"Call Me by Your Name": Was vom Sommer blieb

2. März 2018, 07:22
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Im Oscar-nominierten Film erzählt Luca Guadagnino von einer Männerfreundschaft, aus der mehr wird

Wien – Mit einer Unterscheidung beginnt bereits André Acimans Roman, auf dem dieser Film basiert. "Later!" ("Später!"), heißt es im ersten Absatz des Buches, lautet der saloppe, amerikanisch unverbindliche Gruß, mit dem sich Oliver gewohnheitsmäßig verabschiedet. Der hochgewachsene Adonis, den in Luca Guadagninos Call Me by Your Name US-Star Armie Hammer verkörpert, ist ein Archäologiedoktorand, der den Sommer 1983 in Norditalien am idyllischen Sommersitz der Perlmans verbringt, einer kosmopolitischen jüdischen Familie.

foto: sony
Die Sonne brennt auf den Körper, die Sinne sind in Aufruhr: Timothée Chalamet und Armie Hammer (hinten) in "Call Me by Your Name".

Dort führt er Gespräche über Literatur und Kunst, man musiziert, fährt Rad, schwimmt, tanzt und pflegt vor allem den Müßiggang. Der italienische Regisseur Guadagnino, der schon in Filmen wie A Bigger Splash sein großes Talent darin bewiesen hat, Stimmungen zu evozieren, die sich wie Launen ineinanderschmiegen, entwirft das Schauspiel eines trägen, aber ebenso sinnlichen Sommers.

Fast meint man in diesem Film, die Sonne auf der eigenen Haut zu spüren und etwas von den Gerüchen der Saison in der Nase zu entdecken. Die Freude am Genuss, schrieb ein US-Kritiker so treffend, ist bei Guadagnino kein vordergründiger Effekt, sie ist seine eigentliche Obsession, das künstlerische Prinzip.

Sinnesfreuden sind in Call Me by Your Name allerdings auch konkret auf ein Begehren gemünzt, von dem der 17-jährige Elio, der Sohn der Perlmans, noch zu wenig weiß, um es ganz zu erfassen. Der New Yorker Timothée Chalamet feiert mit diesem Part (und einem weiteren, kleineren in Greta Gerwigs Lady Bird) nun seinen Durchbruch und wurde zu Recht auch für einen Oscar nominiert. Wie er auf die Präsenz des selbstsicheren, um einige Jahre älteren Amerikaners reagiert, das zeigt sich als präzise getroffene Verunsicherung.

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Elio ist hin- und hergerissen zwischen Ablehnung und Faszination, wobei Ersteres im Grunde nur unbeholfen Letzteres verschleiern will. Er muss es bei Oliver probieren. Diese Annäherung, mit der der Jugendliche auch sein eigenes Auftreten modelliert, seine Gesten erprobt, bestimmt den Lauf des Films. Elio lässt dafür sogar seine Freundin (Esther Garrel) im Regen stehen.

Guadagninos Film ist dennoch kein Coming-of-Age-Film im orthodoxen Sinne, weil er die Erotik der Anziehung nicht für die Identitätsfindung seiner Figuren braucht. Er erzählt vielmehr von einem schwebenden Taumeln, das von sich noch gar keinen Begriff hat – und das überaus stimmig in den eingestreuten Sufjan-Stevens-Songs mitschwingt.

Oliver und Elio kommen sich lange nicht näher, aber jede zufällige Berührung wird zu einem möglichen Hinweis dafür, dass man noch einen Schritt weiter wagen könnte. Die Kamera von Sayombhu Mukdeeprom tastet sich von einer Geste zur nächsten, sie spielt mit der Erwartung des Zuschauers und lässt die mediterrane Landschaft dazu in 35-mm-Bildern pulsieren.

Vielfältige Echos

Die Geduld, die Call Me by Your Name - das Drehbuch stammt von James Ivory – für dieses wechselseitige Ausprobieren lässt, die flanierende, aber nie ermüdende Gangart des Films, ist aber noch nicht einmal sein größtes Verdienst. Guadagnino vermag es auch, diesem sinnlichen Verführungsspiel eine reflexive Ebene zu verleihen. Er findet beharrlich Wege, die Außenwelt zu diesem zarten Band in Beziehung zu setzen. In den unaufdringlich eingebundenen Gesprächen über antike Ästhetik, die Ideale einer Männerfreundschaft und Philosophie findet sich ein Echo auf die Unschuld dieser Beziehung.

Oder auch mittels Motiven wie Pfirsichen, deren Ursprung in einer Unterhaltung zwischen Oliver und seinem Vater, dem Professor (Michael Stuhlbarg), etymologisch hergeleitet wird; das Obst wird später dann luststeigernd eingesetzt, wenn Elio mit dem "Fruchtfleisch" masturbiert.

Call Me by Your Name changiert zwischen einer körperlichen und einer lyrischen, sanft vergeistigten Realität; und weiß davon zu erzählen, wie nah das Glück eines geteilten Moments schon an der Schwermut liegt. Jeder Sommer vergeht. In einer der schönsten Szenen ist es dann Elios Vater, der die Gefühlswirren seines Sohnes durchschaut und ihm einen Rat auf den Weg gibt: "Töte den Schmerz und die Trauer nicht, sonst bist du mit dreißig bankrott." Ein Satz, der Elio vielleicht im Moment nicht hilft, aber mit ein Grund dafür ist, warum dieser Film lange nachwirkt. (Dominik Kamalzadeh, 2.3.2018)

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