Die fabelhafte Blockchain-Welt des René R.

23. Februar 2018, 06:00
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Im März will René Reumüller mit Rocket-Chain starten. Den angekündigten Antrag auf eine "große Banklizenz" in Tschechien gibt es dort nicht

Wien – Wenn René Reumüller über seine Geschäftsmodelle spricht, kommt er schnell ins Schwärmen. Eine Idee jagt die nächste. Alles ist in Bewegung. So auch im folgenden Fall: Dem STANDARD wurde eine Unternehmenspräsentation von Rocket-Chain zugespielt. Das ist jenes Unternehmen, mit dem Reumüller an den Start gehen und "völlig neue Veranlagungssysteme und Bankingmodelle" bringen will.

Die Pläne, die in der Präsentation vorgestellt werden: Die "United Bank of Blockchain" soll gegründet werden. "Um ihre rechtliche und finanzielle Sicherheit zu garantieren, haben wir die große Banklizenz bei der Tschechischen Nationalbank eingereicht." Dort nachgefragt, heißt es, dass es so eine Anfrage derzeit nicht gibt.

Debitkarte, ATM und Fonds

Kommen soll auch eine Rocket-Chain-Debitkarte, mit der bei 35 Millionen Akzeptanzstellen weltweit "mit Ihren Coins" bezahlt werden könne. Davon befänden sich 450.000 in Deutschland. "An über 300 ausgewählten, hoch frequentierten Standorten" sollen Krypto-ATMs aufgestellt werden. Bei diesen Automaten "können Sie sich unter anderem Ihre Bitcoins bequem in der landesspezifischen Währung auszahlen lassen". Ebenfalls geplant: ein Crowdlending, vier Themenfonds (ICO und Kryptoinvest, Future-Tech und künstliche Intelligenz, Security und Green Economy). Hinter jedem Fonds steht ein Trading-Bot.

Rocket Mining Austria beschäftigt sich laut der Präsentation mit der Schaffung von neuen Coins. Zu den Gründern dieser Einheit gehören auch zwei ehemalige Vertriebsleute von Optioment, dem aufgeflogenen vermeintlichen Bitcoin-Betrug. Die Ermittlungen sind wie berichtet am Laufen.

KI-Spezialist als Partner

Partner im Mining ist ein gewisser Herr G., der laut Reumüller "einer der anerkanntesten Spezialisten im Bereich künstliche Intelligenz ist und von der deutschen Bundesregierung in der Gegend herumgeschickt wird". G. steht hinter den Firmen Techfunder und BRN.ai. Letztere könnte für die Aufsetzung des geplanten Chatbots zuständig sein. Dieser ist nötig, "um auf allen Ebenen der sozialen Medien aktiv zu sein", erklärt Reumüller auf Nachfrage. Der Chatbot sei wie ein kleines Kind, beschreibt Reumüller, dem jetzt alles beigebracht werde, auch der Vertrieb. Dann könne man auch bei Messengerdiensten wie Whatsapp oder Telegram starten.

Für all das brauche es viele Einheiten. Reumüller zufolge sollen rund 13 Unternehmen gegründet werden, bis alles läuft. "In Summe ist alles ein in sich geschlossenes Eco-System, und jedes Unternehmen wird seinen Zweck erfüllen", sagt Reumüller.

Einkaufen für den Account

Spannend wird es auf den letzten Seiten der Präsentation, wo ein Rangsystem erklärt wird. Um Teil des Rocket-Systems zu werden, muss man sich demnach einkaufen, um einen Account zu bekommen. Zum Einkaufen gibt es sieben Angebote von 300 bis 25.000 Euro. Wer dann bestimmte Umsatzvorgaben erfüllt, steigt im Rangsystem auf.

Dieses Rangsystem ist "ein klassisches Vertriebssystem, sie können auch Multi-Level-Marketing (MLM) dazu sagen", erklärt Reumüller auf Nachfrage. Aber alle Infos dieser Präsentation seien rasch und am Reißbrett entstanden. Mittlerweile sei ohnehin alles anders, alle Punkte seien permanent in Überprüfung und würden verändert. Die Unterlage hätte man nur gemacht, um schnell mal vor "Friends und Family" etwas herzeigen zu können. Derzeit werde etwa überlegt, das Rangsystem von sieben auf fünf Stufen zu verkürzen.

Warum er überhaupt so ein System mache, wo er doch von MLM nichts halte? Denn zum STANDARD sagte Reumüller vor wenigen Tagen: "Das Multi-Level-Marketing geht mir komplett gegen den Strich. Man sieht ja, was für Blödsinn dabei rauskommt." Seine Erklärung: "Für den Moment der ersten Präsentation war es das für uns richtige Modell. Jetzt sehen wir das anders." Nun soll ein völlig anderes Vertriebssystem angedacht werden. Es soll persönliche Beratung geben, die dann von einem Supportteam evaluiert werde. Überhaupt gilt: "Alles was in der Unterlage steht, ist anzuzweifeln", weil eben eine Reißbrettgeschichte.

Und die anderen Pläne? Die Debitkarte soll es schon geben. Aber die Situation habe sich auch dort geändert: Weil bei anderen Anbietern Karten gesperrt wurden, müsse mit dem Issuer jetzt neu geredet werden. Die ATMs hätten mittlerweile auch "Priorität Y", denn diese wollte man aufstellen, "weil sie schnellen Cashflow bringen", diesen brächten jetzt die Trader.

Team von Homepage weg

In der Präsentation werden Unternehmen angeführt, die jene Software "begeistert nutzen", die im Rocket-System zur Anwendung kommen soll. Zumindest die Deutsche Post hat rückgemeldet, diese Software nicht zu verwenden. Von den anderen Unternehmen gab es bis Redaktionsschluss noch keine Rückmeldung.

All das dürfte selbst einigen Rocket-Chain-Teammitgliedern zu heiß geworden sein. Mehrere Leute hätten darum gebeten, von der Homepage genommen zu werden. Daher wurde vorsichtshalber das gesamte Team offlinegenommen. Aber das sei laut Reumüller nur vorübergehend.

Bei der Polizei melden sich indes laufend Optioment-Geschädigte. Die Ermittler appellieren weiterhin an die Opfer, sich zu melden – man könne dies bei jeder Polizeidienststelle tun. (Bettina Pfluger, 23.2.2018)

Wissen: Anlagemodelle für Kryptowährungen

Im Zuge des aufgeflogenen Optioment-Anlagesystems wird oft die Frage gestellt, warum solche Systeme nicht im Vorfeld verboten werden. Das Problem bei Bitcoin und Co ist, dass diese in Österreich im luftleeren Raum schweben. Bitcoin ist weder als offizielle Währung anerkannt noch als Finanzinstrument. Daher gibt es keine Aufsicht, die für Kryptowährungen zuständig ist. Erst wenn sich Anbieter mit Anlagemodellen an den Markt wenden, kann etwa die Finanzmarktaufsicht warnen, wenn diesem etwa die für sein Geschäft notwendigen Lizenzen fehlen. Auch Ermittler können erst aktiv werden, wenn ein Schaden entstanden ist.

  • Die Blockchain. In dieser Datenkonstruktion aus Ziffern und Buchstaben verbirgt sich viel Hoffnung.
    foto: ap / petras malukas

    Die Blockchain. In dieser Datenkonstruktion aus Ziffern und Buchstaben verbirgt sich viel Hoffnung.

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