300 Millionen Euro: US-Investor steigt bei Digitalgeschäft von ProSiebenSat1 ein

    22. Februar 2018, 09:12
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    General Atlantic übernimmt 25,1 Prozent an der Sparte mit Portalen wie Parship oder Verivox – Ausbau zu einer führenden europäischen Plattform für Lifestyle-Angebote geplant

    München – ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling verabschiedet sich mit einem millionenschweren Geschenk von dem Fernsehkonzern. An seinem letzten Arbeitstag präsentierte er am Donnerstag einen neuen Kapitalgeber für das boomende Digital-Geschäft, das er in den vergangenen neun Jahren maßgeblich mit aufgebaut hat.

    Der Finanzinvestor General Atlantic übernimmt für rund 300 Mio. Euro 25,1 Prozent an der "NuCom" getauften Sparte. Ebeling sprach vom "perfekten Partner" für die Firmen wie Verivox, Parship und Jochen Schweizer, die insgesamt mit 1,8 Mrd. Euro bewertet werden. "Zum Abschluss meiner Zeit bei ProSiebenSat.1 ist diese Transaktion für mich ein wichtiger Meilenstein."

    Flixbus-Betreiber

    Der als Eigentümer des Fernbus-Betreibers Flixbus bekannte Investor soll helfen, das Geschäft mit Vergleichsportalen, Partnervermittlungen und Abenteuer-Gutscheinen über den deutschsprachigen Raum hinaus auszubauen, auch mit kleineren Übernahmen. Deutschland-Chef Jörn Nikolay betonte, Kapital sei dafür ausreichend vorhanden. Schwieriger sei es, die passenden Firmen zu finden. Der stellvertretende ProSieben-Chef Conrad Albert sagte, man überlege, mit General Atlantic auch neue E-Commerce-Segmente in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu erschließen.

    Mit dem Geld des neuen Partners und weiteren 40 Mio. Euro Eigenmitteln stockt ProSieben die Anteile an den größten Portalen zunächst auf. Operativ soll NuCom in diesem Jahr 120 Mio. Euro Gewinn abwerfen. Eine Trennung sei kein Thema, betonte Ebeling. "Wir glauben weiter an Synergien mit dem TV-Geschäft." ProSieben hatte die Online-Firmen mit kostenlosen Werbespots aufgepäppelt und will zunehmend von den Erkenntnissen der Online-Portale über die als Werbezielgruppe interessanten Nutzer profitieren.

    General Atlantic hatte im Internet-Geschäft bereits dem Verlagshaus Axel Springer auf die Sprünge geholfen. Der Finanzinvestor hält auch Beteiligungen an Start-ups wie Uber, Airbnb und Delivery Hero.

    Im vergangenen Jahr war die E-Commerce-Sparte, deren Kern die NuCom ist, um fast 30 Prozent gewachsen und damit so stark wie keine andere bei ProSiebenSat.1. Sie steuerte ein Viertel zum operativen Ergebnis bei. Ebeling hat damit sein Ziel erreicht, gut 50 Prozent der Erlöse außerhalb des angestammten Fernseh-Werbegeschäfts zu erwirtschaften.

    Albert übernimmt vorerst

    Albert führt ProSiebenSat.1 für drei Monate und tritt dann wieder ins Glied zurück. Im Juni übernimmt Max Conze seinen Posten. Er war bis zum Herbst Chef des britischen Staubsauger-Herstellers Dyson, ehe er dort im Unfrieden schied. "Seine Bilanz ist beeindruckend", lobte Ebeling. Er selbst gehe nicht mit Wehmut. "Morgens aufzuwachen und nicht mehr auf die Quote zu gucken, ist schon ein anderer Lebensstil." Ebeling hatte im Herbst seinen vorzeitigen Abschied angekündigt, nachdem er mit einer flapsigen Bemerkung über die ProSieben-Zuschauer für Entrüstung gesorgt hatte: Sie seien "ein bisschen fettleibig" und "ein bisschen arm".

    Dennoch brach er eine Lanze für das Fernsehgeschäft, obwohl sich junge Zuschauer immer mehr davon abwenden. "TV bleibt das wichtigste Medium in Deutschland für Werbetreibende." Ein Endspurt in der Fernsehwerbung half ProSiebenSat.1, die Umsatz- und Gewinnprognosen im vergangenen Jahr leicht zu übertreffen. Der Umsatz kletterte um sieben Prozent auf 4,07 Mrd. Euro. Der Betriebsgewinn stieg um drei Prozent auf 1,05 Mrd. Euro, der bereinigte Überschuss legte ebenfalls um drei Prozent auf 550 Mio. Euro zu. "Wir haben das neunte Rekordjahr – trotz eines schwachen TV-Werbemarktes", zeigte sich Ebeling zufrieden. Die Aktionäre bekommen eine um drei Cent höhere Dividende von 1,93 Euro je Aktie.

    Für 2018 vorsichtig

    Für 2018 gibt sich Finanzvorstand Jan Kemper vorsichtig: Der Umsatz werde weiter steigen, die operative Umsatzrendite bei rund 25 (2017: 25,8) Prozent bleiben. Für Zukäufe stünden weiterhin mehr als eine Milliarde Euro zur Verfügung, betonte er. Gleichzeitig sucht der Konzern einen Partner auch für die Produktions-Sparte, deren Wert auf etwa eine halbe Milliarde Euro veranschlagt wird. Der Prozess werde bald beginnen, nachdem der Einstieg von General Atlantic in trockene Tücher gebracht worden ist, deutete Kemper an: "Das Team schläft jetzt erstmal drei bis vier Tage aus."

    Das vergangene Geschäftsjahr schloss ProSiebenSat.1 etwas besser ab als nach gesenkten Prognosen erwartet. Der Umsatz stieg um sieben Prozent auf 4,1 Mrd. Euro, der Gewinn um sechs Prozent auf 471 Millionen. (APA, Reuters, 22.2.2018)

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