vorhanden ist. So eine Entdeckung hätte, wie in der Ankündigung der Nasa, tatsächlich Auswirkungen auf die Suche nach außerirdischem Leben gehabt. Aber schon unmittelbar nach der Pressekonferenz und der Veröffentlichung des zugehörigen Fachartikels gab es kritische Stimmen.

Kritik auf Anhieb

Johann Heider vom Laboratorium für Mikrobiologie der Universität Marburg sagte zum Beispiel in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, dass "die Datenlage, die dieser Studie zugrunde liegt, nicht ausreicht, um die Aussagen zu rechtfertigen". Auch warf er den Forschern vor, sie hätten "nicht sehr gewissenhaft ihre Daten ausgewertet". Die Mikrobiologin Rosemary Redfield von der University of British Columbia in Vancouver nannte die Studie in ihrem Blog "RRResearch" gar "Lots of flim-flam, but very little reliable information". Wäre das die Arbeit eines ihrer Studenten gewesen, so Redfield, hätte sie ihn damit wieder zurück ins Labor geschickt. Geochemiker Alexander Bradley von der Universität Harvard fasste die Lage so zusammen: "This study lacks any real evidence for arsenate-based DNA; unfortunately these exciting claims are very very shaky."

In den folgenden Monaten versuchten die Wissenschafter um Wolfe-Simon, die Kritik zu entkräften, gaben aber auch Proben des Bakteriums für andere Forscher frei. Damit gelang es Rosemary Redfield im Jahr 2012 zu zeigen, dass die ursprüngliche Behauptung tatsächlich falsch war. Die Bakterien waren zwar in der Lage, Arsen zu tolerieren, bauten dieses Element aber nicht in ihre DNA ein. Es waren keine "außerirdischen Bakterien" – die Ergebnisse von Wolfe-Simon und ihren Kollegen waren falsch.

Dünne Datenlage

An einem wissenschaftlichen Irrtum dieser Art ist an sich noch nichts verwerflich. Wenn man komplett neue Dinge erforscht, macht man zwangsläufig Fehler. Aber im Fall der Arsen-Bakterien haben die üblichen Kontrollinstanzen eindrucksvoll versagt. Die vielen kritischen Stimmen unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ergebnisse haben gezeigt, dass die Datenlage hier viel zu dünn für derart weitreichende Behauptungen war: zu dünn, um in dieser Form im Fachjournal "Science" veröffentlicht zu werden, zu dünn, um sie im Rahmen einer medial groß angekündigten Pressekonferenz zu präsentieren. Aber es waren eben auch Ergebnisse, die extrem außergewöhnlich waren. Und eigentlich sollte die Kontrolle wissenschaftlicher Forschung umso strenger sein, je spektakulärer die Ergebnisse sind.

Genau das war aber nicht der Fall. Gerade weil die Entdeckung "außerirdischer" Bakterien so spektakulär gewesen wäre, schien man hier auf alle Kontrollmechanismen vergessen zu haben. Vor jeder Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift steht die Prüfung durch externe Gutachter, die einen Artikel mit solchen Mängeln normalerweise nicht durchgehen lassen dürfen.

Freispruch für Gutachter?

Aber die Publikation spektakulärer Ergebnisse ist gut für eine Fachzeitschrift, weswegen man hier vielleicht das Urteil der Gutachter nicht so ernst genommen hat, wie man es hätte nehmen sollen. Das vermutete zumindest Redfield: "I hesitate to blame the reviewers, as their objections are likely to have been overruled by 'Science's' editors in their eagerness to score such a high-impact publication." Und tatsächlich ist es ein bekanntes Phänomen, dass die Zahl der fehlerhaften Artikel umso größer ist, je höher auch das "Ansehen" einer Fachzeitschrift ist. Wer im wissenschaftlichen Publikationsgeschäft vorne mit dabei sein will, muss spektakuläre Ergebnisse veröffentlichen. Vergisst man dabei aber auf die Qualitätskontrolle, passiert genau das, was bei den Arsen-Bakterien passiert ist.

De Nasa muss sich ebenfalls vorwerfen lassen, unzureichend belegte Daten vorschnell und unkritisch medial präsentiert zu haben. Auch hier ist die Motivation zwar nachvollziehbar, das Resultat trotzdem nicht akzeptabel. Gerade wenn es um Ergebnisse geht, bei denen man sich als Organisation überdurchschnittlich viel öffentliche Aufmerksamkeit erwarten kann (wenn es um die Suche nach außerirdischem Leben geht, ist das definitiv der Fall), muss man besonders kritisch sein!

Qualität vor Sensation

Das Problem an der Geschichte der Alien-Bakterien aus dem Jahr 2010 ist nicht der wissenschaftliche Irrtum der beteiligten Forscherinnen und Forscher. Es wäre zwar wünschenswert gewesen, wenn sie sorgfältiger gearbeitet hätten, aber Wissenschafter sind eben auch nur Menschen, die Fehler machen und sich manchmal von der eigenen Begeisterung mitreißen lassen. Genau dafür gibt es ja die verschiedenen Kontrollinstanzen und Qualitätssicherungsmaßnahmen der wissenschaftlichen Methode.

Wenn diese aber von den PR-Abteilungen der Forschungsinstitute und den Fachzeitschriften zugunsten öffentlicher Aufmerksamkeit ausgehebelt werden, dann werden solche Fehler zu einem großen Problem. Die Wissenschaft kann und darf es sich nicht leisten, bei der Kontrolle ihrer eigenen Arbeit nachlässig zu werden. Vor allem dann nicht, wenn es um Themen geht, bei denen sie so sehr im Blick der Öffentlichkeit steht. Es ist schwer genug, den Menschen ein vernünftiges Bild der Wissenschaft zu vermitteln. Das noch vorhandene Vertrauen für einen kurzfristigen Medienhype aufs Spiel zu setzen ist unverantwortlich. (Florian Freistetter, 6.3.2018)

  • Der kalifornische Natronsee Mono Lake, der auch einen hohen Arsengehalt aufweist, schaffte es 2010 in die Schlagzeilen. Die spektakuläre Entdeckung, die groß in "Science" und von der Nasa präsentiert worden war, entpuppte sich als Irrtum. Die ganze Episode wäre vermeidbar gewesen, hätte nicht PR über Qualitätssicherungsmaßnahmen gesiegt.
    foto: us geological survey

    Der kalifornische Natronsee Mono Lake, der auch einen hohen Arsengehalt aufweist, schaffte es 2010 in die Schlagzeilen. Die spektakuläre Entdeckung, die groß in "Science" und von der Nasa präsentiert worden war, entpuppte sich als Irrtum. Die ganze Episode wäre vermeidbar gewesen, hätte nicht PR über Qualitätssicherungsmaßnahmen gesiegt.

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