Ein mobiler Wald soll in der Stadt Feinstaub filtern

    1. März 2018, 11:00
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    Ein fünfköpfiges Team aus Österreich hat das "Airship" entwickelt. Hierzulande bremsen noch Reglements, international ist das Projekt schon weit bekannter

    Wien – "Luftschiff" ist eigentlich die Bezeichnung für ein Fahrzeug, das sich durch die Luft bewegen kann, auch Zeppelin genannt. Für das Breathe Earth Collective ist ein "Airship" eine Installation, die kühlt, Schatten spendet und Feinstaub filtert – ein 20 bis 30 Quadratmeter großer, mobiler Wald mitten in der Stadt.

    Seit 2015 arbeitet das fünfköpfige Team aus Landschaftsplanern, Architekten und einem Künstler an der Frage, wie sich Stadt und Vegetation miteinander verbinden lassen. Weiter gefasst geht es um die Frage, wie der Mensch die Natur für sich nutzen kann, ohne sie dabei zu zerstören. Denn "die Natur geht weiter, auch nach der Menschheit", sagt Markus Jeschaunig, Künstler, Architekt und eines der fünf Mitglieder des Kollektivs mit Basis in Wien und Graz. "Die Biosphäre braucht uns nicht, aber wir brauchen sie."

    foto: austria turismo / michele novaga
    Der erste Prototyp des "Airship".

    "Unberührtes gibt es nicht mehr"

    Die Natur sich selbst zu überlassen, also eine Zurücknahme des menschlichen Einflusses, sei keine Option mehr, ist auch sein Kollege, Landschaftsarchitekt Bernhard König, überzeugt. "Das Unberührte gibt es nicht mehr. Doch heute haben wir die technischen Möglichkeiten, gemeinsam mit der Natur zu planen." Wie das aussehen kann, wollen die fünf heuer unter anderem anlässlich der Tullner Gartenschau zeigen: Sie tüfteln derzeit am dritten Prototyp ihres Airships, der über den Sommer in der niederösterreichischen Kleinstadt aufgestellt werden soll.

    Wie die bereits umgesetzten zwei Installationen soll auch diese wieder im Kleinen das schaffen, was normalerweise ein Wald macht: Feinstaub aus der Luft filtern, Sauerstoff produzieren, Luft abkühlen. Die in Weiß gehaltene äußere Hülle spendet Schatten und reflektiert Sonnenlicht. Im Inneren kühlen und reinigen – je nach Prototyp – Moos, Bäume oder Sträucher sowie eine Sprühnebelmaschine die Luft. Die betretbaren "Schiffe" sollen – wie erstmals 2016 im italienischen Padua und zuletzt im Herbst 2017 in Graz – den klimatischen Kontrast zu ihrer städtischen, asphaltierten und im Sommer oft auch überhitzten Umgebung demonstrieren.

    Für das Kollektiv sind sie aber auch Forschungslabor und Experimentierfeld. Dort loten sie aus, was technisch möglich ist, damit sie andernorts praktikable Lösungen entwerfen können. Denn Ziel ihrer Arbeit sei nicht allein, Grün in die Stadt zu bringen. Sie wollen "verbesserte Natur entwickeln. Es geht um Leistung", erklärt Jeschaunig. "In der Stadt ist kein Wald möglich. Wir brauchen also dieselbe Performance auf einer viel kleineren Fläche."

    foto: breathe earth collective
    So sieht es im mobilen Wald aus.

    "Betonklötze" vermeiden

    Wunsch des Kollektivs ist, bei der Stadtplanung mitzumischen, städtischen Raum bewusst zu gestalten, "anstatt einfach Betonklötze hinzuknallen", sagt König. Pflanzen, Tiere, Luft, Gesundheit würden derzeit beim Städtebau zuletzt bedacht, kritisiert er.

    Viel Resonanz gebe es auf ihre Arbeit aber hierzulande noch nicht. Stärker ist das Interesse international. Auf Einladung der Technischen Universität in Melbourne wollen sie heuer etwa einen Hybrid aus "Salzkammerguttechnik und australischer Flora" ausstellen: eine Soleinstallation, die ätherische Öle in die Umgebungsluft abgibt. Meist seien pragmatische Fragen Grund für die Zurückhaltung. Vor allem in Österreich gehe es stark um Reglements wie Brandschutz oder Instandhaltung: Wer räumt die Blätter weg, die vom Baum fallen könnten? Wer schneidet störende Äste und Zweige weg?

    foto: breathe earth collective
    Das zweite Modell ähnelt dem ersten nur wenig.

    Keine vollautomatische Installation

    Bei den temporären Installationen seien diese Sorgen leicht zu zerstreuen. Wie Sicherheit und Instandhaltung bei permanenten Einrichtungen gewährleistet werden können, sei aber immer Teil der Überlegungen des Teams. Meist könne man den "Wald" nach anfänglicher Nivellierung sich selbst überlassen. Um unvorhersehbare Probleme – wenn etwa die Sprühnebelanlage ausfällt – kümmern sie sich derzeit selbst.

    Eine vollautomatische Installation sei aber nicht ihr Ziel. Sie legen Wert darauf, den Menschen einzubeziehen, "ein kommunikatives, soziales Element, Lebensräume, nicht Maschinen, zu schaffen", erklärt Jeschaunig.

    Aufgefallen sind sie international erstmals 2015 mit jenem Projekt, aus dem sich das heute bestehende Kollektiv formte: Bei der Expo in Mailand war "Breathe Austria", ein 2000 Quadratmeter großer Wald inmitten des Ausstellungsgeländes, mit mehr als zwei Millionen Besuchern einer der erfolgreichsten Pavillons.

    Einen Wald als Repräsentation für Österreich zu wählen erschien ihnen naheliegend, weil es "kaum ein Land mit so guter Luft gibt", sagt Jeschaunig. Sie wollten aber auch ein Statement gegen Luftverschmutzung abgeben. Das Kollektiv stützt sich bei ihrer Arbeit auf Zahlen der WHO, der zufolge jedes Jahr drei Millionen Menschen weltweit an den Folgen schlechter Luft sterben. "Das betrifft uns alle, wir atmen dieselbe Luft", sagt König. "Sie ist über Grenzen hinweg verbindend." (Christa Minkin, 1.3.2018)

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