Kindergräber und der Kairos: Was sich alles in kroatischen Kellern versteckt

Blog1. März 2018, 08:00
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Grabungen im Keller eines romanischen Hauses aus dem 12. Jahrhundert in Trogir werfen Licht auf die Stadtgeschichte des griechisch-römischen Tragurium

Gerne übersehen, liegt etwa 25 Kilometer nordwestlich von Split eine Perle der romanischen und gotischen Architekturgeschichte, das kleine Städtchen Trogir. Nicht zu Unrecht zählt die auf einer winzigen Insel gelegene Altstadt, die durch eine Steinbrücke mit dem Festland verbunden ist, seit 1997 zum Weltkulturerbe der Unesco. Die engen Gassen, die Häuser aus dem gleißend hellen lokalen Kalkstein, das historische Straßenpflaster und die kleinen Läden und Cafés vermitteln das Lebensgefühl, das man als Mitteleuropäer gerne mit der mediterranen Welt verbindet. Es verwundert nicht, dass dieses hervorragend erhaltene städtebauliche Ensemble immer wieder die Filmindustrie anzieht, wobei es dann als Kulisse für Piraten- oder Westernstädte dient.

foto: n. gail, öaw/öai
Die kleine Altstadt von Trogir mit dem markanten Turm der St.-Laurentius-Kathedrale. Über Brücken ist sie im Norden mit dem Festland und im Süden mit der Insel Čiovo verbunden.
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Die engen Gassen von Trogir.

Ein winterliches Unternehmen

Den Charme, den Trogir in der warmen Jahreszeit vermittelt, können wir, ein Grabungsteam aus österreichischen und kroatischen Archäologinnen und Archäologen, zurzeit nur bedingt genießen. Zu intensiv pfeift uns die kalte und stürmische Bora um die Ohren. Der etwas ungewöhnliche Zeitpunkt der Grabungen im Februar begründet sich im niedrigen Grundwasserspiegel um diese Jahreszeit, der es zulässt, möglichst frühe, also tief gelegene historische Schichten zu erreichen. Dabei kommt auch eine leistungsstarke Schmutzwasserpumpe im Grabungsareal zum Einsatz. Ziel ist es nämlich, die Geschichte dieses noch kaum erforschten Ortes diachron, also quer durch alle Jahrhunderte seiner Besiedlung, zu analysieren. Gerade die Frühzeit ist die am wenigsten bekannte.

foto: m. steskal, öaw/öai
Das Grabungsobjekt in der Ulica Matije Gupca. Die hintere Tür führt in den Keller, wo die aktuellen Grabungen stattfinden.

Grabungen auf engstem Raum

Die Möglichkeit, systematische Grabungen in dichtestbebauten Stadtgebieten durchzuführen, ist naturgemäß beschränkt. Oft sind es Baumaßnahmen der öffentlichen Hand oder von Privaten, die ein kurzes Zeitfenster öffnen, um archäologische Untersuchungen durchzuführen. So war der geplante Umbau eines Kellergeschoßes in der Ulica Matije Gupca eine gute Gelegenheit, unseren Fragen nachzugehen. Das beengte Graben auf knapp 25 Quadratmetern Fläche und die statischen Maßnahmen, die wir zum Schutz des nach wie vor bewohnten Hauses, aber auch des Grabungsteams ab einer gewissen Tiefe ergreifen mussten, verringerten die zur Verfügung stehende Fläche zudem. Mittelalterliche Kleinkindgräber, mit denen wir an dieser Stelle nicht gerechnet hatten, erschwerten es überdies, in allen Bereichen tiefer zu gehen. Der Befund ist dennoch spannend: Es handelt sich offenbar um den dislozierten Bestattungsplatz der ungetauften Kinder, die man lange Zeit außerhalb der offiziellen Friedhöfe bestattete.

foto: n. gail, öaw/öai

So nah und doch ganz fern

Es ist eine historische Kuriosität, dass die dalmatinische Küste zunächst weder bei den Griechen noch bei den Römern von großem geostrategischem Interesse gewesen zu sein scheint. Die Griechen gründeten ihre Kolonien auf den leichter zu verteidigenden adriatischen Inseln und wandten sich erst am Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. der Küste Dalmatiens zu. In dieser Zeit wird auch Tragurium von Vis aus gegründet. Obwohl die italische Küste bei guter Witterung nur eineinhalb Tagesreisen per Schiff entfernt lag, dauerte es bis ans Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr., dass die Römer ihre Expansionspolitik auf das Hinterland Dalmatiens ausdehnten. Die Expansion ins Festland war aufgrund der geografischen Umstände schwierig, und bis Cäsar erachtete man eine militärische und administrative Organisation dieser Region für nicht nötig. Man sah weder eine militärische Bedrohung noch großen wirtschaftlichen Vorteil. Kontakte mit der autochthonen, als illyrisch bezeichneten Bevölkerung gab es freilich immer. Aber wer waren diese Illyrer, und wie können wir sie fassen?

Kulturelle versus genetische Identität

Ethnische Interpretationen haben in der archäologischen Forschung eine lange Tradition. Wie kaum ein anderes Fach wurde die Archäologie durch die scheinbare Identifizierung alter, vorgeblich homogener Völkerschaften zur Konstruktion moderner nationaler Identitäten instrumentalisiert. So versuchte man etwa schon früh mithilfe in der Archäologie konstruierter ethnischer Kontinuitäten Gebietsansprüche zu rechtfertigen. Die Popularität ethnischer Interpretationen archäologischer Funde und Befunde hat seither nichts eingebüßt. Nicht zuletzt durch die Einführung neuer paläogenetischer Methoden wie etwa DNA-, aber auch Isotopenanalysen traten zuletzt Fragen nach dem "Woher komme ich?" und "Welcher Gemeinschaft gehöre ich an?" wieder in den Fokus des Interesses.

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Die Promenade von Trogir in der Abendsonne. Außentemperatur: minus zehn Grad.

Vor dem Hintergrund neuer technischer Möglichkeiten ist in der modernen Archäologie die Diskussion entbrannt, inwieweit sich archäologisches Material überhaupt ethnisch interpretieren lässt. Anders ausgedrückt: Was kennzeichnet eine "ethnische Gruppe"? Sind es gemeinsame Merkmale wie Religion, Kultur und Sprache, oder ist es vielmehr die subjektive Selbstzuordnung zu einer Interessengemeinschaft? Die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt, dass monokausale Erklärungsmodelle hier nicht bestehen können. Antike Lebensstrukturen waren genauso facettenreich wie heutige. Man denke etwa an die Komplexität einer römischen familia, die eher ein subjektives Gruppenbewusstsein vermittelt als tatsächliche genetische Verwandtschaft der einzelnen Individuen. Die Interpretation komplexer historischer Realitäten bleibt daher auch mit neuen, scheinbar objektiv messbaren Methoden aus den Naturwissenschaften schwierig. Was heißt das für unsere Illyrer? Sie sind selbstverständlich alles andere als eine homogene Gruppe und werden zumeist nur aus räumlicher oder historischer Distanz als eine solche betrachtet.

foto: n. gail, öaw/öai
Der Kairos von Trogir. Die rechte Hand zeigt auf die sinkende Waagschale – der Augenblick ist günstig.

Der günstige Augenblick

Trogir ist auf der archäologischen Landkarte kein weißer Punkt, auch wenn es immer im Schatten der unmittelbar benachbarten Hauptstadt der römischen Provinz Dalmatia, Salona (Solin), gestanden sein mag. Archäologinnen und Archäologen ist es zudem als Fundort eines außergewöhnlichen marmornen Reliefs bekannt: des sogenannten Kairos von Trogir. Es handelt sich um die Darstellung des Gottes des günstigen Augenblicks mit einer Balkenwaage in der Hand aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., in Anlehnung an eine bronzene Plastik des Lysipp. Der Kairos soll den Menschen vor allzu großer Hybris bewahren und ihn ermahnen, einen günstigen Augenblick nicht verstreichen zu lassen. So gesehen ist die winterliche Grabung hoffentlich in seinem Sinne. (Martin Steskal, 1.3.2018)

Martin Steskal arbeitet als Klassischer Archäologe am Österreichischen Archäologischen Institut an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Er führt aktuell Feldforschungsprojekte in der Türkei und Kroatien durch. Seine Forschungsinteressen umfassen Themen wie Leben und Sterben in der Antike, Ernährungsgewohnheiten, Herkunft und Migration sowie urbanistische Fragestellungen. Seit 2015 ist er stellvertretender Leiter der Grabungen in Ephesos.

Die Grabungen in Trogir werden in Kooperation zwischen dem Österreichischen Archäologischen Institut, dem Museum Trogir und dem Archäologischen Institut in Zagreb durchgeführt.

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