Die Mafia in Don Camillos Dorf

Reportage3. März 2018, 15:00
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Brescello, der kleine Ort in der Poebene und Schauplatz der legendären Schwarzweißfilme um Don Camillo und Peppone, ist fest in der Hand der Mafia

Die Orte der Poebene gleichen einander auffällig: ockerfarbene Häuser im flachen Schwemmland. Die Feuchtigkeit lässt den Putz von den Wänden bröckeln. Im Winter liegt tagelang Nebel über dem von Pappeln bewachsenen Flussufer, an dem Brescello liegt. Und im Sommer können auch kurze Ausflüge ohne Mückenschutz zur Plage werden.

In jeder zweiten Bar hängen verblichene Schwarzweißbilder der folgenschweren Überschwemmung des Poflusses von 1951. Die letzte, die Brescello unter Wasser setzte, liegt erst wenige Wochen zurück. Viele Tage lang war der Ort mit dem Zug nicht mehr erreichbar.

foto: apa / afp / marco bertorello
Überschwemmtes Brescello im Winter 2017/18.

Die rund 30.000 Gäste, die jährlich das malerische Dorf bei Parma besuchen, sind meist nostalgische Cineasten älterer Jahrgänge. Denn in der kleinen Gemeinde am Ufer des Po wurde ein unvergessliches Stück italienischer Kinogeschichte geschrieben: In den 1950er- und 1960er-Jahren war sie Drehort der bekanntesten Romane der Nachkriegszeit um "Don Camillo und Peppone", einen Pfarrer und einen kommunistischen Bürgermeister, die einander in wechselseitiger Hassliebe bekriegen.

Sie machten den Schriftsteller Giovannino Guareschi mit 20 Millionen Buchexemplaren zum meistübersetzten Autor Italiens – und sein Werk zum Nationalepos.

Die erste Auflage des Buches hatte er mit dem Vermerk versehen: "Ich habe sie nicht geschaffen, sondern ihnen nur die Stimme geliehen, geschaffen wurden sie von der Bassa." Die Bassa ist eben jene typische Poebene, aus der Guareschi stammte. Doch für die Verfilmung des Romans wählte der französische Regisseur Julien Duvivier entgegen Guareschis Wunsch nicht dessen Heimatort Fontenelle, sondern das benachbarte Brescello.

Aus einsichtigen Gründen: Dort trennt im winzigen Zentrum nur eine kleine Piazza die Kirche des frommen Pfarrers von der Gemeinde des revolutionären Bürgermeisters.

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Täglich grüßt die Vergangenheit: Bronzestatue der Romanfigur Peppone auf der Piazza von Brescello mit der Kirche Don Camillos.

Zwei Bronzestatuen vor dem Rathaus und der Kirche Santa Maria Nascente erinnern an die unvergessenen Protagonisten und deren ständige Versuche, sich gegenseitig bei den religiösen und politischen Missionierungsversuchen zu behindern.

Unsanft aufgeweckt

Wichtigster Anziehungspunkt ist das Filmmuseum mit den leicht verstaubten Requisiten der beiden Kontrahenten, den historischen Plakaten und Peppones roter Moto Guzzi mit Beiwagen. Die unvergessenen Filmprotagonisten, dargestellt von Fernandel und Gino Cervi, sind im Ort allgegenwärtig: auf Fotos, T-Shirts, Tassen und in Schaufenstern. Kaum besucht wird hingegen das archäologische Museum, in dem man die wechselvolle Geschichte des Ortes zurückverfolgen kann bis zum fernen Brixellum der Römerzeit.

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"Die große Schlacht des Don Camillo" (1955) mit Fenandel und Gino Cervi.

Vor 18 Monaten wurde die 5000-Einwohner-Gemeinde aus ihrer Inszenierung der Vergangenheit abrupt in die raue Gegenwart des aktuellen Italien versetzt. Die römische Regierung verfügte die Auflösung des Gemeinderats – wegen Unterwanderung durch die Mafia.

Die in den reichen Regionen des Nordens allgegenwärtige kalabresische 'Ndrangheta – zuletzt auch wegen des Mordes an dem slowakischen Journalisten Ján Kuciak in den internationalen Schlagzeilen – hatte in Brescello Fuß gefasst. Der langjährige linke Bürgermeister Marcello Coffrini trat zurück.

Er soll den im Ort ansässigen Mafiaclan des bereits verurteilten Bosses Francesco Grande Aracri begünstigt, ihm öffentlichen Grund verkauft und Bauaufträge zugeschanzt haben. Brescello wird bis zu den nächsten Wahlen kommissarisch verwaltet.

Bei einem derzeit laufenden Mafiaprozess in Reggio Emilia mit 147 Angeklagten schilderte der reuige 'Ndrangheta-Boss Vincenzo Marino anschaulich die Methoden, mit denen Uneinsichtige in Brescello gefügig gemacht wurden: "Wenn andere Mittel versagen, greifen wir zur unmissverständlichen Morddrohung. Die wirkt immer."

Die Geschäftsfelder der kriminellen Organisation reichen vom Drogenhandel über die illegale Lagerung von Giftmüll bis zu dubiosen Immobiliengeschäften. Marino: "Wenn die Summe stimmt und der nötige Druck ausgeübt wird, sind alle käuflich."

Radikaler Wandel

Für die bisherige Musterregion Emilia Romagna stellt der Fall Brescello ein bedrohliches Alarmsignal dar: Er trübt das sorgsam gepflegte Image vorbildlicher Verwaltung durch die kommunistische Partei. Das Modell der "Emilia Rossa" hat Risse bekommen. So kürte Parma als erste Großstadt Italiens einen Bürgermeister der Fünf-Sterne-Bewegung. Und bei den Regionalwahlen sackte die Beteiligung von fast 70 auf früher unvorstellbare 37 Prozent ab.

Die Region ist Schauplatz eines tiefgreifenden Strukturwandels, dessen deutlichstes Symbol man nur zehn Autominuten von Brescello besichtigen kann: Dort steht in der Gemeinde Novellara der zweitgrößte Sikhtempel Europas. In der Multikultigemeinde beträgt der Ausländeranteil fast ein Drittel.

Die Molkerei ist bei der Parmesanherstellung auf indische und pakistanische Sikhs angewiesen. "Ohne sie müssten wir die Arbeit einstellen", gesteht der Vorsitzende Maurizio Sassi. Rund um Parma melken fast 5000 Sihks die Kühe der Umgebung, in der gesamten Poebene liegt deren Zahl beim Zehnfachen.

Der tiefgreifende Wandel pflügt die politische Landschaft erbarmungslos um. Zu den bevorstehenden Parlamentswahlen an diesem Sonntag treten in Italien fast einhundert politische Formationen an. Sie tragen surreale Bezeichnungen wie "Zehnmal besser" oder "Hoch lebe die Physik" und sind dazu angetan, die grassierende Politikmüdigkeit der Italiener weiter zu vertiefen. Nach Überzeugung der Meinungsforscher könnte die Hälfte der Wahlberechtigten am 4. März zu Hause bleiben.

Redeverbot für Pfarrer

Hier macht auch die ehemals rote Hochburg Emilia Romagna keine Ausnahme. Die in dieser Region einst allmächtige kommunistische Partei gehört längst der Geschichte an. Auch das von Guareschi unterhaltsam geschilderte Duell zwischen dem dickschädeligen Pfarrer und dem revolutionären Bürgermeister wäre längst nicht mehr vorstellbar.

foto: picturedesk / interfoto / lu wortig
Legendäre Filmszene: "Don Camillos Rückkehr" (1953).

Denn neben den Kommunisten gehören in Italien auch die Priester zur aussterbenden Spezies. Im Mutterland der katholischen Kirche fehlen fast 9000 Pfarrer, die Zahl der noch amtierenden ist auf 8700 gesunken. Brescellos Pfarrer Don Evandro Gherardi zeigt durchaus Züge des prominenten Filmhelden: "Es gibt die Mafia, aber nicht alle sind Mafiosi", erklärt er zur Verteidigung des abgesetzten Bürgermeisters, dessen Sohn er einst die Erstkommunion spendete. Der Bischof reagierte umgehend mit einem Redeverbot in weltlichen Angelegenheiten.

Auf dem schwarzen Brett an der Kirchentür weist der Pfarrer darauf hin, dass er "für Touristen nicht zu sprechen" sei und sie das Gotteshaus "während der Messe und des Gebets nicht besuchen dürfen". Filmaufnahmen ohne Genehmigung sind untersagt.

Misstrauen und Wehmut

Beim Betreten der Kirche an einem winterlichen Vormittag ist der Nebel so dicht, dass man die Türklinke nur mit Mühe erkennt. Das Innere ist menschenleer. Eine alte Frau, die eine Blumenvase auf den Altar stellt, mustert den Eindringling kritisch. Denn fast alle Besucher steuern nach dem Portal sofort die linke Seitenkapelle an.

Dort, vor dem mit elektrischen Kerzen erleuchteten Holzkruzifix des "Cristo parlante", führte Don Camillo in Momenten des Zweifels seine "Zwiegespräche mit dem Gekreuzigten". Verwaist ist auch die Kanzel, von der er seine legendären Brandpredigten an die Gläubigen richtete. Nur die ältesten Bewohner Brescellos erinnern sich an jene legendäre Szene der Dreharbeiten, in der Don Camillo schwitzend die Kirchenglocken läutete, um die Wahlrede des kommunistischen Bürgermeisters vor dem Rathaus zu übertönen, an dessen Fassade Hammer und Sichel prangten.

Zum Schock der Auflösung des Gemeinderats äußern sich die Bewohner nur widerwillig und eher einsilbig. Der Sitz des sozialdemokratischen Partito Democratico in der Via Verdi ist meistens geschlossen, die Partei hat Nachwuchssorgen. Jene, die auf der Website Rat suchen, erhalten eine Antwort, die Schlüsse auf den Zustand der Partei zulässt: Die Adresse ist nicht erreichbar, der Provider bietet sie zum Verkauf an.

Ein paar ältere Bewohner erinnern sich wehmütig an jene Szene, in der Peppone auf dem Balkon sein Neugeborenes in die Höhe hält und verkündet, soeben sei "ein Kommunist zur Welt gekommen". Man kann es den Bewohnern eines mit Legenden überfrachteten Ortes wie Brescello kaum verübeln, dass hier die Trennlinien zwischen Realität und romanhafter Fiktion häufig verschwimmen.

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