Parkinson: Hirnschrittmacher als neuer Behandlungsansatz

    25. Februar 2018, 06:00
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    Verhaltensstörungen könnten in Zukunft durch Hirnstimulationen behandelt werden, dabei werden Patienten dünne Elektroden eingepflanzt

    Mehr als vier Millionen Menschen weltweit leiden an der Parkinson-Krankheit. "Aufgrund des zunehmenden Altersdurchschnitts ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Betroffenen sich bis zum Jahr 2030 auf weltweit 8,7 Millionen verdoppelt", sagt der Marburger Neurologe Lars Timmermann.

    Er hat gemeinsam mit deutschen und französischen Kollegen in einer Studie herausgefunden, dass Parkinsonkranke eine bessere Impulskontrolle zeigen, wenn die Therapie eine Hirnstimulation umfasst und sich nicht auf die reine Verabreichung von Medikamenten beschränkt. Die Ergebnisse der "Earlystim"-Studie erscheinen in der Märzausgabe der Fachzeitschrift "Lancet Neurology".

    "Durch moderne Medikamente sind die Symptome gut zu behandeln", sagt der Mediziner. Die Arzneimittel würden jedoch oftmals gerade bei jungen Patienten schwerwiegende Verhaltensstörungen bewirken, wie beispielsweise Spielsucht, zu viel Lust auf Sex, Fressattacken oder krankhafter Kaufrausch.

    Kurswechsel in der Behandlung

    Typische Auswirkungen der Parkinson-Krankheit wie Zittern, verlangsamte Bewegung oder Muskelsteifigkeit beruhen auf einer veränderten Aktivität der Nervenzellen in tiefliegenden Regionen des Gehirns. Daher kann die Behandlung auch direkt an tiefen Hirnkernen ansetzen: Bei einer Hirnstimulation pflanzt man dem Patienten dünne Elektroden ins Gehirn ein. Sie geben elektrische Impulse an die Zielregion ab, die dadurch deaktiviert oder stimuliert wird, je nach Stromfrequenz. Ein solcher Hirnschrittmacher erlaubt es, die Medikamentenverabreichung erheblich zu reduzieren.

    Die Studie schließt 251 Patienten ein, die über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet wurden. Die Teilnehmer waren im Schnitt knapp acht Jahre lang an Parkinson erkrankt. "Wir wollten herausfinden, ob die tiefe Hirnstimulation auch Verhaltensstörungen verringert", erläutert Ko-Autorin Carmen Schade-Brittinger von der Philipps-Universität Marburg.

    Um die Verhaltensänderungen der Patienten zu messen, griff sie auf einen neu entwickelten psychiatrischen Bewertungsmaßstab zurück, den "Ardouin Scale of Behavior in Parkinson’s Disease". Die Ergebnisse sprechen für sich: Verhaltensauffälligkeiten der Patienten verringern sich, ohne dass diese vermehrt das gegengerichtete Verhalten zeigen, etwa Apathie, Depression oder Ängstlichkeit. "Unsere Befunde erlauben einen Kurswechsel in der Behandlung", schlussfolgert Timmermann.

    Resultate nur für junge Patienten

    Während bislang jede Form von Verhaltensstörung als Hindernis für chirurgische Eingriffe gegolten habe, sollte ein Kontrollverlust eher dazu führen, Parkinsonpatienten eine Tiefenstimulation zu gewähren. "Die Ergebnisse sind aufschlussreich, weil sie nahelegen, dass die tiefe Hirnstimulation des Subthalamus selbst nicht zu Verhaltensstörungen führt", bestätigen die Neurowissenschafter Angelo Antonini und Jose Obeso.

    "Der Erfolg einer Hirnschrittmacher-Behandlung ist immer abhängig von einer optimalen Operation", ergänzt Christopher Nimsky, der die Marburger Neurochirurgie leitet. Timmermann gibt außerdem zu bedenken, dass die Studien-Ergebnisse bei Patienten unter 61 Jahren erzielt worden seien: "Ob die Resultate auf alle Altersgruppen zu übertragen sind, ist in künftigen Studien zu überprüfen."

    Neuer Erkenntnisse zu Parkinson gab es kürzlich auch aus Australien: Eine Studie hat dort gezeigt, dass regelmäßige gemeinsame Singen die Lebensqualität von Parkinsonerkrankten nachweislich positiv beeinflusst. Nach der sechsmonatigen Forschungsphase fühlten sich die Teilnehmer weniger ängstlich und hatten ihre Bewegungs-, Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten verbessert. Auch die Stimmen der Probanden hatte sich verändert, sodass die Patienten nach der Studie die Noten länger halten konnten, eine größere Tonweite hatten und lauter singen konnten. (red, 25.2.2018)

    • Verhaltensauffälligkeiten verringern sich, ohne dass diese vermehrt das gegengerichtete Verhalten zeigen, wie etwa Depression oder Ängstlichkeit.
      foto: getty images/istockphoto/highwaystarz-photography

      Verhaltensauffälligkeiten verringern sich, ohne dass diese vermehrt das gegengerichtete Verhalten zeigen, wie etwa Depression oder Ängstlichkeit.

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