Assads Topgeneral vor den Toren der Ost-Ghouta

Analyse mit Video21. Februar 2018, 07:00
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Rund 250 Tote in zwei Tagen: In der Region Ost-Ghouta bei Damaskus spielt sich derzeit die größte humanitäre Katastrophe in Syrien ab

Damaskus/Wien – Die Berichte aus der Ost-Ghouta östlich von Damaskus erinnern an jene über die Schlacht um Ost-Aleppo im Spätherbst 2016: Hunderte Tote durch tägliche Bombardements durch das syrische Regime, Fassbomben und andere geächtete Waffen, monatelange Belagerung, kein Zugang für Hilfslieferungen, Hunger und Krankheit, tote Kinder – und Appelle der internationalen Gemeinschaft, die ins Leere gehen.

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Die Vereinten Nationen zeigen sich besorgt über die jüngste Eskalation der Gewalt in Syrien. UN-Generalsekretär Guterres erwähnt besonders die Lage der Zivilbevölkerung in Ost-Ghouta. Er fordert Zugang für Hilfsorganisationen.

Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef veröffentlichte am Dienstag eine ungewöhnliche Erklärung, einen dürren Satz von Regionaldirektor Geert Cappelaere: "Keine Worte werden den getöteten Kindern, ihren Müttern, ihren Vätern und ihren Angehörigen Gerechtigkeit widerfahren lassen."

Die Lage in der Ost-Ghouta ähnelt der in Aleppo aber nicht nur, was das Ausmaß der Kriegsverbrechen und die humanitäre Katastrophe betrifft. Das Ziel der Regierung ist, das östliche Einzugsgebiet von Damaskus zurückzuerobern, und die Zermürbung der Zivilisten ist Teil der Kriegsführung. Wie in Aleppo ist die Rechtfertigung dafür aber die Präsenz von extremistischen Elementen unter den Rebellen, die nicht unter die etwaigen Waffenruhevereinbarungen fallen: Es geht um die Gruppe Hay’at Tahrir al-Sham, eine Weiterentwicklung der früheren Nusra-Front (Jabhat al-Nusra), die sich noch ganz offen zur Al-Kaida bekannt hat.

Von den Radikalen lossagen

Und ganz wie in Aleppo wird von den anderen Gruppen – in diesem Fall die ebenfalls ziemlich radikale Jeish al-Islam und die Al-Rahman-Legion – verlangt, dass sie sich von ihrer Allianz mit den Jihadisten lossagen. Russland hat im Herbst versucht, ein Arrangement ähnlich dem in Aleppo zu vermitteln, das islamistischen Kämpfern den Abzug in die Provinz Idlib erlauben würde. Dort nahmen die Kämpfe aber zuletzt ebenfalls zu.

Im Frühjahr 2017 kam es zu Konflikten, sogar schweren Kämpfen, unter den verschiedenen Rebellengruppen in der Ost-Ghouta, sie wurden jedoch beigelegt. Ende Juli verkündete Russland die geplante Einrichtung von vier "Deeskalationszonen" in Syrien, in denen die Kriegshandlungen zwischen Regime und Rebellen – aber eben exklusive "Islamischer Staat" und Al-Kaida – eingestellt werden sollten. Die Ost-Ghouta war eine davon.

Funktioniert hat das jedoch dort nie. Überflüssig zu sagen, dass beide Seiten einander beschuldigen, für den frühen Zusammenbruch verantwortlich zu sein._Ende September bombardierte das Regime das Gebiet wieder. Aber zum kompletten Bild gehören auch die regelmäßigen Rebellenangriffe von der Ost-Ghouta aus auf Damaskus.

Am Beginn der derzeitigen Eskalation stand ein Angriff der Rebellen auf die Militärbaracken in Harasta, am Rande der Ost-Ghouta, Mitte November. Die Regierungstruppen brauchten zwei Wochen, um ihn zurückzuschlagen, in dieser Zeit wurden allein 400 syrische und russische Luftangriffe gegen das Gebiet geflogen.

Bitter ist die Lage auch für einige christliche Bezirke in Damaskus, Bab Touma, Bab Sharqi und Qassaa, die regelmäßig von der Ost-Ghouta aus mit Granaten beschossen werden. Dutzende Menschen wurden bereits getötet. Auch dazu hat sich im Jänner der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid Raad Al-Hussein, zu Wort gemeldet: Der Beschuss von dicht besiedelten Vierteln von Damaskus durch Raketen diene keinem militärischen Zweck, sondern nur dazu, die Bevölkerung zu terrorisieren.

Rebellenangriffe auf Christen

Der Angriff auf die Christen von Damaskus setzt die Regierung unter Druck, die ja Legitimation daraus ziehen will, dass sie die Christen vor den Islamisten beschützt. Auf der "World Watch List" von "Open Doors" hatte sich Syrien zuletzt von Platz 6 der Länder von 50, wo es Christen am schwersten haben, wieder auf Platz 15 verbessert. Das ist jedoch der Zurückdrängung des"Islamischen Staats" geschuldet.

In der Ost-Ghouta, aus der es kaum unabhängige Berichte gibt, soll es zuletzt zu Protesten gekommen sein: Die Hay’at Tahrir al-Sham wurde aufgefordert abzuziehen, um dem Regime die Rechtfertigung für die mörderische Bombenkampagne zu nehmen. Es soll auch weiter Vermittlungsversuche geben, zuletzt unter Einbeziehung Ägyptens, das Einfluss auf die Jeish al-Islam nehmen soll, eine Gruppe, die Saudi-Arabien nahe steht.

Für wahrscheinlicher halten Beobachter jedoch den Beginn einer Bodenoffensive. General Suhail al-Hassan, "Der Tiger" genannt, der seit 2013 fast alle großen Schlachten für das Regime geleitet hat, wartet sozusagen – medial sichtbar, bestimmt auch als Signal an die Rebellen gedacht – vor den Toren. Das Gelände der Ost-Ghouta gilt als besonders schwierig, Teile sollen untertunnelt sein. Die Eroberung könnte lange dauern: eine tödliche Falle für die 400.000 Menschen, die dort laut Uno-Angaben eingeschlossen sind. (Gudrun Harrer, 21.2.2018)

  • Rauch steigt über einem Gebäude in Mesraba in der Ost-Ghouta auf, die täglich von syrischen Regimekräften bombardiert wird – 400.000 Menschen sitzen in der Falle.
    foto: apa/afp/hamza al-ajweh

    Rauch steigt über einem Gebäude in Mesraba in der Ost-Ghouta auf, die täglich von syrischen Regimekräften bombardiert wird – 400.000 Menschen sitzen in der Falle.

  • Zivilisten fliehen nach einem Luftangriff in Saqba.
    foto: apa/afp/eassa

    Zivilisten fliehen nach einem Luftangriff in Saqba.

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