Ist der Aktivismus auf der Uni tot?

Blog5. März 2018, 08:20
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Professoren müssen das Denken der Studierenden in die Gesellschaft wieder einfließen lassen und dem damit wieder Sinn geben

Wikipedia definiert einen Aktivisten als eine Person, "die in besonders intensiver Weise, mit Aktivismus, für die Durchsetzung bestimmter Absichten eintritt. Oft sind diese im weitesten Sinn politischer Art und stammen insbesondere aus den Bereichen der Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik sowie der Bürger- und Menschenrechte."

Kein Ort war in unserer Geistesgeschichte wichtiger für den Aktivismus als die Universität. Die Universität war der Ort, an dem es nicht nur um das Eintrichtern von theoretischen Modellen ging, Erfindung neuer Dinge oder einem "angewandten" Steinchen über dem Anderen. Die Universität war – ganz im Gegenteil – ein Ort, wo neue Gedanken mit Leben gefüllt wurden, wo sie mit Begeisterung, Überzeugung, Reibung oder Wut gedacht und disputiert wurden. Innovationen standen im Dienst innerer Überzeugungen von Notwendigkeit, Passion oder Mangel. Und unsere Universitäten in Europa waren die Orte der Muße und Präsenz, wo all das geboren und ausgelebt wurde – so stark, dass sie ihre Rolle in unseren Gesellschaften ausfüllten, als geistige Ausgangspunkte unseres Denkens.

Wo sind die Professoren?

"Wo seid Ihr Professoren?", so übertitelte die Wochenzeitung "Die Zeit" eine Serie von Artikeln und beklagte, dass die Professoren sich nicht mehr in der Form in die Prägung unserer Kultur einbrächten, wie das einmal der Fall gewesen ist. Das stimmt. Aber Universitäten sind auch keine Orte der Muße und Präsenz mehr, sondern Massenbetriebe im falschen Fahrwasser. Gehetzt von der Fiktion der Journalrankings – auf Österreichisch: "Freundlwirtschaft" –, einem völlig absurden Gutachterwahn – des Professors eigene Meinung zählt nichts mehr, wenn sie nicht von Anderen abgesichert worden ist – und der explodierenden Anzahl pseudowissenschaftlicher Events, die als "Verwertungs"-Anhängsel all der überadministrierten Drittmittelprojekte stattfinden müssen – ich denke da vor allem an EU-Projekte –, zerreißen sich Professoren und ihre Teams heute noch, bevor sie mit der Lehre überhaupt begonnen haben. Wer auch noch Vorträge annimmt – viele Kollegen halten jede Woche einen irgendwo auf der Welt –, der kann kaum noch forschen, ist zu müde zum Denken und statt ein Aktivist mit Impact zu sein, ist er im allgemeinen Aktivismus eines irregeleiteten Systems gefangen.

Ihm gegenüber sitzt eine müde Schar ebenso vom Aktivismus erfassten Studenten, die alle keine Aktivisten mehr sind, weil sie hauptsächlich irgendwo arbeiten, um zu überleben und sich dann nur noch in den Pausenzeiten zwischen Geldverdienen und Smartphonewelten in den Unterricht beamen (oder schleppen). Kann es so weiter gehen? Wo können wir mit dem Neubeginn anfangen?

foto: derstandard.at/matthias cremer
Wo ist der Aktivismus – so wie 2009 bei den Studentenprotesten – hin?

Zurück zum Aktivismus

Meine Überzeugung ist: Kritik ist gut, Aktivismus ist besser – allerdings von der echten Sorte, von der geistig durchdrungenen, ehrliche Anliegen verteidigenden Aktivität. Das ist das, worum wir uns am Privacy-&-Sustainable-Computing-Lab der WU Wien bemühen, speziell für den Bereich der Internetrechte und im Hinblick auf die Gestaltung einer besseren Technikwelt. Jede Woche diskutieren wir unter uns und mit Kollegen, haben im Semester spannende Vorträge, die nicht in einer punktgenauen 60-Minuten-Atmosphäre abgehalten werden, sondern im Disput der Stunden dauern kann. Unsere Forschungsarbeiten sind durchdrungen vom Anliegen eine bessere Welt zu schaffen, ob nun "Wider den Transhumanismus" oder für den Datenschutz, wider "Networks of Control" oder für Menschenrechte in den Algorithmen Künstlicher Intelligenz. All das machen wir mit unseren Mitarbeitern und Kollegen im Lab und den Leuten, die uns aus Interesse besuchen.

Im letzten Semester konnten wir das auch mit unseren Studenten tun, den Müden und Ausgebrannten. Wir Professoren können ihnen ihre Energie zurückgeben, indem wir ihren Arbeiten und Hausübungen einen Sinn geben, ihr Denken in die Gesellschaft zurückdiffundieren lassen, so wie es historisch der Fall war. Wir können mit ihnen gemeinsam wieder die Universität aufleben lassen, interaktiv, als Coaches im klassischen Sinne und weniger als Top-Down-Referenten. Ja es sind die digitalen Tools und Medien heute mehr denn je, die uns erlauben, solche Formen der Lehre zu unterstützen.

Privacy-Broschüre: Beispiel für studentischen Aktivismus

Vieles habe ich schon mit meinen Studenten gemacht: von Seminaren, wo sie über ihre Internetsucht Filme gedreht haben, über eine Kooperation mit Max Schrems, wo eine App entwickelt wurde, die zeigte, was Facebook alles über uns weiß – und die über 20.000 Mal heruntergeladen wurde. Aber besonders stolz bin ich auf unsere Privacy-Broschüre die meine Privacy-&-Security-Masterklasse im Wintersemester 17/18 erstellt haben: Zwölf Studierende bewerteten 25 Internetdienste im Hinblick auf ihre Fairness Bürgern gegenüber. Sie haben Stiftung Warentest gespielt und all diese Online-Services, die unser tägliches Leben begleiten, auf ihre weitestgehend miserablen Privacy-Einstellungen hin getestet. Nach wissenschaftlich fundierten Kriterien haben sie sie mit besseren, jüngeren, faireren und menschenfreundlicheren Wettbewerbern verglichen. Alles haben die Studenten selbst gemacht: vom informierten Testen der Services bis hin zum Editieren und Layouten der Broschüre – jeder nach seinen Talenten und Interessen.

Hier können Sie sich das Resultat als PDF herunterladen und Ihr eigenes Handeln im Internet mit mehr Privacy und Kontrolle neu ausrichten. Auf das wir noch viele solcher Aktivisten und ihre Arbeiten sehen und für unser gesellschaftliches Leben goutieren können. (Sarah Spiekermann, 5.3.2018)

Sarah Spiekermann ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie dem Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik vorsteht. Seit mehr als zehn Jahren lehrt und forscht sie zu sozialen Fragen der Internetökonomie und Technikgestaltung.

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