Vom Furzen und Rauchen

Kommentar der anderen18. Februar 2018, 17:29
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Furzen und Rülpsen in Lokalen sind heute verpönt, Rauchen wird weiterhin geduldet. Dabei zeigen Studien, dass es auch bei getrennten Bereichen zu massiven Gesundheitsbelastung für Nichtraucher kommt

Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?" Mit diesen derben Worten soll der Kirchenreformator Martin Luther angeblich seine Tischgäste gefragt haben, warum sie sich so unnatürlich benehmen. Das Zitat dient als Beispiel für Unkultur und den allgemeinen Wandel der Sitten vom Mittelalter bis heute. Würde man in einem durchschnittlichen Gastgewerbebetrieb lautstark und für alle riechbar rülpsen und furzen, wie es in der frühen Neuzeit üblich war, würde man vermutlich sehr bald mehr oder weniger dezent gebeten werden, schleunigst das Lokal zu verlassen und möglichst nie mehr wiederzukehren.

Das Gleiche gilt beim Rauchen, wo selbst im vermeintlich sicheren Nichtraucherbereich gesundheitsgefährdende Feinststaubkonzentrationen messbar sind.

Kulturgeschichtlich kann argumentiert werden, dass im Zuge unseres Zivilisierungsprozesses bestimmte Sitten (oder Unsitten, je nach Standpunkt) zunehmend verschwanden und als ekelerregend, unpassend und nicht mehr zeitgemäß betrachtet wurden. Dazu gehört nun auch "Rauchen in geschlossenen Räumen", das mittlerweile von zunehmend vielen Mitteleuropäern als unhygienisch und grundsätzlich unpassend empfunden wird.

Dieser Zivilisierungsprozess bekam in den letzten Jahren zunehmend Rückenwind. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung befürwortet ein umfassendes Rauchverbot in der Gastronomie – sogar die Betreiber von Speiselokalen sind umgeschwenkt und unterstützen diese Meinung.

Bei genauerem Hinsehen sind Rülpsen und Furzen mit Tabakrauchen nur bedingt vergleichbar. Bei beiden entstehen mehr oder weniger intensive Geruchsstoffe, beim Rauchen jedoch tritt zusätzlich (oft unbemerkt) eine Vielzahl von gesundheitsschädlichen und krebserzeugenden Stoffen auf. Es zeigt sich nun international ein interessanter Trend: Die Einführung des Rauchverbots in der Gastronomie verringerte generell Herz-Kreislauf-Probleme (Spitalseinlieferungen) um etwa 15 Prozent. Bei Rauchern verwundert das wenig, womit lässt sich ein ähnlicher Trend bei Nichtrauchern erklären?

Keine Kontrollen

In einer Studie im Frühjahr 2018, die in Kürze veröffentlicht wird, fanden Innenraumklimatologen einen plausiblen Wirkungszusammenhang dafür. Die Belastung durch alveolengängigen und daher höchst gefährlichen Feinststaub lag in nahezu allen Nichtraucherbereichen der in Wien untersuchten Lokale beim Vielfachen der Werte an stark befahrenen Straßenkreuzungen, auch wenn Nichtraucher- von Raucherbereichen durch gut schließende Türen abgetrennt waren. In der Praxis stehen aber die Zwischentüren ohnehin meist offen oder fehlen überhaupt. In vielen Lokalen wird in den Nichtraucherbereichen zudem munter geraucht, oder es werden Shishas verwendet. Amtliche Kontrollen sind derzeit nicht vorgesehen.

Seit Jahr und Tag strömt also Tabakrauch in nicht zu unterschätzenden Mengen, meist unsichtbar als Feinststaub, in benachbarte Nichtraucherbereiche. Schon geringste Konzentrationen dieses Schadstoffs können aber, wie man weiß, schwere Gesundheitsschäden anrichten.

Rauchen und Pissen

Wenn man sich ein Haar als Rohr mit einem Meter Durchmesser vorstellt, dann ist ein Feinststaubpartikel ein Stecknadelkopf. Diese Teilchen sind so klein, dass sie nicht einmal von den Lungenbläschen aufgehalten werden. Sie gelangen ins Blut und mit dem Blut über die Arterien quer durch den Körper zu den Organen. Aufgrund ihrer Kleinheit verteilen sich solche Teilchen auch in Gebäuden. Raucher- neben Nichtraucherbereichen sind daher so sinnvoll wie "Pissbereiche in Swimmingpools".

Umso erstaunlicher erscheinen Statements von Vertretern des Fachverbandes Gastronomie in der Wirtschaftskammer, dass "die gegenwärtige Regelung ausgezeichnet funktioniert und verlängert werden soll".

Die "letzten Mohikaner der Nikotinverehrung" (© Alfred Dorfer) versuchen derzeit mit allen Mitteln durchzusetzen, das schon beschlossene umfassende Rauchverbot ab Mai 2018 wieder zu kippen bzw. – man kann es kaum fassen – sogar die Raucherlaubnis auf größere Lokale auszuweiten. Wie so oft argumentieren sie das mit persönlicher Freiheit.

Erinnerung an Gurtenpflicht

Die Freiheit der Beschäftigten in Lokalen, nicht mehr als acht Stunden am Tag schwer gesundheitsschädlichen Substanzen ausgesetzt zu werden, und der Besucher von Nichtraucherbereichen, saubere Luft zu atmen, ist da vermutlich nicht gemeint. Ein bisschen erinnert das Freiheitsargument an die Diskussionen bei der Einführung der Gurtenpflicht in Autos vor 42 Jahren, über deren Sinnhaftigkeit heute nur mehr intellektuell eher anspruchslose Menschen zu diskutieren wagen.

Österreich würde mit der Aufhebung des Tabakgesetzes zur Lachnummer der ganzen Welt werden. Kommende Generationen werden sich fragen, welch unzivilisiertes Völkchen es denn da geschafft hat, ein sinnvolles, simples Gesetz, das mehrheitlich gewünscht wurde, wieder abzuschaffen. Denn eines ist sicher: Das Rauchverbot, das andere zivilisierte Länder wie Italien, Irland und sogar Russland längst umgesetzt haben, wird früher oder später kommen. Eine einfache Kalkulation kann vielleicht den verantwortlichen Mandataren im Parlament die Entscheidung erleichtern: Jedes Jahr Verzögerung der Umsetzung des Tabakgesetzes bedeutet etwa 5000 Herzinfarkte und 3200 Schlaganfälle mehr – und das bei rauchenden und nichtrauchenden Österreichern! (Peter Tappler, 19.2.2018)

Peter Tappler ist gerichtlich zertifizierter Sachverständiger und Mitglied im Arbeitskreis Innenraumluft am Ministerium für Nachhaltigkeit.

  • Wer glaubt, dass Nichtraucher durch getrennte Bereiche in Lokalen geschützt werden, irrt.
    foto: regine hendrich

    Wer glaubt, dass Nichtraucher durch getrennte Bereiche in Lokalen geschützt werden, irrt.

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