Marlon Williams: Wer nie sein Brot mit Tränen aß ...

    Video1. März 2018, 14:00
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    Der neuseeländische Sänger fleht im Geiste der großen Poptragöden Roy Orbison und Chris Isaak

    Wien – Der Erste ist Marlon Williams mit dieser Idee natürlich nicht. Abgesehen von gefühlten drei Millionen vom Heartbreak Hotel aus damit den Mond anheulenden Break-up-Songs aus der Geschichte der populären Musik hat zum Beispiel einst schon Soul-Großmeister Al Green 1977 mit The Belle ein ganzes "Scheidungsalbum" vorgelegt, das an die Nieren geht und ihn mittelbar weg von häuslicher Gewalt hin zum Priesteramt brachte.

    Die kanadische Songwriterin Joni Mitchell steht trennungsmäßig mit der epochalen Songsammlung Blue von 1971 sowieso unangefochten an erster Stelle. Über Becks zumindest gut die maue Stimmung einfangende Arbeit Sea Change von 2002 kann man streiten, über Bon Ivers im günstigsten Fall verletzlich klingende Lieder auf For Emma, Forever Ago sowieso. Als das letztgenannte Album im Sommer 2007 erschien, war Marlon Williams gerade einmal 16 Jahre alt.

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    Marlon Williams – What's Chasing You

    Mit 16 Jahren muss man speziell am anderen Ende der Welt in Lyttelton, Neuseeland, nicht alles kennen, was vor seiner Zeit einmal jemand anderem passiert ist. Der eigene Kummer kommt noch früh genug. Es muss ja, bitte, nicht alles im Leben Spaß machen. An dieser Stelle an junge Leser gerichtet: Oh nein, das muss es nicht! Toll ist, dass man in jungen Jahren irgendwann immer etwas das erste Mal erlebt – und wenn man einerseits nicht aufpasst, andererseits übervorsichtig agiert, gleich auch das letzte Mal.

    Nach seinem 2016 veröffentlichten Debüt Marlon Williams, auf dem der Sänger und Gitarrist schon andeutete, dass die Liebe nicht nur ein seltsames Spiel, sondern aktuell auch eine schreckliche Angelegenheit sein kann, hat sich der während der letzten Jahre unermüdlich durch die Welt tourende Musiker im Vorjahr von seiner Freundin, der ebenso aus seinem Heimatort Lyttleton stammenden Songwriterin Aldous Harding, getrennt.

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    Harding muss man sich im Gegensatz zu Williams als etwas dunkler gestimmte Kollegin vorstellen, die zur Akustikgitarre grimmige, ein reifes Alterswerk frühzeitig vorwegnehmende Texte singt wie: "He's a hunter, he's a good man / Be brave when he brings you nothing home."

    Der Herzschrittmacher

    Für das neue Album Make Way for Love konnte Marlon Williams jedenfalls seine Ex trotz einer als traumatisch beschriebenen Entzweiung für das berührende Nobody Gets What They Want Anymore zumindest für ein Duett zurückgewinnen: "What am I gonna do / When you're in trouble / And you don't call out for me / What am I gonna do / When I can see that you've been crying / And you don't want / No help from me / Baby, I can't separate us out anymore."

    Attitüde und Plattitüde sind Nachbarn. Aber vielleicht ist man auch hartherzig, wenn diese juvenile Lyrik einem nicht das Herz bricht. Das zentrale Lied auf Make Way for Love verweist neben einer gewissen sanften Lebensmüdigkeit mit hübsch an die Sixties erinnernden Tragödenarrangements mit Streichersatz in Moll, mit Beserlschlagzeug und in Gleitgeschwindigkeit gezupftem Bass und sehr viel Halleffekten im Geiste der Walker Brothers auch auf ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal, das diesen 27-jährigen Künstler zu etwas Besonderem macht.

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    Marlon Williams' Stimme irrlichtert irgendwo zwischen großen Alten wie dem US-Poptragöden Roy Orbison, Buddy Holly oder auch Chris Isaak herum. Ein wenig dunkel, ein wenig hell und klar, aber immer flehend, bittend, bettelnd. Dazu setzt eine schmal besetzte Begleitband Akzente. Mehr Herzschrittmacher als Adrenalinjaukerl. Mag auch die Sonne scheinen, wir, wir möchten nur noch ... Halt, stopp. Warum denn aus Liebe weinen?! "Down on the beach with pail and spade / No shelter from the sun and the rain / You're spreading the pain / Digging holes just to fill them again."

    Wie gesagt, die Liebe kann eine schreckliche Sache sein. (Christian Schachinger, 1.3.2018)

    Live am 22. 4., Chelsea, Wien

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    Marlon Williams

    • Marlon Williams singt schmerzensreich über Trennung.
      foto: steve gullick

      Marlon Williams singt schmerzensreich über Trennung.

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