Milliarden der Währungshüter verpuffen

28. Februar 2018, 17:49
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Die EZB pumpt weiter Geld in die Märkte, um die Inflation anzufachen. Dennoch sinkt diese seit über einem Jahr. Österreich bleibt Musterschüler

Wien – Die Wirtschaft in Europa boomt, die Nachwehen der Finanz- und Eurokrise sind in den meisten Ländern überstanden. Was fehlt, ist die Inflation. Die Teuerung in der Eurozone ist im Februar auf 1,2 Prozent zurückgegangen, gab Eurostat am Mittwoch bekannt. Das ist der niedrigste Wert seit mehr als einem Jahr und deutlich unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp unter zwei Prozent.

Dieses Zwei-Prozent-Ziel der EZB ist kein Selbstzweck. Steigen die Preise zu wenig oder gar nicht, ist die Gefahr einer Deflation gegeben, bei der das Preisniveau in einer Volkswirtschaft zu sinken beginnt. Wenn das geschieht, investieren Unternehmen und Konsumenten in Erwartung noch niedrigerer Preise immer weniger, was wirtschaftlich fatal ist.

Auf dem Gaspedal

EZB-Chef Mario Draghi muss nun zunächst weiter auf dem Gaspedal bleiben. Der Leitzins wird wohl noch länger bei null bleiben müssen, so Analysten. Das seit rund drei Jahren laufende Kaufprogramm für Staats- und Unternehmensanleihen, das mindestens bis Ende September 2018 laufen soll, wird bis auf Weiteres wohl ebenso nicht ausgesetzt werden. Mit dem Kaufprogramm will die EZB die Inflation in der Eurozone ankurbeln. Bisher ist ihr das nicht gelungen, obwohl die Zentralbank Papiere im Wert von inzwischen über zwei Billionen Euro erworben hat.

Dass die Kraftanstrengungen der Währungshüter kaum Wirkung zeigen, beunruhigt Konjunkturbeobachter jedoch nicht wirklich. Das hat mehrere Gründe.

Die Preise im Warenkorb, anhand dessen die Inflation gemessen wird, entwickeln sich sehr unterschiedlich. Für die widerspenstige Inflationsentwicklung sind laut Eurostat aktuell vor allem die zurückhaltende Energie- und Lebensmittelkosten verantwortlich. Beide Komponenten des Warenkorbs sind üblicherweise volatiler als der Rest.

Im Februar verteuerte sich Energie mit 2,1 Prozent langsamer als noch zu Jahresbeginn. Ebenso fiel die Teuerungsrate bei Lebensmitteln, Alkohol und Tabak mit 1,1 Prozent geringer aus. Die Konjunkturforscher berechnen daher auch die Kerninflation, ohne Energie- und Nahrungsmittel.

Kerngesunde Inflation

Diese soll laut Eurostat in den kommenden zwei Jahren über die allgemeine Inflationsrate steigen. Energiepreise hängen stark vom Weltmarkt ab. Bröckelnde Disziplin der Ölförderländer, der Erdgasboom in Nordamerika sowie die Nachfrage aus den Schwellenländern Asiens machen somit der EZB einen Strich durch die Rechnung.

Gleichzeitig führt die Eurostärke zu höherer Kaufkraft in Europa, sprich zu billigen Importen. Der Euro hat binnen eines Jahres um 15 Prozent zum Dollar aufgewertet. Somit drückt auch die US-Währung die Konsumentenpreise in der Eurozone. Preise für Nichthandelbares, jene für Dienstleistungen, sind entsprechend der EZB-Geldpolitik angezogen.

Aufgrund dieser Entwicklung erwarten Experten, dass die EZB im laufenden Jahr ihre Anleihekäufe nach und nach zurückfahren wird. Erst im Jahr 2019 könnte die Zentralbank dann auch wieder den Leitzins erhöhen, schätzt Josef Baumgartner, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Obwohl der Zielwert für die Inflation außer Reichweite bleibt, würde sich die EZB damit langsam wieder Handlungsspielraum für den nächsten Konjunktureinbruch schaffen, vermutet der Ökonom.

Wichtige Signalwirkung

Dass die außerordentlichen Maßnahmen die Preise nicht stärker erhöht haben, sei zweitrangig. "Das Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent, ist pragmatisch gewählt", sagt Baumgartner. Messfehler und methodische Feinheiten, würden damit ebenso berücksichtigt. Wichtig sei die Signalwirkung, dass die Preise stabil bleiben. Das wurde durchaus erreicht. Sollte die Inflation plötzlich doch wieder anziehen, habe die EZB mit Zinserhöhungen ein effektiveres Mittel, die Zügel wieder anzuziehen.

Österreich zählt zu den Euroländern mit überdurchschnittlicher Preisentwicklung, zu den EZB-Musterschülern: Die Inflation liegt aktuell bei etwa zwei Prozent. Laut Wifo soll das auch im kommenden Jahr so bleiben. Dass die Konjunktur hierzulande überhitze, bezweifelt Baumgartner aber. "Die Lohn-Preis-Spirale ist noch nicht massiv angesprungen." Vor allem die weiterhin überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit gilt als Zeichen, dass die Wirtschaft noch Luft nach oben hat. (slp, szi, 28.2.2018)

  • Die Kraftanstrengungen der Währungshüter fruchten recht wenig.
    foto: reuters/francois lenoir

    Die Kraftanstrengungen der Währungshüter fruchten recht wenig.

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