Islamexpertin Schröter: "Moscheen sind grundsätzlich nicht integrativ"

Interview23. Februar 2018, 08:00
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Susanne Schröter über die Flucht junger Muslime in ein frommes Leben, die zwiespältige Rolle der Moscheen und kopftuchfreie Schulen

STANDARD: Ausgehend von Ihrem Buch "Gott näher als der eigenen Halsschlagader: Fromme Muslime in Deutschland", für das Sie vier Jahre lang die 15 Wiesbadener Moscheegemeinschaften sowie Lebenswelten und Einstellungen strenggläubiger Musliminnen und Muslime in Deutschland untersucht haben, lautete Ihr Befund: "Es gibt Abschottung, die Religion nimmt immer stärkeren Einfluss auf die Jugendlichen – und sie spaltet." Ihrer Beobachtung nach werden Muslime "insgesamt frommer". Warum ist das so?

Schröter: Wir können weltweit ein globales Erstarken des fundamentalistischen Islam beobachten. Das hängt stark mit der Zirkulation islamistischer Ideen im Internet und der Mobilität islamistischer Prediger zusammen, aber auch damit, dass junge Muslime den Islam als Instrument des Empowerments begreifen. Häufig sind das Menschen, deren Eltern gar nicht sonderlich religiös sind. Diese Jugendlichen, die sich selbst religiöses Wissen aneignen – in kleinen Koranlesegruppen, manchmal unter Führung von charismatischen Predigern, aber auch an Universitäten -, kommen auf die Idee, dass der Islam die absolut überlegene Religion ist und die Muslime die von Gott auserwählte Gemeinschaft sind.

STANDARD: Warum brauchen sie das Gefühl des Auserwähltseins?

Schröter: Sie sind einer permanenten Zerreißprobe ausgesetzt. Sie sind in einer traditionellen Familie aufgewachsen, und die Eltern sind nicht unbedingt in europäischen Gesellschaften angekommen. Sie möchten die Kinder davor bewahren, so zu werden wie die Österreicher, wie die Deutschen, wie die Franzosen etc. Die Außenwelt wiederum erwartet von ihnen, dass sie die Spielregeln der Mehrheitsgesellschaft perfekt beherrschen, also säkular, reflexiv, kritikfähig usw. sind und bei allem Möglichen mitmachen, auch bei geschlechtergemischten Aktivitäten. In dieser Situation, wo sie in dem Widerspruch stehen, entweder die Eltern zu enttäuschen oder nicht in der Mehrheitsgesellschaft anerkannt zu werden, ist dieser neue Islam die Lösung. Damit können sie in ihrer Familie punkten. In meinen Interviews haben mir Jugendliche häufig erzählt, wie sie ihre Eltern erziehen, dass sie ihre Mütter und Tanten überzeugen, das Kopftuch zu tragen, weil ihr religiöses Wissen Eindruck macht. Und in der Mehrheitsgesellschaft haben sie auch Erfolge, weil sie als Gruppe Rechte einfordern können, und das tun sie.

STANDARD: Diese Forderungen werden meist unter dem Titel "Religionsfreiheit" aufgestellt. Sie sagten einmal, dass es an der Zeit sei zu definieren, "was eigentlich Religion ist. Man kann nicht jeden Mist als Religion etikettieren." Wird Religionsfreiheit aus Ihrer Sicht also auch überstrapaziert oder instrumentalisiert?

Schröter: Ja, sie wird instrumentalisiert. Wir haben ja einen relativ festen Religionsbegriff. Religion ist etwas Spirituelles und hat mit religiösem Kultus zu tun. Von den jungen Fundamentalisten wird der Religionsbegriff aber immer weiter ausgedehnt. Das passt natürlich zu diesem Islamverständnis, dass Religion allumfassend ist. Es gibt keine Trennung zwischen Politik und Religion, zwischen Gesellschaft und Religion. Dann versucht man in der Schule oder am Arbeitsplatz bestimmte Praxen etablieren, die alle als Religion bezeichnet werden. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das auch, weil die Religionsfreiheit ja ein hohes Gut ist. So war das ja beispielsweise bei den Koranverteilaktionen, der Lies-Kampagne, die jetzt in Deutschland verboten wurden. Das war ganz klar ein Instrument der Rekrutierung für salafistische und dschihadistische Milieus. Jahrelang haben sich Richter wahnsinnig schwergetan, diese Gruppen zu verbieten, weil sie gesagt haben, das Verteilen des Korans fällt unter Religionsfreiheit. Das wurde von den Salafisten gnadenlos ausgenutzt. Als das Verbot kam, wurde in den sozialen Medien sofort gepostet: Deutschland verbietet den Koran. Da sehen wir die Instrumentalisierungskette. Darum ist es notwendig, genauer zu definieren, was Religion eigentlich ist, was unter Religionsfreiheit fällt und was nicht. Wenn es eine klare Definition gibt, vermeidet man, permanent mit Forderungen konfrontiert zu sein, die dann mal durchgehen, mal zurückgewiesen werden, aber auf vielfältiger Ebene auch wirklich für ein ungutes Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sorgen. Wenn etwa jede kleine kommunale Verwaltung überlegen muss, ob eine verschleierte Frau nur von einer Sachbearbeiterin bedient werden muss oder ob das auch der männliche Kollege machen kann, dann ist das ein Dauerstress.

STANDARD: Wenn Sie sagen, dass für diese radikale Form des Islam "Religion alles ist", dann kollidiert das im Grunde doch mit den Grundprinzipien einer liberalen, säkularen Gesellschaft. Welche politischen Schlussfolgerungen leiten Sie dann daraus ab für das Thema Integration?

Schröter: Wir brauchen eine Definition, was unsere geteilten Werte sein sollen. Wir haben lange gesagt: Die einen haben diese Werte und die anderen jene, also ein absolutes Laissez-faire praktiziert. Aber in dem Moment, wo alle diese unterschiedlichen Werte in der Öffentlichkeit geltend gemacht werden, sehen wir, dass es eine Grenze gibt, und diese wird von den Verfassungen mit ihren Grundwerten bestimmt. Freiheitsrechte beinhalten deutlich mehr als die Freiheit der Religionsausübung. Da geht es auch um Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Männern und Frauen und um vieles mehr. Letztendlich müssen wir allen, die hier leben, Einwanderern, aber auch manchen Alteingesessenen, signalisieren, alles, was darüber hinausgeht, nicht mit Akzeptanz rechnen kann.

STANDARD: Welche Rolle können oder sollen Moscheen im Integrationsprozess spielen?

Schröter: Eine möglichst geringe. Die Moscheen sind, wenn ich das mal positiv formuliere, Schon- und Schutzräume für muslimische Communitys, die diese auch benötigen, weil sie in der Mehrheitsgesellschaft oft schlecht zurechtkommen. Gerade die ältere Generation brauchte und braucht diese Schutzräume, in denen alles so ist, wie sie das kennen, wo ihre Traditionen gelten, ihre Form des Islam praktiziert wird, und ihre Sozialstrukturen, gelebt werden können. Für die zweite und dritte Generation, die hier aufgewachsen ist, ist das kein sinnvoller Weg, denn die Moscheen sind grundsätzlich nicht integrativ, weil sie eben Rückzugsräume außerhalb der Gesellschaft sind. Viele ältere Moscheemitglieder wollen verhindern, dass junge Leute an der Gesellschaft partizipieren. Man möchte ihnen alles selbst anbieten, was sie gerne hätten, Fußballklub, Beschäftigung für Mädchen oder Hausaufgabenbetreuung. Noch bedenklicher ist, wenn man die Moscheen allzu sehr in die Flüchtlingsarbeit einspannt, weil sie dafür sorgen, dass sich die Geflüchteten automatisch in einer abgeschotteten Subkultur integrieren und dann überhaupt nicht mehr ankommen. Das ist ja auch viel einfacher. Da hat man Sicherheit, da ist alles eng und kuschelig.

STANDARD: Österreich hat unter dem Titel "Antigesichtsverhüllungsgesetz" de facto vor allem ein Burka- und Nikab-Verbot, also ein Verbot der islamischen Verschleierung beschlossen, wenngleich auch ein als Hai verkleidetes Werbemaskottchen und eine mit Schal gegen die Kälte geschützte Radfahrerin betroffen waren. Was halten Sie davon?

Schröter: Ich finde es nicht schlecht, weil die Burka, wenn man sie in Österreich oder in Deutschland trägt, ein Symbol für eine radikale Gesinnung ist und auch so gehandhabt wird. Die Frauen, die in der Öffentlichkeit das Gesicht verschleiern, machen Selfies, stellen sie auf Facebook, kassieren dafür viele Likes aus der radikalen Szene und setzen im Prinzip eine Anerkennungsspirale im radikalen Umfeld in Gang. Das Tragen des Gesichtsschleiers, des Nikabs, ist ein Mittel des politischen Aktivismus von Islamistinnen, die gewöhnlich wenig Möglichkeiten dazu haben, weil Frauen in der Öffentlichkeit nicht präsent sein sollen. Man muss ihn als politisches Zeichen der Konfrontation bewerten. Alle großen islamischen Rechtsinstitutionen sagen, dass der Nikab kein religiöses Zeichen ist. An der Azhar-Universität in Kairo ist er übrigens wie an vielen anderen islamischen Hochschulen verboten.

STANDARD: Wie ist Ihre Position zum Kopftuch, etwa in Schulen?

Schröter: In den Schulen halte ich es nicht für sinnvoll, auch weil in der letzten Zeit häufig Mädchen von frommen Schülern und Schülerinnen mit ganz üblen Methoden, zum Teil Mobbingkampagnen, unter Druck gesetzt wurden, wenn sie kein Kopftuch getragen haben. Wenn dann eine Lehrerin das Kopftuch trägt und meint, das sei Pflicht, haben diese Mädchen gar keine Chance mehr, sich zu behaupten.

STANDARD: Also kopftuchfreie Schule für Mädchen und Lehrerinnen?

Schröter: Ja, die kopftuchfreie Schule erscheint mir sinnvoll, und im Kindergarten sollten Mädchen natürlich auch keine Kopftücher tragen. Ansonsten in der Öffentlichkeit, an Universitäten, im öffentlichen Dienst können Frauen gerne ein Kopftuch tragen. Das kann man gut oder schlecht finden, aber das ist wirklich die persönliche Freiheit einer jeden Frau. (Lisa Nimmervoll, 23.2.2018)

Susanne Schröter (60) ist Gründerin und Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI). Zu den Forschungsschwerpunkten der Ethnologin zählen politischer Islam und islamischer Extremismus, Frauenbewegungen und feministischer Islam, Multikulturalität, Flüchtlinge und Integration. Zuletzt publizierte sie "Gott näher als der eigenen Halsschlagader: Fromme Muslime in Deutschland" (2016). Sie war auf Einladung des Österreichischen Integrationsfonds in Wien.

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