Wenn Frauenrechte Männersache sind

    Gastkommentar7. März 2018, 12:00
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    Derzeit droht ein folgenschwerer Backlash in Sachen Geschlechtergerechtigkeit. Was ist zu tun?

    Österreich ist weiblich. Zumindest dann, wenn der Blick auf das Geschlechterverhältnis in der österreichischen Gesamtbevölkerung gerichtet wird. Biologisch betrachtet sind 51 Prozent Frauen. Laut dem Gender Index 2016 soll dieses Verhältnis auch 2050 noch Bestand haben. Wandert der Blick in die Genderstatistiken weiter, so ändert sich das Bild schlagartig. Laut dem von der Arbeiterkammer jährlich durchgeführten "Frauen.Management.Report" lag der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der Top-200-Unternehmen in Österreich im Jahr 2017 bei 7,2 Prozent. Von den Aufsichtsratsmitgliedern der Top-200-Unternehmen sind 18,1 Prozent Frauen. Der im November 2017 neu zusammengesetzte Nationalrat weist mit gerade einmal 34,43 Prozent den höchsten Frauenanteil in der hundertjährigen Geschichte der Republik auf.

    Männer entscheiden

    Fazit: Frauen machen mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus, sind aber in entscheidenden Bereichen des öffentlichen Lebens unterrepräsentiert. Damit sind es überwiegend Männer, die darüber entscheiden, wie unser gesellschaftliches Zusammenleben auszusehen hat. Das bedeutet auch, dass Männer Entscheidungen fällen und Regeln vorgeben, die in unserem derzeitigen System vorwiegend Frauen betreffen. Frauenrechte sind de facto Männersache.

    Dies führt unweigerlich dazu, dass die Lebensrealitäten von Frauen in unserer Gesellschaft unzureichend vertreten und berücksichtigt werden. Ganz einfach deshalb, weil wir Männer nicht einmal im Ansatz nachempfinden können, was es bedeuten muss, in unserer Gesellschaft eine Frau zu sein. Dasselbe gilt auch anders herum. Für eine gleichwertige Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft braucht es dementsprechend auch eine ausgewogene und gleichwertige Partizipation und Repräsentation der Geschlechter in Politik, Wirtschaft und allen anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Davon sind wir selbst in Österreich noch weit entfernt.

    Neue Steine im Weg

    Der Weg in Richtung Geschlechtergleichstellung ist lang, steil und steinig. Insbesondere dann, wenn er nicht von uns allen, Frauen und Männern, gemeinsam gegangen wird. Solange sich die eine Hälfte der Bevölkerung unentwegt gegen die andere Hälfte behaupten und durchsetzen muss, wird dieser Weg unnötig beschwerlich sein. Die Frauenbewegung hat in der Vergangenheit Großartiges geleistet und weite Strecken dieses Weges bereits geebnet. Viele Errungenschaften, die unsere heutige Gesellschaft ausmachen und von denen wir alle profitieren, verdanken wir diesen unzähligen starken Frauen.

    Nach wie vor setzen sich unzählige Frauen unermüdlich für die Gleichstellung der Geschlechter und eine gerechtere Gesellschaft ein. Trotz allem liegt das Ziel noch in weiter Ferne, und beinahe täglich scheinen ihnen neue Steine in den Weg gelegt zu werden.

    Der Backlash droht

    Insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen sich der Rechtspopulismus daranmacht, wieder die gesellschaftlichen Zügel in die Hand zu nehmen, droht mehr denn je ein folgenschwerer Backlash in Sachen Geschlechtergleichstellung. Ein Blick in das türkis-blaue Regierungsprogramm reicht, um festzustellen, dass gleichstellungsfördernde Politik in den nächsten Jahren nicht auf der politischen Agenda steht. Ganz im Gegenteil droht eine Rückkehr zu starren Geschlechterrollen und ein Wiedererstarken konservativer Denkmuster, die einer modernen Gesellschaft nicht gerecht werden können.

    Zivilgesellschaftliches Engagement

    Umso mehr braucht es ein breites zivilgesellschaftliches Engagement, das diesen drohenden Entwicklungen entgegenwirkt. Geschlechtergleichstellung darf dabei jedoch keine Frauenangelegenheit sein. Gerade dann nicht, wenn selbst die Ministerinnen der Bundesregierung einem wegweisenden Frauenvolksbegehren kollektiv die Unterstützung versagen und die Solidarität der Frauen untereinander enden wollend erscheint.

    Vielmehr braucht es einen Schulterschluss zwischen jenen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft, die diesen Weg in Richtung Geschlechtergleichstellung entschlossen weitergehen wollen. Denn gemeinsam lassen sich diese Steine leichter aus dem Weg räumen und das Ziel schneller erreichen.

    Miteinander und gemeinsam

    Für diesen Schulterschluss zwischen Frauen und Männern steht auch die UN-Women-Kampagne HeForShe, die Männer dazu ermutigt, sich einzubringen und aktiv für die Gleichstellung der Geschlechter einzutreten. Mit HeForShe Vienna gibt es nun seit zwei Jahren einen Verein, der die HeForShe-Kampagne in Wien und ganz Österreich vertritt und diesen Schulterschluss zwischen Frauen und Männern entschlossen vorantreibt. Tatkräftige Unterstützung kommt dabei seit einem Jahr von HeForShe Graz.

    Der große Zuspruch, den die HeForShe-Kampagne erfährt und das aktive Engagement vieler Männer für Geschlechtergleichstellung zeigen, dass Gleichstellung kein Frauenthema ist, sondern Frauen und Männer gleichermaßen betrifft. Was auf den ersten Blick ein Frauenthema zu sein scheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Gesellschaftsthema. Selbiges gilt wiederum genauso für vermeintliche Männerthemen.

    Wie wollen wir zusammen leben?

    Denn hinter all dem steckt die grundlegende Frage, wie wir uns als Gesellschaft organisieren und unser Zusammenleben gestalten möchten. Gesellschaftlicher Wandel kann aber nur dann inklusiv und nachhaltig sein, wenn er auch von allen gemeinsam getragen wird.

    Daher müssen auch wir Männer uns aktiver einbringen und unseren Teil dazu beitragen. Die Gleichstellung der Geschlechter verspricht eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft für Frauen und Männer. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichwertig sind und nicht unser Geschlecht darüber bestimmt, wie wir unser Leben zu leben haben. Lasst uns diesen Weg gemeinsam beschreiten! (Gerhard Wagner, 8.3.2018)

    Gerhard Wagner ist Obmann von HeForShe – Verein zur Förderung der HeForShe-Kampagne der Vereinten Nationen.

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      Jene Frauen und Männer in unserer Gesellschaft, die diesen Weg in Richtung Geschlechtergleichstellung entschlossen weitergehen wollen, müssen sich zusammen tun.

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