"Liberté": Die schlappen Botschafter der Lust

    23. Februar 2018, 17:24
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    Im Sänftentheater des Katalanen Albert Serra an der Berliner Volksbühne gerät die Libertinage ins Stocken. Helmut Berger bewegt als Geistesbruder des Marquis de Sade

    Im 18. Jahrhundert war der Export anrüchiger Ideen noch keine Sache, die man per Hashtag in die Welt setzen konnte. Die Kurtisanen des französischen Hofes sind beschwerlich per Sänften unterwegs, um den zugeknöpften Nachbarn in Preußen ihre Frohbotschaft zu überbringen. Nicht nur der Geist ging aus der Aufklärung befreit bevor, so die Missionarinnen der Libertinage, sondern vor allem der Körper. Die Lust sei der Meister, dem wir wie ein Hund zu folgen haben, bringt es der Duc de Walchen einmal auf den Punkt. Im Export dieser Idee schlummert auch ein ökonomisches Modell.

    Diesen Duc verkörpert in Albert Serras Liberté die österreichische Leinwandlegende Helmut Berger. Die Gelegenheit, den Visconti-Darsteller mit der Fassbinder-Aktrice Ingrid Caven an der Volksbühne zu sehen, geleitet von einem der eigensinnigsten Filmregisseure seiner Generation, war einer der Gründe, warum der Premiere viel Aufmerksamkeit widerfuhr. Hinzu kam noch, dass in der Debatte um das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz die Fronten festgefroren sind.

    Der seit Herbst amtierende Intendant Chris Dercon, den man pauschal mit der Gentrifizierung des Theaters gleichsetzt, sieht jeden Tag Aufkleber auf der Straße, auf denen "Tschüss Chris" zu lesen ist. Von Serras Abend hängt zwar nicht gleich das weitere Schicksal von Dercon ab, doch der Niederländer könnte momentan jeden Erfolg gut brauchen.

    Wer sich jedoch zu vehement dieser Logik verschreibt, muss Serras Inszenierung schon deshalb wie einen Affront werten, da sie ihre Mittel mit provokanter Schüchternheit einsetzt. Die Bühne von Sebastian Vogler, der schon Der Tod von Ludwig XIV., den virtuosen Film des Katalanen, ausgestattet hat, erweckt den Anschein eines Gemäldes von Caspar David Friedrich. Eine Baumreihe am Horizont, ein kleiner Teich, Zikaden zirpen. Und immer Zwielicht, endlose Dämmerung, die keinem Tageslicht weichen will.

    Sänfte im Verkehr

    Die Figuren werden in Sänften hereingetragen, ein Licht erhellt die Gesichter der Insassen. Mitunter kommen sich die Sänften in die Quere, so rege ist der Verkehr. Auch im Inneren, denn die Schäferidylle des Rokokos ist bei Serra auch Vorbild für das, was man heute Cruisingzone nennt.

    Gemächlich schaukeln die Sänften im Hintergrund, während die Duchesse de Valselay (Caven) mit ihrem libertinären Ansinnen an den Grafen von Tesis (Stefano Cassetti) an diesem transitären Ort gestrandet ist. Ihr Vorhaben, mittels "Leidenschaftsblitzen" gezeugte deutsche Mädchen eines nahegelegenen Klosters in Kurtisanen zu verwandeln, verebbt an widersprüchlichen Interessenlagen.

    In dem von Serra selbst verfassten Text reibt sich der Glaube an den Fortschritt durch Lustvermehrung bereits an den Grundzügen des neuen monetären Zahlungsmodells eines John Law. Sprachlich bleibt Liberté allerdings selbst ein wenig zwischen den Seilen hängen. Die durch Mikroports verstärkten Stimmen sind seltsam schwerelos, die diversen fremdsprachigen Akzente eine andere Hürde. Serra verfolgte freilich schon in seinen Filmen keinen Anspruch auf Professionalität; aus dem Nebeneinander von Körpermaterial beziehen diese ihre Wirkkraft. Nun, wo er mit Stars wie Caven und Berger arbeitet, verweigert er ihnen das Rampenlicht. Als Duc de Walchen raunt Berger müde seine Ideen, ein altersschwacher Marquis de Sade, der nicht mehr hochkommt. Die Caven dagegen gleicht einer Operndiva, die man am großen Auftritt hindert, bis sie sich losreißt und ihr Lied anstimmt.

    Vorsicht verträgt sich schlecht mit Lust, heißt es einmal im Stück. Im schummrigen Dahinglimmen des Abends zeugt schon die Rede von der Lust davon, dass keine mehr aufzukommen vermag. Abgesehen von technischen Unebenheiten hat Serra für diese Abenddämmerung eines fortschrittlichen Zeitalters allerdings einen stimmig aus der Zeit gefallenen Rahmen gefunden. Im Theaterraum ist seine Ästhetik des Zurückschraubens eine Irritation. Die Sänften tragen diesmal leise Wehmut. Das Publikum reagierte gespalten. (Dominik Kamalzadeh, 23.2.2018)

    • Als Duc de Walchen raunt Helmut Berger aus der Sänfte müde seine Ideen, als eine Art altersschwacher Marquis de Sade, hier mit Freundin (Ann Göbel).
      foto: ursula kaufmann

      Als Duc de Walchen raunt Helmut Berger aus der Sänfte müde seine Ideen, als eine Art altersschwacher Marquis de Sade, hier mit Freundin (Ann Göbel).

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