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Reportage25. Februar 2018, 13:00

Am Strand von Miyazawa liegt der hölzerne Rumpf eines Fischerbootes. Eine Knoblauchknolle, ein Keramikgefäß für Chilipaste und Zigarettenschachteln an Deck sind die einzigen stummen Zeugen der menschlichen Katastrophe, die sich auf dem maroden Gefährt abgespielt haben muss. Denn als das Boot hier in Japan vor kurzem an Land gespült wurde, lagen darin acht teilweise skelettierte Leichen. Die Bauweise und die Schriftzeichen auf den gefundenen Gegenständen ließen wenig Zweifel daran, dass Boot und Tote aus Nordkorea stammen.

Von ihrem Schicksal ist kaum jemand mehr berührt als Ryosen Kojima. Der Oberpriester des Tosen-Tempels kümmert sich bereits seit Jahren um die sterblichen Überreste der Fischer, die auf der Halbinsel Oga hoch im Norden von Japan stranden. Wenn Kojima die vorgeschriebenen buddhistischen Sutren für die Verstorbenen rezitiert, dann sind ihm Herkunft und Nationalität egal. Daher stehen die Urnen gemeinsam mit anderen Totengefäßen auf einem Tisch hinten im Tempel. Lediglich die weiße Stoffbespannung der Schachteln für die Urnen und der fehlende Namensanhänger verraten, dass es sich um unbekannte Tote handelt.

Übers Meer getrieben

Schon seit fünf Jahren landen solche Totenschiffe aus Nordkorea vor allem im Herbst und Winter an der Küste im Norden Japans. Dabei ist das Japanische Meer zwischen beiden Ländern über 1.000 Kilometer breit. "Wahrscheinlich fällt der Schiffsmotor aus, dann treiben Westwind und Strömungen die Boote über mehrere Monate nach Japan ab", sagte ein Offizier der Küstenwache im japanischen Fernsehen. Auch schlechtes Wetter und schwerer Seegang könnten eine Rolle spielen.

Wie diese Menschen starben und warum sie in Seenot gerieten, war schon immer rätselhaft. Doch diesmal sorgt die politische Krise um die Atom- und Raketenrüstung von Diktator Kim Jong-un dafür, dass die Spekulationen über die Geisterschiffe ins Kraut schießen. "Niemals zuvor hat es ein Jahr mit so vielen unbekannten Leichen gegeben", stellte Oberpriester Kojima vom Tosen-Tempel fest. "Ich frage mich, was da los ist."

Spurlos verschwunden

Dabei sind Geisterschiffe entlang der koreanischen Ostküste beileibe kein neues Phänomen. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren es vor allem südkoreanische Kutter, die scheinbar spurlos verschwanden. Für Südkoreas damalige Militärregierung war der Fall eindeutig: Nordkoreanische Soldaten haben die Fischer auf offener See entführt. Dass möglicherweise auch freiwillige Überläufer unter den Verschollenen waren, passte nicht ins damalige Kalter-Krieg-Narrativ.

Der 2012 nach Südkorea übergelaufene Nordkoreaner Kim Hun war laut eigenen Angaben während seiner zwanzigjährigen Militärlaufbahn an 160 Entführungsmissionen beteiligt. Südkoreanische Fischer seien bis in die 1980er-Jahre begehrte Ziele für Pjöngjang gewesen. Fernab auf hoher See boten sie dem Regime wertvolle Informationen, etwa über die Beschaffenheit des Meeresbodens. Im Falle einer Invasion des Nordens sollten diese genutzt werden, um Anlegeplätze für die Marine zu finden. Damals verschwanden auch 17 japanische Staatsbürger. Geheimagenten des Kim-Regimes verschleppten sie nach Nordkorea. Dort mussten sie Spionen die japanische Sprache und Lebensweise beibringen.

foto: ap/saki

Spionageverdacht

Auch heute noch ist in Japan die Angst vor Entführungen groß, besonders in den Orten, in denen nordkoreanische Boote mit Überlebenden ankommen. Beim Städtchen Yurihonjo in der Präfektur Akita zum Beispiel stoppte die Küstenwache im November ein Boot mit acht Fischern. "Sind es Spione?", titelte die Lokalzeitung. Auch Japans Premier Shinzo Abe vermutete, es handle sich um Agenten. Doch der Nordkoreaspezialist Satoru Miyamoto, Politologie an der Universität Seigakuin in Saitama, hält dies für unwahrscheinlich: "Spione würden mit besseren Schiffen kommen."

Bei Befragungen berichteten einige Überlebende, sie seien in schlechtes Wetter geraten und hätten Motorprobleme gehabt. Dann seien sie nach Japan abgedriftet. Aber viele Japaner bezweifeln diese Erklärung. "Der Gedanke, dass ich diesen illegalen Eindringlingen über den Weg laufe, macht mir Angst", sagt eine Bewohnerin der Insel Awashima vor der Küste der Präfektur Niigata. Die japanischen Insulaner sind es nicht gewohnt, dass ungebetene Besucher übers Meer kommen. Und seit den Abschüssen von potenziellen Atomraketen ohne Vorwarnung über Japan hinweg trauen viele Inselbewohner dem Nachbarn Nordkorea alles zu.

Kollektive Ängste

Sorgen gab es erneut im November, als die Küstenwache vor der Nordinsel Hokkaido ein 14 Meter langes Fischerboot voll Diebesgut stoppte. Auf einer Metallplakette stand: "Koreanische Volksarmee, Militäreinheit Nr. 854". Unter Deck waren ein Fernseher, eine Waschmaschine, ein Motorrad, eine Klimaanlage und ein Generator. Die Männer an Bord sagten im Verhör, sie hätten eine unbewohnte Hütte auf einer vorgelagerten Insel geplündert. Dabei hatten sie sogar die Klinken und Scharniere der Türen abgeschraubt und aufs Boot gebracht.

foto: ap/sagisawa

Sie erzählten, dass sie Soldaten seien und im September vom nordkoreanischen Hafen Chongjin aufgebrochen wären, um Tintenfische zu fangen. Die vielen Lampen auf dem Schiff, mit deren Licht sich die Tiere nachts nach oben locken lassen, schienen diese Geschichte zu bestätigen. Nach etwa einem Monat auf See sei das Ruder gebrochen, das Boot sei abgetrieben.

Die meisten Überlebenden der Geisterschiffe werden von den japanischen Behörden festgehalten, bis sie abgeschoben werden. Angeblich wollen alle wieder zurück. Seit seiner Machtübernahme setzt der 34-jährige Kim Jong-un verstärkt darauf, die Nahrungsmittelengpässe vor allem durch Fischereiprodukte in den Griff zu bekommen. Das Meer bietet für das von Dürren und Überschwemmungen heimgesuchte Land eine wetterunabhängige Nahrungsquelle. Zudem bildet der Export von Tintenfischen und Königskrabben nach China eine der wenigen Einnahmequellen für ausländische Devisen.

Die südkoreanische Handelskammer schätzt, dass Nordkorea im Jahr 2016 rund 196 Millionen Dollar durch Fischereiexporte verdient habe. Die US-Regierung geht gar von bis zu 300 Millionen Dollar pro Jahr aus. Seit August 2017 jedoch stehen die Produkte auf der Sanktionsliste des UN-Sicherheitsrats. Der Nordkoreaexperte Marcus Noland vom Peterson Institute for International Economics glaubt, dass die nordkoreanischen Fischer seither versuchen würden, auf offener See ihre Ladungen auf Boote unter ausländischer Flagge zu verladen, um die Sanktionen zu umgehen.

Menschliches Strandgut

Die Stadtverwaltung von Oga jedenfalls fühlt sich verantwortlich für das menschliche Strandgut aus Nordkorea. Sie hat die Leichen einäschern lassen, aber einige Fingernägel aufgehoben, damit sich die Toten mithilfe der Erbsubstanz später vielleicht identifizieren lassen. All dies in der stillen Hoffnung, dass Nordkorea die Kosten dafür übernehmen wird. Angeblich geht es um zwei bis drei Millionen Yen (14.800 bis 22.000 Euro) für Einäscherung und Abwrackung der Boote. Angeblich hat Nordkorea über einen Kommunikationskanal des Roten Kreuzes bereits verlangt, die Asche der Fischer zurückzubekommen.

euronews (deutsch)

Oberpriester Kojima vom Tosen-Tempel hat damit schon Erfahrung. Vor fünf Jahren hatte er sterbliche Überreste von Menschen an einen Vertreter Nordkoreas in Japan übergeben. Falls Nordkorea die Asche der neuen Toten nicht zurücknehmen sollte, kommen die Urnen in ein Grab für namenlose Seelen. Vom Friedhof aus ist der endlose Pazifik zu sehen, dessen Strömung die Toten in ihren Geisterschiffen an Japans Gestade getragen hat. (24.2.2018)

Wissen: Gekapert, gestrandet

In den 1960er- und 1970er-Jahren verschwanden insgesamt 3500 südkoreanische Fischer. Fast 3000 der von Nordkorea Entführten wurden wieder freigelassen, 516 gelten laut UN-Büro für Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen bis heute als vermisst.

2017 hat sich die Zahl der in Japan angeschwemmten Boote aus Nordkorea gegenüber dem Vorjahr knapp verdoppelt. 104 Geisterschiffe und 35 Tote wurden gezählt, so viele wie noch nie.