Michael Wolf: Im Puppenhaus, das wir Leben nennen

Ansichtssache27. Februar 2018, 09:00
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Die Fotografien des Deutschen vom Leben in Städten stellen universelle Fragen. Aktuell sind sie in Den Haag ausgestellt

In den U-Bahn-Stationen von Tokio arbeiten sogenannte Pusher. Das sind Mitarbeiter in dunklen Anzügen und mit Schirmmützen und weißen Handschuhen, deren Aufgabe darin besteht, mit vollem Körpereinsatz möglichst viele Passagiere in die überfüllten Wagons zu drücken. Buchstäblich eingepfercht wie die Ölsardinen, fahren diese Menschen morgens in die Büros und Geschäfte und abends wieder zurück in ihre Wohnungen.

foto: © michael wolf 2018
Ohnmacht, Resignation und kein Miteinander: Michael Wolfs bedrückende Fotografien vom Leben in Städten.

Der deutsche Fotograf Michael Wolf hat diese Passagiere porträtiert. Er hat sich auf den Bahnsteig gestellt und in die Züge hineinfotografiert. Entstanden sind dabei sehr nahe und persönliche, melancholische bis bedrückende Fotografien von Fremden, die für wenige Augenblicke vor seinem Objektiv erscheinen und damit in sein Leben treten, bevor ihre Reise weitergeht und sie in den dunklen Tunneln des U-Bahn-Systems verschwinden.

Es sind meist müde, oft abwesend wirkende und an die beschlagenen Scheiben gepresste Gesichter – die Tropfen des Kondenswassers wirken dabei wie Tränen. Die Männer und Frauen dösen vor sich hin, manche mögen sogar schlafen, andere hören Musik, um der unmenschlichen Enge zumindest mental entfliehen zu können. Vereinzelte schauen direkt in Wolfs Kleinbildkamera – aber ihr Blick wirkt nicht überrascht oder gar ablehnend, sondern resigniert und gleichgültig: Sie beobachten den Fotografen, der wiederum sie beobachtet in dieser unfreiwillig intimen und zugleich öffentlichen Situation.

Welchen Preis müssen wir zahlen ...

Genauso öffentlich sind diese Fotografien aus der Serie Tokyo Compression nun ausgestellt, denn sie hängen im Eingangsbereich von Michael Wolfs Retrospektive Life in Cities, die aktuell im Fotomuseum Den Haag zu sehen ist und Ende des Jahres im Haus der Photographie in Hamburg gastieren wird. Fast anklagend wirken diese Porträts vom anderen Ende der Welt, und obwohl sie natürlich ein sehr japanisches Phänomen zeigen, sind die Fragen, die sie aufwerfen, universell: "Unter welchen Bedingungen leben und arbeiten wir, was lassen wir alles mit uns machen, welchen Preis müssen wir dafür zahlen und, vor allem, wofür eigentlich?"

Diese Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch fast das gesamte künstlerische Werk des 1954 in München geborenen, aber in den USA aufgewachsenen Michael Wolf. Mitte der 1990er-Jahre ging er, der bei Otto Steinert in Essen studierte, schließlich als Fotokorrespondent für den Stern nach Hongkong, wo er bis heute lebt. Ausgerechnet Hongkong! Es gibt kaum eine Stadt mit höheren Lebenshaltungskosten, allein die Miete für eine 30-Quadratmeter-Wohnung übersteigt das Einkommen eines Universitätsabsolventen.

In Hongkong gibt es die berüchtigten Informal Rooftop Communities, illegale Baracken auf Hochhausdächern, genauso wie die Sozialbaukomplexe mit ihren neun Quadratmeter kleinen Ein-Raum-Wohnungen. Wolf hat diese Räume und ihre Bewohner festgehalten; im Nachbau eines solchen Zimmers im Museum kleben die Fotos aneinander wie Bienenwaben. Der Besucher kann einem Panoptikum gleich in alle Räume schauen und wird auch hier zu einer Art von geduldetem Voyeur.

... und, vor allem, wofür eigentlich?

Doch Wolf nimmt auch eine gänzlich andere Perspektive ein. Für Architecture of Density ist er buchstäblich zurückgegangen und zeigt uns Wohn- und Bürokomplexe, die er so dicht fotografiert, dass kein Platz mehr ist für Straßen, Bäume, einen Himmel oder irgendeinen anderen Ausweg, der den Bewohnern Hoffnung und unseren Augen die Möglichkeit zur Flucht gäbe. Andreas Gurskys berühmtes Foto eines Wohnkomplexes, Paris, Montparnasse wirkt gegen Wolfs Blick fast leicht – und das muss man erst einmal schaffen.

Hochhausfassaden hat Wolf auch in Chigago fotografiert – dort allerdings hat ihn der abendliche Blick in die Büros und Wohnungen fasziniert, die er aus der Hochbahn heraus erhaschen konnte. Für Transparent City wurde er wiederum zum Voyeur: Er zeigt uns Wimmelbilder mit einer unglaublichen Dichte, die zum Starren und Entdecken auffordern. Aber auch hier geht es mitnichten allein um das Observieren. Wolfs Bilder zeigen wunderbar die Absurdität urbaner Parallelitäten, das Neben-, Unter- und Übereinander, aber niemals das Miteinander. Das ohnmächtige Aufbäumen des Individuums, der Querschnitt eines Puppenhauses, das wir Leben nennen. (Damian Zimmermann, 27.2.2018)

Gemeentemuseum Den Haag, bis 22.4.

"Works", € 50 / 296 Seiten, erschienen im Berliner Verlag Peperoni Books

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foto: © michael wolf 2018

Michael Wolf, Architecture of Density, Hong Kong 2003-2014.

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