Flakturm: Historisieren statt Trivialisieren

    Analyse2. März 2018, 07:00
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    In der Debatte um Lawrence Weiners Arbeit am Flakturm im Esterházypark geht es um mehr als Kunst: um Erinnerungskultur

    Wien – Die Polemik folgte stets wie das Amen im Gebet. Wann auch immer am Flakturm im Esterházypark – nicht nur symbolisch – gerüttelt wurde, in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkt wegen baulicher Adaptionen, die das Haus des Meeres am Kriegsrelikt vornahm oder vornehmen wollte, so poppten Diskussionen auf. Debatten, die jeweils von "nicht antasten, bitte" bis "endlich weghaben wollen" reichten. Verwunderlich ist das nicht: Schließlich geht es um den noch immer vagen Bereich der Erinnerungskultur und den Umgang mit architektonischen Spuren unrühmlicher NS-Vergangenheit. Sollte es dafür eine eindeutige, offizielle Übereinkunft geben, oder sollte er vielmehr stets neu ausverhandelt werden?

    Dass es im aktuellen Streitfall zu Lawrence Weiners verlustig gehender Wortskulptur Smashed to Pieces (In the Still of the Night) also vorrangig um Haltungen zur Kunst im öffentlichen Raum und ihren Mahnmalcharakter sowie speziell zur Konzeptkunst geht, ist nur bedingt richtig. Die Kontroverse ist untrennbar mit ihrem baulichen Sockel, dem Flakturm, verknüpft; also mit der Frage, ob dieser auch allein für sich Mahnmal des "Niemals vergessen" oder schützenswertes Denkmal ist.

    Ob ein Satz Kunst sein kann

    Die Skepsis durchaus großer Bevölkerungsteile, ob ein Satz überhaupt Kunst sein kann, ist da im Vergleich relativ schnell zu beantworten. Ja. Weil Sprache, nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Kunst ein Material ist, das Räume erschafft – im Stadtbild besonders jene der Resonanz. Und für Weiner selbst sind Worte ein gleichwertiges Medium zu Holz, Bronze oder Stein.

    In der diffizileren Frage – architektonisches Mahnmal, ja oder nein? – haben sich Stadt wie Bund offenbar für ein Nein entschieden. Denn die Wiener Flaktürme sind nicht Teil der offiziellen städtischen Erinnerungskultur. Keine Tafel, wo es sonst in der Stadt nur von Tafeln wimmelt, bekundet einen Erinnerungswillen. Als etwa die KPÖ Wien am Gefechtsturm in Arenbergpark 2002 ein Schild anbrachte, verschwand dieses wenige Wochen später.

    Denkmalstatus

    Auch der Denkmalstatus für die Flaktürme ("vermuteter Denkmalschutz") galt zunächst nur so lange, bis im Auftrag des Eigentümers das Gegenteil festgestellt wurde.*** Im Esterházypark war dem so, dabei sind die Flaktürme die einzigen authentischen baulichen Relikte der NS-Zeit in Wien. Spricht der Stahlbetonriese in Mariahilf tatsächlich für sich selbst, oder erschweren nicht sogar Funktionen, die keinerlei Bezug auf die Geschichten der Bauten nehmen, eine solche Ablesbarkeit, wie Ute Bauer in ihrer Publikation Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer Erinnerungskultur (Phoibos 2015) schreibt? Vielmehr würde der Bau "durch Freizeitnutzung trivialisiert". Die Transformation in etwas Nichtssagendes, in ein Architekturhybrid wird sich mit den Bauplänen das Haus des Meeres nun steigern.

    Darüber reden, kontextualisieren und historisieren statt zudecken und ausradieren, das sei auch der aktuelle Paradigmenwechsel, der sich in der Gedenkkultur abzeichnet, so Aleida Assmann 2017 zum STANDARD. Lasst uns also weiterreden! (Anne Katrin Feßler, 2.3.2018, korrigiert/ergänzt)

    *** Diese Denkmalschutzverordnung nach Paragraph 2a endete mit Jahresende 2009. Bis auf jenen im Esterházypark wurden alle anderen Wiener Flaktürme aber inzwischen unter Schutz gestellt.

    • Für Lawrence Weiner sind Worte ein gleichwertiges Medium zu Holz, Bronze oder Stein.
      foto: newald

      Für Lawrence Weiner sind Worte ein gleichwertiges Medium zu Holz, Bronze oder Stein.

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