Florian Scheuba: Das Gefakte, Unwahre und Obszöne

    21. Februar 2018, 17:27
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    In seinem zweiten Solokabarettprogramm "Folgen Sie mir auffällig" verrät Scheuba gekonnt sprachverliebt und gewohnt kritisch die Herkunft gekaufter Postings, Sebastian Kurz' Erfolgsrezept und die Feigheit H.-C. Straches

    Wien – Florian Scheuba räumt in seinem neuen Programm auch der Selbstreflexion Platz ein. Es gebe zwei Theorien über Kabarettbesucher, erklärt er. Eine besagt, dass sie kommen, um das Unerwartete und Unvorhersehbare zu erleben. Und die andere meint, dass sie hingehen, um Zeugen des Ritualhaften dieser Kunst zu werden. Er selbst hänge der Ritualtheorie an.

    Wer dem Abend beiwohnt, kann nicht nur das bestätigen. Man wird bei Scheuba zudem immer Zeuge herrlichster faktischer Verhältnisse, die man oft für erfundene halten möchte.

    Dienstleistungsposter

    Etwa jene Angelegenheit um den Wiener Rechtsanwalt, dessen Geschäftsmodell darin bestehen soll, Mitarbeiter in Kabarettvorstellungen zu setzen, um dort klagswürdige Passagen festzuhalten und diese später den ahnungslosen Gespotteten als Klagsgründe anzudienen. (Als notierender Journalist wird man prompt bezichtigt.) Oder eine Wiener PR-Agentur, die jährlich 100.000 bezahlte Postings in Foren und sozialen Medien absetzt für Kunden wie ÖBB, Red Bull oder die ÖVP.

    Was ist echt und was falsch? Was Wahrheit und was alternativer Fakt? Darum geht es in Folgen Sie mir auffällig, nach Bilanz mit Frisur (2014) das zweite Solo in der über 30 Jahre dauernden Karriere des STANDARD-Kolumnisten. Er begrüßt sein reales Publikum – keine Bots oder Fake-Accounts.

    Er erfindet nicht ex nihilo, stolpert nicht aus der Privatwohnung auf die Bühne. Der Investigativkabarettist hegt ein Gärtchen der Referenzen aus Politik und Medien. Er rettet Details und Schlagzeilen vor dem Vergessenwerden. Eine Kernkompetenz dafür ist die Recherche, ein Schatz das Archiv.

    Wegen der menschlichen Dummheit

    Auch jenes der Hektiker, mit denen er 1981 als 16-Jähriger startete. Ein paarmal zapft er es an und nutzt es als Sprungbrett ins Heute. Etwa um herzuleiten, warum er der direkten Demokratie mit Vorsicht gegenübersteht: wegen der menschlichen Dummheit, klar. Die satirische Hektiker-Forderung von 1984 nach dem Autofahren ohne Gurt sieht er in Norbert Hofers Plänen als Verkehrsminister wiederkehren.

    Große Bögen widmen sich Kapitalismus, Zeitungsmacher Wolfgang Fellner und Donald Trump (ein Opfer "aggressiver Fakten"). Hinweise auf die Regierung kommen spitz und zwischendurch. Zu feig, zu dem zu stehen, was er meint, findet der Kabarettist dann H.-C. Straches Satiredeckmantel beim Posting über den ORF. Mit dem Slogan "Ich schau nur. Kurz" liefert Scheuba eine "präzise Funktionsbeschreibung unseres Kanzlers". Wobei jene im zweiten Teil des Abends als Erfolgsrezept auch für Braco, den Wunderheiler mit "dem gebenden Blick", taugt. Warum Kurz' Politprogramm moralisch besser ist als das des Koalitionspartners? Weil: "Wenn ich es nicht tu, macht es die FPÖ selber. Und die tun es auch noch gern!"

    Burschenschaften werden mit feiner Klinge nur gestreift. Reicht. Quasi als lockeres Element schließt der Kabarettist aus den meistgegoogelten Begriffen jedes Bundeslandes auf dessen Volksseele. Gekonnt. Die Liebeserklärung an seine Frau am Ende überrascht aber. Der 52-Jährige glaubt vielleicht doch auch an die erste Kategorie von Kabarettbesuchern. (Michael Wurmitzer, 21.2.2018)

    • Echt, nicht gekauft und nicht gesponsert sei er – Florian Scheuba grenzt sich von Fake-News und Fake-Accounts ab.
      foto: ernesto gelles

      Echt, nicht gekauft und nicht gesponsert sei er – Florian Scheuba grenzt sich von Fake-News und Fake-Accounts ab.


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