Olympia in Südkorea: Dabei sein war nicht alles

Kommentar25. Februar 2018, 16:42
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Der Abgrund, auf den die Welt so lange zusteuerte, schien während der olympischen Wochen surreal

In jeder Sekunde, die Marcel Hirscher auf den grünen Hügeln von Pyeongchang Gold näherbrachte, waren hundert Kilometer weiter nördlich tausende Artilleriegeschütze auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul gerichtet. Und während die halbe Welt sich nicht entscheiden konnte, ob sie beim Anblick der nordkoreanischen Claqueurinnen beim Eishockey amüsiert oder peinlich berührt sein sollte, wurden in deren Heimat Gefangene geschunden, Bauern ausgehungert und jeder Widerspruch erstickt. Weder die demonstrative Freundlichkeit Kim Yo-jongs, der Schwester von Machthaber Kim Jong-un, noch das Lächeln von Donald Trumps Tochter Ivanka bei der Schlusszeremonie können übertünchen, dass beide Länder die koreanische Halbinsel am liebsten alleine beherrschen wollen.

Entspannte Nervosität

Und doch schien der Abgrund, auf den die Welt so lange zusteuerte, während der olympischen Wochen surreal. Die Nervosität, die sich unlängst zum Beispiel in dem missglückten Raketenalarm auf Hawaii entlud, sie war Entspannung gewichen. Die olympischen Ringe verdrängten nicht nur die Atom- und Raketentests des Nordens aus dem Kurzzeitgedächtnis. Auch die kurzfristig verschobenen Militärmanöver, bei denen der Süden gemeinsam mit seinem US-Alliierten den Sturz der Diktatorendynastie in Pjöngjang üben will, gerieten für einen Moment in Vergessenheit. Freilich: Aufgeschoben heißt auch auf Koreanisch nicht aufgehoben. Washington traut Kims plötzlicher Charmeoffensive nicht über den Weg. Nicht ohne Grund. So geschickt, wie der Diktator die Spiele gekapert hat, so geschickt treibt er auch einen Keil zwischen die Verbündeten. Südkorea konnte schließlich gar nicht anders, als die Signale aus dem Norden zu erwidern. Und Donald Trump musste Seoul, wo man im Gegensatz zu ihm selbst eher auf Annäherung als auf Abschreckung setzt, nolens volens gewähren lassen.

Gnadenfrist durch Olympia

Und doch hat sich nach den Monaten der wechselseitigen Drohungen mit Feuer und Wut nun ein Zeitfenster aufgetan. Nutzen Seoul und Pjöngjang dieses Momentum nämlich für echte Verhandlungen, könnte dies Trumps Furor ein wenig eindämmen. Die Gnadenfrist, die Olympia den Konfliktparteien – und möglicherweise der Welt – einräumt, ist freilich knapp bemessen. Spätestens Ende März, wenn auch das paralympische Feuer auf der koreanischen Halbinsel wieder erloschen ist, müssen Nord und Süd mit substanziellen Fortschritten aufwarten, um auch die USA zu Gesprächen mit dem Kim-Regime zu bewegen. Gelingt dies nicht, droht dem olympischen Tauwetter ausgerechnet im Frühling ein jähes Ende. (Florian Niederndorfer, 25.2.2018)

Der Kommentar wurde um 16.42 Uhr aktualisiert.

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