Moralisches Gebot für das Kernforschungszentrum Cern

    28. Februar 2018, 17:06
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    Beim Besuch in Genf fordert Wissenschaftsminister Faßmann strukturelle Reformen. Ein Cern-Austritt steht nicht zur Diskussion

    Wird in einem der 22 Mitgliedsländer des Europäischen Kernforschungszentrums (Cern) ein neues Staatsoberhaupt gewählt oder ein Wissenschaftsminister bestellt, gehört es zur Tradition, sie zügig nach Genf einzuladen. Die Mitgliedsstaaten schultern schließlich das Cern-Budget von rund einer Milliarde Euro jährlich. Ob Politiker dieser Einladung nachkommen, steht freilich auf einem anderen Blatt.

    Mit ihrem Cern-Besuch am Dienstag sind Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP) der Einladung jedenfalls ungewöhnlich rasch gefolgt. Erst wenige Monate im Amt, war es Faßmann ein Anliegen, das Cern möglichst bald zu besuchen, handelt es sich doch um Österreichs kostspieligste Mitgliedschaft bei internationalen Großforschungsprojekten. 2018 beträgt der Mitgliedsbeitrag 24 Millionen Schweizer Franken (21 Millionen Euro).

    Kein Auxit in Genf

    Budgetgründe waren es 2009 auch gewesen, die den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) dazu veranlasst hatten, sich für den Cern-Austritt Österreichs auszusprechen – den er aber gegenüber Kanzler Werner Faymann (SPÖ) nicht durchbrachte.

    Für Faßmann ist "ein teurer Auxit in Genf" zwar keine "wirkliche Alternative". Ihm war aber wichtig, einige Punkte für strukturelle Reformen gegenüber der Cern-Generaldirektorin Fabiola Gianotti anzusprechen, um mit "Steuergeld ordentlich umzugehen":

    • Pensionsfonds: Die Cern-Mitarbeiter verfügen über einen eigenen Pensionsfonds mit garantierten Pensionszahlungen. Wenn die Rendite schlechter werde, werde die Differenz aus den Beitragszahlungen der Mitgliedsländer ausgeglichen, die "primär" für Wissenschaft bestimmt seien, so Faßmann. Der Minister zielt zwar nicht darauf ab, den Fonds abzuschaffen, drängt aber auf eine Reform. Gianotti, die seit 2016 im Amt ist, habe sich in der Frage verständnisvoll gezeigt: "Die Direktorin hat vermittelt, dass sie etwas tun möchte", sagte Faßmann.
    • Mitglieder und Externe: 38 Prozent der Forscher, die die Cern-Infrastruktur nutzen, kommen aus Nichtmitgliedstaaten, die nicht zum Cern-Globalbudget beitragen. Diese seien zwar projektbezogen an den Kosten beteiligt, doch Faßmann ist es ein Anliegen, dass die Mitgliedschaft attraktiver gestaltet wird, um so mehr Staaten dafür zu gewinnen, sich an den laufenden Kosten zu beteiligen.
    • Geldrückflüsse: Der dritte wichtige Ansatzpunkt für Faßmann, um mehr aus dem Geld herauszuholen, das Österreich jährlich ins Cern investiert, ist, den Rückfluss zu erhöhen, sprich: Aufträge nach Österreich zu holen. Beim geplanten Upgrade des Teilchenbeschleunigerrings LHC zählen zehntausende Silizium-Detektoren, die ersetzt werden müssen, zu den größten Kostentreibern. Diese werden aktuell nur von einem einzigen Hersteller angeboten.
      In einer Kooperation des österreichischen Instituts für Hochenergiephysik (Hephy) der Akademie der Wissenschaften und des Technologieunternehmens Infineon, das seinen Sitz in Villach hat, wird derzeit an solchen Detektoren gearbeitet. Angestrebt wird, die Hälfte der Silizium-Detektoren für den LHC-Upgrade zu liefern – für Österreich würde dies einen Rückfluss an Cern-Geldern in Millionenhöhe bedeuten.
    • Fazit: Insgesamt sei die Mitgliedschaft für Faßmann alternativlos. Sowohl er wie auch Van der Bellen zeigten sich beeindruckt von der jahrzehntelangen Kooperation tausender Wissenschafterinnen und Wissenschafter, die nicht nur grundlegende Erkenntnisse über das Universum hervorbringe, sondern nebenbei auch technologische Innovationen wie das WWW.
      Ein Hochenergiephysiker ohne Cern sei wie ein Historiker ohne Archiv, sagte Faßmann. Eine Entscheidung gegen das Cern sei daher eine Entscheidung gegen die Hochenergiephysik, und es stehe der Politik "nicht gut an, zu entscheiden, welche Art von Forschung betrieben wird". Als Mitgliedsland solle Österreich aber auf effizientere Strukturen am Cern achten. Faßmann: "Das ist zwar ein moralisches Gebot, aber besser ein moralisches Gebot als gar kein Gebot." (Tanja Traxler aus Genf, 28.2.2018)

    Die Reise nach Genf erfolgte auf Einladung des Wissenschaftsministeriums.

    • Die am Cern tätigen Österreicher Markus Zerlauth (links) und Edda Gschwendtner (rechts) erklären Bundespräsident Alexander Van der Bellen, seiner Frau Doris Schmidauer (Mitte) und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (Zweiter von rechts) die Abläufe im Tunnel des Teilchenbeschleunigers.
      foto: apa / bundesheer / peter lechner

      Die am Cern tätigen Österreicher Markus Zerlauth (links) und Edda Gschwendtner (rechts) erklären Bundespräsident Alexander Van der Bellen, seiner Frau Doris Schmidauer (Mitte) und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (Zweiter von rechts) die Abläufe im Tunnel des Teilchenbeschleunigers.

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