Rauchen: Die Freiheit, anderen zu schaden

    Userkommentar27. Februar 2018, 23:32
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    Die Umsetzung eines Nichtraucherschutzgesetzes ist überfällig, die Apologie der Raucherlokale argumentativ unlauter sowie volkswirtschaftlich und gesundheitspolitisch unplausibel. Eine Replik auf Erhard Fürst

    Jede Argumentation gegen ein Nichtraucherschutzgesetz enthält – manchmal mehr, manchmal weniger stark ausformuliert – drei Argumente. 1) Jeder Mensch weiß, dass Rauchen "schlecht" ist. 2) Was man mit dem eigenen Körper tut, ist bitte jedem selbst zu überlassen. 3) Nichtraucher müssen ja keine Raucherlokale betreten. Abhängig vom Erregungsgrad des Autors, werden diese drei Argumente entweder als völlig ausreichende Argumentation gegen den Nichtraucherschutz betrachtet, oder – alternativ – dieser als erster Schritt auf einem notwendigerweise daraus folgenden Weg in die Knechtschaft beschworen. Natürlich nicht ohne zu bemerken, dass es sich dabei um eine "emotional aufgeladene" Debatte handelt.

    Jeder Mensch weiß, dass Rauchen "schlecht" ist

    Es stimmt, das Bewusstsein, dass Tabakkonsum dem Körper Schaden zufügt, ist heute verbreiteter als in den 1950er-Jahren, als der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenerkrankungen erstmals breiter bekannt wurde. Ein öffentliches Wissen, das allerdings auch gegen den aktiven Widerstand der Tabakindustrie durchgesetzt werden musste. "Bescheid" zu wissen, dass etwas vielleicht nicht allzu gesund ist, oder die gesamte Tragweite der schädlichen Einflüsse des Inhalationsrauchens tatsächlich zu begreifen, sind aber zwei Paar Schuhe.

    Vor der großen gesellschaftlichen Verbreitung des Tabakkonsums war Lungenkrebs so gut wie nicht existent. Erst 1761 wurde Lungenkrebs als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts machte der Lungenkrebs nur ein Prozent aller bei Autopsien festgestellten schlechtartigen Tumorarten aus. Obwohl die Zahl bis ins frühe 20. Jahrhundert auf zehn bis 15 Prozent anstieg, hatten die wenigsten Lungenfachärzte jemals Lungenkrebs in natura erlebt. Fallstudien in der Literatur sprechen von 374 Fällen weltweit im Jahr 1912. 2015 erkrankten allein in Österreich laut der Statistik Austria 2.956 Männer und 1.904 Frauen an einem bösartigen Lungentumor.

    Niemand, der kein Lungenfacharzt ist, kann allen Ernstes behaupten, über die Risiken, denen er sich durch den Tabakkonsum aussetzt, hundertprozentig Bescheid zu wissen. Dessen ungeachtet, schädigt er aber in geschlossenen Räumen jedenfalls alle weiteren Anwesenden, die die von ihm mit Schadstoffen versehene Luft genauso einatmen wie er selbst.

    Was man mit dem eigenen Körper tut, ist bitte jedem selbst zu überlassen

    Anders als der Konsum von zu fetten oder süßen Speisen, die tatsächlich ausschließlich den Konsumenten betreffen, hat jeder Mensch, der in geschlossenen Räumen raucht, in denen sich andere befinden, ein partizipierendes Publikum. Studien mit Ratten belegen die genverändernde und krebserregende Wirkung des Passivrauchens, von dem tatsächlich schon kleinsten Belastungen ein Risiko bergen, Tumore und Karzinome entstehen zu lassen. Dass sich der Durchschnitts-(passiv-)raucher wissentlich einer solchen Gefährdung aussetzt, ist schlicht und ergreifend ein Märchen.

    Gerade aufgrund dem, wenn man so will, "kulturellen" Aspekt des Rauchens, kann unmöglich von freien Entscheidungen gesprochen werden. Kinder wachsen in Raucherhaushalten auf, in dem das gemeinsame Rauchen am Küchentisch bei einer Tasse Kaffee dazugehört; das Rauchen also sozial und positiv besetzt ist. Zum Raucher wird man durch die familiäre oder freundschaftliche Sozialisierung, und man bleibt es durch die Sucht. Von einer freien Entscheidung kann hier keine Rede sein.

    Nichtraucher müssen ja keine Raucherlokale betreten

    Wer sich an die Zeiten erinnert, in denen der Marlboro-Man nicht nur Plakat- sondern auch TV-Sujet war, weiß, dass es so gut wie keine Abendlokale gab, in denen nicht geraucht wurde. Die Entscheidung zwischen Lokalen setzt voraus, dass es überhaupt ein Angebot gibt, sofern man seine Wochenenden nicht zuhause verbringen will. Ein solches Angebot gibt es aber selbst heute in vielen Teilen Österreichs nicht. Wer nicht das Glück hat in Wien auf Beisltour gehen zu können, ist auf die eine Bar angewiesen, die es in der eigenen Gemeinde gibt. Dort wird natürlich geraucht. Es gibt für konsequente Raucherlokalvermeider schlicht und ergreifend keine Alternativen. Dort lautet die Wahl entweder Passivrauchen oder am sozialen Leben nicht teilnehmen. Von einer freien Entscheidung kann hier keine Rede sein.

    Ein Nichtvollziehen des Nichtraucherschutzgesetzes ergibt keinen Sinn. Weder im Sinne der Selbstbestimmung, wenn sie auf den sozialen Aspekt des Menschlichen keine Rücksicht nimmt. Nicht gesundheitspolitisch, und nicht volkswirtschaftlich. Raucher kosten den österreichischen Steuerzahlern jedes Jahr 760 Millionen Euro (laut einer Studie des IHS aus dem Jahr 2008). Wenn einen die gesundheitspolitischen Argumente schon kalt lassen, so soll einem doch bewusst sein, um welchen Preis man diese vermeintliche "Freiheit" jedes Jahr erkauft. Nicht nur mit Steuergeld, sondern auch mit vermeidbaren gesundheitlichen Problemen, Krankheiten und Todesfällen. (Clemens Ableidinger, 27.2.2018)

    Clemens Ableidinger (29) ist parlamentarischer Mitarbeiter und freischaffender Historiker. Er ist Referent für Petitionen und Bürgerinitiativen sowie Projektmitarbeiter am Institut für jüdische Geschichte St. Pölten.

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    • Raucher kosten den österreichischen Steuerzahlern jedes Jahr 760 Millionen Euro.
      foto: reuters/regis duvignau

      Raucher kosten den österreichischen Steuerzahlern jedes Jahr 760 Millionen Euro.

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