Wikinger, Äxte und Gemetzel: Lasst uns über Historienserien reden

Blog2. März 2018, 06:00
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Es war ein hartes Leben im Mittelalter. Manchmal ist es noch härter, sich Serien darüber anzusehen. Serienreif über "Vikings", "Britannia", "Outlander"

Es wird gemetzelt und gemeuchelt, mit Schwertern und Äxten gekämpft, und auf den Schlachtfeldern sammeln sich Blut und Gedärme. Daneben gibt es ein bisschen Liebe und Verrat. Egal ob es dabei um die Wikinger geht, die in "Vikings" zuerst den Briten und dann den Franzosen das Leben schwermachen, oder ob die Römer in "Britannia" auf eine mehr als seltsame Sekte treffen.

Schon immer haben die Menschen Geschichten erzählt, und meistens handeln sie von vergangenen Zeiten. Da verwundert es also wenig, dass historische Ereignisse mehr oder weniger faktentreu auch in Serien verwurstet werden. Das hat uns viel Spaß gebracht, denken wir doch an "Xena", die Kriegerprinzessin.

Das Serienreif-Trio widmet diese Ausgabe des gepflegten Fernsehgesprächs also der Frage: Wann ist eine Historienserie eine gute Serie, und warum nerven die manchmal einfach so?

SPOILER-ALERT: Wer sich nicht mehr erinnern kann, was er oder sie in der Schule über die Wikinger oder die Römer oder die Schotten gelernt hat, möge sich hier nur sehr vorsichtig durch den Text bewegen. Bedeutet: Achtung, Spoiler für "Vikings", "Britannia" und "Outlander".

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Doris Priesching: Es gibt eine Serie, die in allen Rankings an Nummer eins steht als die beste, und das ist – nein, nicht "Game of Thrones", weil wir hier über Historie und nicht über Fantasy reden, sondern "Vikings". Wobei ich sagen muss, mein "Vikings"-Erlebnis beschränkt sich auf einige wenige Folgen, nachdem ich mich jetzt im Zuge der Vorbereitung mehr damit beschäftigt habe, kann ich schon sagen, es ist wahrscheinlich eine der besseren, richtig Spaß macht mir das trotzdem nicht. Die zugrundeliegende Idee der "Entdeckung" Amerikas gefällt mir gut, die Frage, wie haben die das eigentlich gemacht und was ging dem voran, dem kann ich was abgewinnen.

Daniela Rom: Ich hab ja zwei Anläufe für "Vikings" gebraucht. Vor circa einem Jahr habe ich damit begonnen – und ich bin nicht über die erste Folge hinausgekommen. Wie es so oft im Leben ist, trifft man sich aber oft zweimal. Rund um Weihnachten letztes Jahr war ich auf der Suche nach einem neuen Epos, bei dem es schon mehrere Staffeln gibt, und habe "Vikings" noch eine Chance gegeben. Und ich bin total reingekippt. Für mich ist es "Sons of Anarchy" mit Booten statt mit Motorrädern. Die Geschichte ist spannend (auch wenn sie ab Mitte von Staffel drei ein wenig ausfranst), die Charaktere sind spannend (auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob das alles historisch superkorrekt ist), und die Kampfszenen sind optisch sehr lässig.

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Kampfbereite Wikinger.

Anya Antonius: Ich muss mich leider als "Vikings"-Banause outen, es hat sich bisher irgendwie nie ergeben. Dabei steht die Serie schon ewig auf meiner Liste … Ich hole mir derweil einen Kaffee und lasse euch fachsimpeln.

Doris Priesching: Ich würde mir das sparen, also nicht den Kaffee, sondern "Vikings". Deine Begeisterung, Dani, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, ich bin sogar ein wenig beunruhigt! "Vikings" ist dumpf, brutal, sexistisch – und das Schlimmste: völlig humorlos. Das einzig Lustige ist, dass ich ständig glaube, jetzt kommen gleich Wickie und die starken Männer um die Ecke. Wenn sie nur kämen!

Daniela Rom: Ach, Doris, mach dir keine Sorgen um mich! Manchmal mag ich dieses Archaisch-Brutale. Den Sexismus kreide ich "Vikings" erstaunlicherweise nicht an. Lagertha bringt schließlich fast jeden, der sie vergewaltigen oder heiraten will, um. Was ich zum Beispiel ganz hervorragend fand, ist die Art, wie sich "Vikings" mit dem Thema Religion und den dazugehörenden Brutaloriten auseinandersetzt. Das ist schon fast poetisch, wie da zum Beispiel Menschenopfer zelebriert werden, das hat mich nachhaltig fasziniert und gleichzeitig angeekelt. Oder wie immer wieder der Glaube an Walhalla zu skurrilen Varianten des Tötens führt und Trauer ein Konzept ist, das dem Wikinger eher fremd ist. Oder auch die ganze Geschichte mit dem Mönch, der erst Sklave und dann best friend wird.

Doris Priesching: Und überhaupt sind die Darsteller so unglaublich hässlich, das macht es für mich ganz schwierig. Ich weiß, superoberflächlich, aber ich kann's nicht ändern, auch deshalb schaut man ja so gern "Game of Thrones" zu, weil sie alle so nett anzuschauen sind.

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Trailer zur fünften Staffel von "Vikings".

Daniela Rom: So schirch finde ich die alle zusammen nicht. Ungewaschen vielleicht, aber ist halt schwer, auf so einem Boot nach England ziehen und dann erst das ganze Gemetzel – da sitzt dann bei den Wenigsten noch die Frisur. Ich hätte ja gerne jemanden, der mir jeden Morgen die Haare flechtet zu solchen Kunstwerken.

Anya Antonius: Thematisch sind wir ja da nicht so weit weg von "Britannia". Wie hat euch das gefallen?

Doris Priesching: Sorry, wenn ich schon wieder zynisch sein muss, aber ich war da am Set in Tschechien, es war schweinekalt, die Schauspieler haben gefroren ohne Ende, sie waren wirklich arm, ich übrigens auch, wie ich fand. Das Beste war aber, ich habe die ganze Zeit geglaubt, ich bin bei "Asterix und Obelix". Die Aufbauten haben eins zu eins so ausgesehen, da sieht man wieder einmal, wie ewig gültig "Asterix und Obelix" ist. Interessant finde ich den Titelsong "Hurdy Gurdy Man" von Donovan – das ist einmal etwas anderes.

general aulus plautius
Trailer zu "Britannia".

Daniela Rom: Hör mir auf mit dem Titeltrack! Ja ja, große Kunst aus den 1960ern. Aber dieses Gitarrengeschrammel mit dem Ed-Sheeran-alike-Singsang ist eines Epos nicht würdig. Danke für gar nichts. Da lobe ich mir "Vikings" mit Fever Ray, das mich sofort auf so ein Wikingerschiff mit Geistern und Schildern versetzt. Aber zurück zum Thema: "Britannia" finde ich ganz schwierig. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Keiner der Charaktere interessiert mich wirklich. Diese psychedelische LSD-Kameraführung mit dem verschwommenen Hintergrund und dem Fokus auf irgendeinem Auge oder Ohr und schwindligen Bildern, das lästige Mädchen mit dem noch lästigeren Eremiten, der Brutalo-Römer mit seinen BFFs, die durch und durch unsympathische Königsfamilie ...

Anya Antonius: Ich bin ja wirklich sehr leichte Beute, wenn es um Historyserien geht. Gebt mir eine Geschichte, die in der Vergangenheit spielt, und ich bin zumindest auf einen Schauversuch dabei, auch "Vikings" werde ich mir sicher noch genehmigen. Römer gegen Kelten in Britannien? Ja bitte, ich bin sowas von an Bord! Aber "Britannia" finde ich leider wirklich mies. Das Intro ist eigentlich schon das Beste daran. Danach geht es für mich steil bergab. Nicht ein sympathischer Charakter, dessen Tod einem vielleicht ein kleines bisschen leidtun würde, Overacting überall, und dann diese lächerlich-ultrabösen Druiden. Und irgendwann werden selbst die visuell interessantesten Drogentrips redundant. Schade, die Geschichte hätte eigentlich so großes Potenzial für eine extrem spannende Serie.

Doris Priesching: Schon wieder so viel Pose, so wenig Geschichte, das Intro dauert ewig – die trauen sich was. Aber ich gestehe, mir hat nicht so schlecht gefallen, was ich bisher sah – dank Zoe Wanamaker: "I shit on the souls of your dead, I drink your blood." Halleluja! Die Hippiekolonie fand ich lustig, den psychedelischen Einschlag mit den Druiden, ich mag das, mir gefallen die Leut besser.

foto: sky uk
Komische Druiden.

Daniela Rom: Pfa, ich bleib bei den Wikingern. Was soll das überhaupt mit den Alienaugen bei der Kommune? Alles, was ich bei "Vikings" klug gemacht fand mit dem religiösen Brimborium, das über allem hängt und alles beeinflusst, das finde ich bei "Britannia" nicht. Die Sekte macht auch irgendwas mit Menschenopfern, warum und was genau, keine Ahnung. Die Römer reden immer von Mars und Opfer und irgendwas, aber sie sind wie jene Christen, die genau an Weihnachten einmal in die Kirche gehen, sich aber immer sehr heilig vorkommen. Nein, einfach Nein.

Doris Priesching: Mich nervt an Historienserien generell dieses Brutale, ich bin nicht zart besaitet, aber diese Methode, Drama mit literweise Filmblut herzustellen – das ist doch schwach! Bei "Britannia" besonders anstrengend dieses dauernde martialische Kriegsgedröhn, eine Beleidigung für die Ohren.

Daniela Rom: Das Brutale ist halt sehr authentisch. Ich lese gerade einen 500-Seiten-Wälzer über die Romanows und Russland – da ist "Vikings" oder "Britannia" ein Kindergeburtstag dagegen. Versteh mich nicht falsch, ich muss das auch nicht immer haben, und ich bin auch nicht der größte Fan von so richtig grauslichen Kampfszenen, aber historisch korrekt ist es allemal. Und wenn's gut gemacht ist, bin ich dabei.

Anya Antonius: Dass eine Serie brutal ist, stört mich eigentlich überhaupt nicht – es kommt nur darauf an, wie es in die Handlung passt. Bei "Britannia" hatte ich das Gefühl, es geht rein um den Grauslichkeitsfaktor. Zum Beispiel als der alte König quasi entbeint wird wie ein Hendl. Das mag authentisch sein, aber die Serie legt auch sonst keinen Wert auf Authentizität, also passt es für mich einfach überhaupt nicht.

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"Outlander" muss man mögen.

Doris Priesching: Bei Historienserien bin ich sicher nicht das Zielpublikum, aber ich kenne auch keine gute. Ich habe mal eine Folge von "Camelot" gesehen, eine Serie aus dem Jahr 2011 von Starz, der ja auf diese Themen setzt, mit "Spartacus" angefangen. Das ist irgendwie alles "Wanderhure" oder so, ich weiß nicht. Fast ein bisschen fremdschämen tu ich mich da.

Anya Antonius: Es ist leider wie bei historischen Romanen: viel Schrott, wenig wirklich gut Recherchiertes und Interessantes. "Die Wanderhure" ist ein gutes Stichwort. Wenn das Konzept ist: Ein sexy Mann kämpft in der Vergangenheit mit dem Schwert, und eine sexy Frau ist auch irgendwie dabei, dann ist das einfach zu wenig. Ich brauche ein bisschen mehr Inhalt und Erzählung als nur eine dramatische Liebesgeschichte vor ein paar hundert Jahren. Und wenn schon Trash, dann lieber richtig guter Trash als eine Serie, die sich selbst zu ernst nimmt – wie zum Beispiel "Marco Polo".

Daniela Rom: Öhöm, "Spartacus" gilt doch schon fast als Softporno, oder? Das schaut sich doch keiner wegen des Inhalts an. Hab ich gehört. Bei vielen Historienserien hab ich das Gefühl, dass man irgendwie immer eins draufsetzen will. Bei Die "Tudors" reicht die Geschichte nicht, das muss man noch aufpeppen mit völlig sinnlosen Sexszenen und es besonders grauslich machen, damit es funktioniert. So Sachen wie "Marco Polo" oder "Da Vinci" ist mir dann zu artsy-fartsy. Eigentlich ist es ja eh einfach: gute Geschichte, gute Bilder – "Vikings".

foto: ap photo/showtime
Eine schrecklich nette Familie, die Tudors.

Anya Antonius: Die "Tudors" mochte ich sehr. Das ist schon so abseits der Realität – der gesamte Hof inklusive König und fast alle Ehefrauen sind quasi Models, die von Gschichtl zu Gschichtl hüpfen. Doch zwischendurch gibt es immer ein Aufblitzen einer tatsächlich recherchierten Geschichte, und die Serie steht einfach komplett dazu, einen gewissen Camp-Faktor zu verbreiten. Mich unterhält das. Und okay, okay, es zählt wohl schon halb zu den Fantasyserien, aber ich mag auch "Outlander". Ich finde, das ist wirklich gut gemacht, ohne allzu sehr ins Schmalzige abzudriften, was sehr leicht hätte passieren können bei der Buchvorlage. Man kommt sich zwar immer ein bisschen blöd vor, wenn man die Handlung erklärt: "Ja, es geht um Zeitreisen, sie ist durch die Steine gefallen und im Schottland des Jahres 1743 gelandet." Da nimmt einen dann schon keiner mehr wirklich ernst. Dabei ist es wirklich gut erzählt und bei allen Fantasy- und Kitsch-Elementen dennoch überraschend authentisch und sympathisch. Authentischer zumindest als "Britannia". Und die Highlands gehen sowieso immer.

Daniela Rom: Anya, ich bin auch ein Fan. Mir ist ja so gut wie nichts peinlich, also stehe ich dazu: Ich finde "Outlander" großartig.

Doris Priesching: Ich möchte abschließend an dieser Stelle eine Studie über das Sexualverhalten in Historienserien anregen, von vorne, von hinten – was soll uns das sagen? Bei "Game of Thrones" müssen sich die Frauen generell bücken, bei "Vikings" gibt es Bullenreiten, "Britannia" ist, was ich gesehen habe, eher gschamig. Da stell ich mir auch immer vor, dass die Drehbuchautoren zusammensitzen und beratschlagen: Wie schaffen wir das jetzt, dass wir männliche Fantasien bedienen und trotzdem die Frauen nicht vor den Kopf stoßen. Dilemma, peinlich irgendwie. Aber darüber können Sie ja im Forum einfach weiterdiskutieren.

(Anya Antonius, Doris Priesching, Daniela Rom, 2.3.2018)

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