Wie man schleichenden Hörverlust erkennt

    3. März 2018, 15:00
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    Jeder fünfte Österreicher hört schlecht. Auch immer mehr junge Menschen sind betroffen und haben dadurch Schwierigkeiten im Job

    Etwa 20 Prozent der Österreicher – rund 1,7 Millionen Menschen – leben mit einer Form der Hörbeeinträchtigung. Obwohl die Altersschwerhörigkeit den Großteil der Fälle ausmacht, sind auch junge Menschen von Hörverlust betroffen. Wer etwa mit 18 Jahren dauerhaft laute Musik konsumiert hat, dem droht bereits mit 30 bis 40 Jahren ein deutlicher Verlust des Hörvermögens.

    Bis zu 26 Prozent der 21- bis 40-Jährigen haben Schwierigkeiten, Stimmen und Geräusche wahrzunehmen. "Doch die Wenigsten gehen offen damit um. Viele befürchten eine Stigmatisierung und Probleme mit ihrem Arbeitgeber", sagt Gregor Demblin, Geschäftsführer der Unternehmensberatung My Ability, die sich mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben beschäftigt.

    Daher sei die Dunkelziffer in der jüngeren Altersgruppe besonders hoch. Auch ist der schleichende Hörverlust den Betroffenen in seinem Umfang oft nicht voll bewusst – bis er Schwierigkeiten verursacht.

    Belastende Hintergrundgeräusche

    "Viele glauben, dass Schwerhörigkeit einfach bedeutet, alles leiser zu hören. Das ist aber meist nicht der Fall. Schwerhörigkeit bedeutet oft, dass Stimmen und Geräusche verzerrt wahrgenommen werden. Oder Betroffene hören bestimmte Laute nicht mehr und müssen daher immer aus dem Kontext heraus eruieren, ob die Kollegin zum Beispiel gerade 'Feld' oder 'Held' gesagt hat. Hohe Stimmen werden als Erstes schwerer verständlich", so Demblin. Typisch ist, dass Betroffene in Situationen mit vielen Hintergrundgeräuschen überfordert sind – wie etwa in Großraumbüros.

    Soziale Isolation, Depressionen und erhöhte Erkrankungs- beziehungsweise Unfallgefahr sind bekannte Folgeprobleme von Schwerhörigkeit. Sobald eine Schwerhörigkeit bemerkt wird, sollte daher möglichst früh ein HNO-Arzt aufgesucht werden.

    Hörverlust erkennen

    Diese Symptome sind ein Hinweis auf frühzeitigen und schleichenden Hörverlust:

    • Die hohen Töne schwinden: Hochfrequente Laute, wie "s" oder "f" werden als Erstes schwer verstanden. Betroffenen ist zum Beispiel unklar, ob ihr Gegenüber gerade von "Reihe", "Reise" oder "Reife" gesprochen hat. Sie überhören rauschende und zischende Geräusche oder hohe Töne wie etwa Vogelgezwitscher.
    • Laute Umgebungen werden immer störender: Situationen mit vielen Nebengeräuschen bereiten Betroffenen Schwierigkeiten, zum Beispiel Gespräche auf Partys oder in vollen Restaurants.
    • Das Ohr ermüdet am Abend: Auch wenn Betroffene untertags andere gut verstehen – ihr Gehirn hat es abends oder in ermüdenden Situationen schwerer, Sätze zu entschlüsseln, bei denen das Ohr das eine oder andere Wort nicht erfasst hat.
    • Wie laut ist der Fernseher? Wenn die Lautstärke des TV-Geräts oder Radios immer weiter nach oben kriecht und man die Lieblingsserie bereits am Gang wahrnehmen kann, ist ein Hörtest angebracht.

    "Je länger das Gehör nicht genützt wird, umso weniger effektiv sind technische Hörlösungen", betont Wolfgang Gstöttner, Vorstand der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten der Med-Uni Wien. Im Fall einer leichten oder mittelgradigen Beeinträchtigung seien Hörgeräte eine gute Lösung. Bringen sie keinen Erfolg, können Hörimplantate helfen.

    Wer sich Jahr für Jahr ohne Hörgerät weiterquält, bei dem ist irgendwann die Sprachverständlichkeit stark reduziert, und die Hörgewohnheiten sind verändert. Bekommt man dann ein Hörgerät, empfindet man die "Korrektur" oftmals als fremd. Je länger man zuwartet, desto schwerer fällt die Gewöhnung. "Die Menschen kommen oft sechs bis zehn Jahre zu spät zum Test. Verwenden sie dann ein Hörgerät, muss mit einer längeren Gewöhnungszeit gerechnet werden", weiß auch Josef Riegler, Bundesinnungsmeister der Hörakustiker. Hinzu komme: Menschen, die ein solches Gerät haben, tragen es oft nicht.

    Smartes Hörgerät

    Hörgeräte arbeiten wie kleine Computer im oder hinter dem Ohr. Moderne Geräte reduzieren Störgeräusche und Rückkoppelungseffekte und passen sich automatisch an unterschiedlich laute Situationen an. Neue Modelle können sich via Bluetooth mit Mobiltelefonen, TV oder auch Smart-Home-Geräten verbinden.

    In Österreich sind laut Schätzungen ein bis zwei Prozent der Schulkinder hörbeeinträchtigt, bei den 15- bis 19-Jährigen sind es 15 Prozent, bei den über 60-Jährigen 30 und bei den über 65-Jährigen 50 Prozent. Aufgrund der demografischen Entwicklung wächst der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung – und damit auch der Anteil der Menschen mit Schwerhörigkeit.

    Die Weltgesundheitsorganisation gibt Hörverlust im Erwachsenenalter als die weltweit häufigste Ursache für Behinderung an. Sie schätzt die globalen Kosten von unbehandeltem Hörverlust auf 750 bis 790 Milliarden Dollar jährlich. (red, 3.3.3018)

    • Isolation, Depressionen und Demenz können die Folge von Hörverlust sein.
      foto: istock

      Isolation, Depressionen und Demenz können die Folge von Hörverlust sein.

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