Zehn Jahre unabhängig: Wenigstens einen Tag im Kosovo feiern

    Reportage17. Februar 2018, 17:26
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    Allen Widrigkeiten zum Trotz wird in dem früher zu Serbien gehörenden Balkanland gefeiert

    Prishtina – Der alte Nationalheld nimmt es offensichtlich gelassen. Der Sockel der Skenderbeg-Statue im Herzen Prishtinas ist geradezu dazu gemacht, dass kleine Mädchen hinaufklettern und auf dem glatten Stein herunterrutschen. An diesem Samstag ist die Fußgängerzone inmitten Prishtinas überfüllt – die Menschen gehen auf und ab, genießen die wärmende Frühlingssonne. Viele tragen kosovarische Flaggen oder Schals mit sich.

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    Prishtina am Tag der Unabhängigkeit.

    An allen Ecken kann man Andenken zum Unabhängigkeitstag erstehen: Aus Holz gestanzte #Kosovo10 Buchstaben, Quarze in der Form des Staates, albanische Flaggen, ja sogar großalbanische Fähnchen. An dem Regierungsgebäude – einem Hochhaus – hängt eine riesige kosovarische Flagge. Ein rautenförmiges gelbes Land geziert von sechs weißen Sternen – den Volksgruppen auf blauem europäischem Grund.

    "Zum Feiern gibt es nicht viel"

    Fatbardha R. eine der Mütter, deren Kinder vom Skenderbeg-Sockel rutschen, sagt, sie sei vor allem hier, weil die Sonne scheine und die Kinder rauswollten. "Aber zum Feiern gibt es nicht viel", meint sie. "Denn diese Regierung hat fast nichts getan. Und die Politiker sind korrupt." Fatbardha will demnächst nach Deutschland gehen, um zu studieren. "Was mir am meisten auf die Nerven geht, ist, dass wir noch immer diese Visa brauchen. Ich habe ewig darauf gewartet." Viele Kosovaren sind ziemlich ernüchtert, wenn es um ihren Staat geht. Sie leiden darunter, dass sie anders als alle anderen Südosteuropäer keine Visa-Befreiung haben, dass die Bildungsinstitutionen oft keine Qualität haben und die Gesundheitsversorgung mangelhaft und teuer ist.

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    Viele Menschen sind unterwegs und feiern.

    Doch dieser 17. Februar 2018 ist trotzdem ein stimmungsvoller und entspannter Tag. Alle warten auf das große Fest-Konzert, die Parade und die Sängerin Rita Ora, die hier am Abend auftreten wird. Viele Menschen sind aus dem ganzen Land nach Prishtina gereist.

    Eine Musikgruppe kommt um die Ecke vor das Regierungsgebäude, manche beginnen zu den Trommlern zu tanzen. Kommt man aus Österreich, wird man auf Kaffee eingeladen. Schließlich war Österreich einer der ersten EU-Staaten, die den Kosovo nach der Uanbhängigkeitserklärung vor genau zehn Jahren anerkannte. Die Unabhängigkeitserklärung erfolgte, nachdem die jahrelangen Statusverhandlungen in Wien mit Serbien gescheitert waren. Der Westen – insbesondere die USA und die EU – unterstützten dann die Staatswerdung des Landes, das nach dem Krieg 1999 unter UN-Verwaltung stand.

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    Die Straßen sind zum Jubiläum geschmückt.

    Bis heute kein Uno-Mitglied

    Diese Staatswerdung – die gegen den Willen von Serbien erfolgte – ist allerdings noch nicht abgeschlossen, weil der Kosovo noch kein Mitglied der Vereinten Nationen ist. Die wirtschaftliche Situation ist weiterhin äußerst prekär, viele Menschen wollen das Land deshalb verlassen. Die Arbeitslosigkeit ist in den letzten Jahren leicht gesunken, sie bleibt aber hoch. Der Privatsektor bräuchte Kapital und Know-how aus dem Ausland. Die USA, die EU, aber auch Deutschland, die Schweiz und Österreich fördern die Wirtschaftsentwicklung im Kosovo. Kredite kommen unter anderem von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

    Die großen Hoffnungen, dass der Wohlstand rasant steigen würde, haben sich mit der Unabhängigkeit nicht erfüllt. Für die meisten Kosovaren ist der Unabhängigkeitstag aber wichtig, weil er das Ende der ungeliebten UN-Verwaltung bedeutete. Praktisch hatte Belgrad bereits seit 1999 keinen Einfluss mehr in den meisten Teilen des Kosovo. 2008 war das jugoslawische Regime bereits weit weg. Trotzdem ist die Erinnerung an die Oppressionen in der Ära von Slobodan Milošević noch bei vielen abrufbar. Deswegen sagen die meisten Kosovaren, dass sie "Glück", "Zufriedenheit" und "Freiheit" empfinden, weil der Kosovo unabhängig wurde.

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    Am Straßenrand werden unter anderem auch Flaggen verkauft.

    Erinnerungen an Tito

    Leute wie der Musiker Efraim Kastrati, Jahrgang 1952, der auf einem Steinsockel in der Sonne sitzt, kann sich aber noch an die "goldenen Zeiten" unter Tito erinnern, als man auch serbische Freundinnen haben und in den Zug steigen konnte, um in München ein Konzert besuchen zu können. Mit Milošević war das alles vorbei. 1989 schuf er die Autonomie für die Provinz Kosovo praktisch ab. Die Menschen in Serbien wurden mit Nationalismus zugedröhnt und aufgeputscht. Und Dutzende Albaner wurden ohne rechtlichen Beistand weggesperrt. Bei Massendemonstrationen gegen die Oppression wurden Leute erschossen.

    Albaner wurden aus dem Polizeidienst entlassen, brutale Freischärler kamen ins Land, die albanische Presse wurde sukzessive ausgeschalten, die albanischen Behörden wurden suspendiert und viele albanische Beamte entlassen. Mitte der 1990er Jahre war die Situation schon völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Albaner hatten Parallel-Strukturen errichtet, Schulen etwa. Der 52-jährige Ramush L. war damals ein IT-Lehrer und unterrichtete ab 1995 in einer der inoffiziellen Universitäten. Das Geld kam oft aus der Diaspora – insbesondere aus der Schweiz. Sein Haus diente als Hörsaal.

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    Die ganze Stadt ist am Samstag in den Nationalfarben geschmückt.

    Jugoslawien kein Thema mehr

    Jetzt arbeitet Ramush L. in einer Bibliothek. Er war auch vor zehn Jahren hier auf dem Platz, als sein Sohn Olt drei Jahre alt war. Der dunkelhaarige Olt ist heute etwas müde. Seine Mutter war so aufgeregt und glücklich über den Unabhängigkeitstag, dass sie ihn schon sehr früh aufweckte. Er spricht davon, dass die "Feinde" damals das Land besetzt hatten, bevor der Kosovo unabhängig wurde und dass die Welt erst spät auf den Kosovo aufmerksam wurde. Wer Olt zuhört, kann ganz gut lernen, was unterrichtet wird. Heute würde er in der Schule vor allem von Albanien lernen und von den Albanern. "Über Jugoslawien haben wir noch nichts gehört", sagt er.

    Wirtschaftlich ist in den vergangenen Jahren einiges passiert. Insbesondere die Infrastrukturprojekte, der Bau von Autobahnen nach Mazedonien und Albanien, von regionalen Straßen und Schulen wurden durch das Staatsbudget finanziert. Die staatlichen Finanzen sind stabil, die Budgeteinnahmen steigen jährlich um drei bis vier Prozent und die Staatsverschuldung ist mit 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) niedrig. Eine Schuldenbremse wurde bei 40 Prozent des BIPs gesetzlich verankert. Zudem wurden mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) maximale Obergrenzen für Neuverschuldungen innerhalb eines Fiskaljahres festgelegt. Dennoch sollten noch weitreichende Reformen durchgeführt werden, um die Fiskaldisziplin zu stärken, und damit mehr Geld für den Gesundheitssektor und die Bildung zur Verfügung bleibt.

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    Ein stimmungsvoller und entspannter Tag zum Jubiäum.

    Sonne auf der Mutter-Theresa-Straße

    "Es gibt nicht viel zu feiern, aber gerade deshalb feiern wir wenigstens diesen Tag", sagt Violca L. Die 32-Jährige kann sich noch erinnern, wie kalt es damals vor zehn Jahren war. "Wir warteten 24 Stunden lang bis unser Premierminister kam und sagte: Ab dem heutigen Tag ist der Kosovo unabhängig." Diesmal sei das Wetter gnädiger. Tatsächlich strahlt die Sonne auf die Mutter-Theresa-Straße – die Fussgängerzone im Herzen Prishtinas. Aber was hat sich geändert in der letzten Dekade? "Nicht viel. Das geht nur sehr langsam", sagt Violca, "Sie müssen verstehen! Wir sind so ein junger Staat, erst zehn Jahre alt. Wir haben noch viele Probleme, aber heute wollen wir die vergessen und einfach nur das Leben genießen", meint die Frau, die früher Polizeibeamtin war und nun in einem forensischen Labor arbeitet.

    Den ganzen Tag schon sind Glückwünsche aus allen Teilen der Welt eingetrudelt. Die Regierung hielt eine Sondersitzung ab und Bill Clinton, der im Kosovo verehrt wird wie kaum ein anderer, hat eine Youtube-Nachricht geschickt: "Der Kosovo wird immer einen speziellen Platz in meinem Herzen haben." (Adelheid Wölfl aus Prishtina, 17.2.2018)

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