Waddlia-Bakterium: Ein heimlicher Killer

    20. Februar 2018, 09:47
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    Erst 1999 wurde das Bakterium Waddlia chondrophila entdeckt, das Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit verursachen kann. Es gibt erste Behandlungserfolge

    Es war eine dieser seltsamen Überraschungen, die die Forschung mitunter prägen. 2005 führte ein Expertenteam am Londoner St. Mary’s Hospital eine Erhebung zum Thema Chlamydien durch. Im Fokus der Untersuchung stand Chlamydia pneumoniae, ein Erreger von Lungenentzündungen. Die Frage war, ob diese Mikroben womöglich auch Fehlgeburten auslösen – so wie die nahverwandte Art C. abortus.

    Aus verfahrenstechnischen Gründen brachten die Wissenschafter noch eine weitere Spezies in die Analysen ein: die bis dahin nur von Rindern bekannte Waddlia chondrophila. "Wir wollten diese Bakterien als Negativkontrolle einsetzen", berichtet der damals an der Studie beteiligte Mediziner David Baud. Die mutmaßlich harmlosen Keime sollten die Rolle von Testdummys übernehmen. Aber es kam ganz anders. Ein Zusammenhang zwischen einer Infektion mit den besagten Chlamydien und einem gesteigerten Fehlgeburtsrisiko ließ sich nicht nachweisen. Stattdessen trat Waddlia bei Patientinnen mit Aborten auf. Baud und seine Kollegen waren perplex.

    Man ging der Sache weiter auf den Grund. US-amerikanische Mikrobiologen hatten Waddlia 1999 erstmalig in einem abgegangenen Kälberembryo entdeckt. Bald folgte ein ähnlicher Nachweis aus Deutschland. Dass die Bakterien jedoch auch Schwangeren gefährlich werden könnten, hatte niemand erwartet. Die Londoner Spezialisten starteten umgehend eine gezielte Testreihe. Sie analysierten Blutproben von insgesamt 438 Frauen, von denen 269 eine oder gar mehrere Fehlgeburten erlebt hatten. Bei 96 Studienteilnehmerinnen fanden sich größere Mengen an Waddlia-Antikörpern – der klare Indikator für eine Infektion.

    Hang zum Übergriff

    Die statistische Auswertung zeigte zudem eine Häufung dieser Nachweise bei den Abort-Betroffenen (vgl.: Emerging Infectious Diseases, Bd. 13, S. 1239). Anscheinend waren die Forscher einem heimlichen Krankheitserreger auf die Spur gekommen. Rund 25 Prozent der schwangeren Frauen erleiden mindestens einmal in ihrem Leben eine Fehlgeburt, erklärt David Baud. Die Ursache lasse sich allerdings nur in etwa der Hälfte der Fälle ermitteln.

    Spielt Waddlia womöglich eine wichtige Rolle? Baud, der heute am Universitätsspital in Lausanne tätig ist, versucht diese Frage zu klären. Die Keime selbst sind offenbar weit verbreitet. Sie befallen nicht nur Rinder und Menschen, sondern auch Fledermäuse, Schweine und Kaninchenkängurus (Potorous ssp.), eine gefährdete australische Beuteltiergattung. "Wahrscheinlich sind diese Bakterien in der Lage, viele verschiedene Tierarten zu infizieren", sagt Baud.

    In Laborversuchen kapern die Mikroben sogar Insektenzellen und Amöben. Der Hang zum Übergriff ist ihr typischer Wesenszug. So wie Chlamydien und der Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis verbringt auch Waddlia den Großteil seines Lebenszyklus als intrazellulärer Parasit. Eingekapselt in ihren eigenen kleinen Vakuolen können sich die Keime ungestört der Vermehrung widmen und werden dabei von den Wirtszellen mit allem Nötigen versorgt. Irgendwann aber setzen die unerwünschten Untermieter den Zellen so zu, dass diese platzen. Die Bakterien machen sich dann auf die Suche nach einer neuen Bleibe.

    Ungestörte Vermehrung

    Trotz dieses aggressiven Agierens verläuft die Mehrzahl der Waddlia-Infektionen ohne ernsthafte Symptome, wie David Baud betont. Das Immunsystem scheint die Erreger unter Kontrolle zu bekommen. In Mäusen führt die Ansteckung lediglich zur Vergrößerung von Milz und Leber, berichtet Baud. Die Tiere bleiben dennoch fit. "Auch wenn die Bakterien schon in verschiedenste Organe und Gewebe eingedrungen sind." Ähnliches könnte im Menschen geschehen. Haben sich die Abwehrkräfte einmal auf Waddlia eingestellt, müssen die Mikroben vermutlich still in ihren Wirtszellen ausharren. Dort überdauern sie womöglich Jahrzehnte.

    Eine Schwangerschaft indes könnte eine erneute Vermehrungsphase einleiten, meint Baud, weil dann die Interferon-Konzentrationen im Blut sinken. Diese eigentlich zum Schutz des Embryos gedachte Drosselung der Immunaktivität würde quasi die Erreger wecken – mit eventuell verheerenden Folgen. Die Fehlgeburt jedoch wird vielleicht gar nicht direkt von den Keimen ausgelöst, sagt der Facharzt. Deren Wiederauftritt dürfte vielmehr die Produktion von Waddlia-spezifischen Antikörpern ankurbeln.

    Deren bakterielle Zielmoleküle wiederum haben eine starke Ähnlichkeit mit Proteinen, die in der Embryonalentwicklung eine tragende Rolle spielen. Das ungeborene Leben könnte dadurch einer fatalen Kreuzreaktion zum Opfer fallen.

    Feind der Fortpflanzung

    David Baud und seine Mitstreiter haben auch in Lausanne Fehlgeburtsbetroffene untersucht. Von insgesamt 125 getesteten Patientinnen erwies sich knapp ein Viertel als Waddlia-seropositiv. Bei Frauen mit unauffälligen Schwangerschaften betrug dieser Anteil 14,6 Prozent (vgl.: Emerging Infectious Diseases, Bd. 20, S. 460). Eine Infektion muss also nicht unbedingt zu einem Abort führen, es dürften noch andere, bisher unbekannte Faktoren beteiligt sein.

    Abgesehen davon scheinen die Mikroben nicht nur das weibliche Geschlecht heimzusuchen. Im Rahmen einer weiteren Studie setzten die Forscher Waddlia im Reagenzglas menschliche Spermien vor. Die Bakterien nahmen das Angebot umgehend an. Schon nach kurzer Zeit ließ sich unterm Mikroskop beobachten, wie manche Spermatozoen die Keime gleich gruppenweise mit sich herumtrugen. Bald darauf waren die ersten eingedrungen. Die Spermiensterblichkeit stieg um 20 Prozent an (vgl.: Human Reproduction, Bd. 33, S. 3).

    Die Wissenschafter bemerkten zudem eine Schwächung der Mitochondrien, der Energiezentralen der Zellen. Stark befallenen Spermatozoen dürfte dadurch schlichtweg die Puste ausgehen. Waddlia, so zeigt sich, könnte für die menschliche Fortpflanzung tatsächlich ein ernsthaftes Problem darstellen. Über die Herkunft der Erreger herrscht allerdings noch keine Klarheit. "Patienten mit Haustieren scheinen ein höheres Infektionsrisiko zu haben", erklärt David Baud den aktuellen Forschungsstand.

    Spermien als Überträger

    Eine Ansteckung über Fleisch oder Milchprodukte wäre ebenfalls denkbar – ebenso jene von Mensch zu Mensch. Als Überträger kämen vor allem Spermien infrage. Die Lausanner Forscher wollen demnächst klären, ob Waddlia bei Paaren gehäuft auftritt. Auch Gegenmaßnahmen werden bereits getestet.

    Infizierte bekommen Erythromyzin verabreicht – ein Antibiotikum, das die Vermehrung und die Aktivität der Mikroben blockiert. "Bis jetzt haben wir an die 40 Patientinnen so behandelt, und alle konnten ihr Kind normal austragen", berichtet Baud begeistert. Ein erfreulicher Erfolg. (Kurt de Swaaf, 20.2.2018)

    • Waddlia-Bakterien können für die menschliche Fortpflanzung zum Problem werden: Sie befallen Spermatozoen und verursachen Fehlgeburten.
      foto: getty images/istockphoto

      Waddlia-Bakterien können für die menschliche Fortpflanzung zum Problem werden: Sie befallen Spermatozoen und verursachen Fehlgeburten.

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