Berlinale: Im Westen ist es "shitty" wie überall sonst

    17. Februar 2018, 08:00
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    Inwiefern sich die Genderdebatte auch in den Filmen spiegelt, wird sich auf der Berlinale noch erweisen

    foto: strophic productions limited
    Mia Wasikowska ist in der schrulligen Westernkomödie "Damsel" als einzige Frau ausschließlich von männlichen Tölpeln umgeben, darunter auch Maulheld und Möchtegernmacho Samuel (Robert Pattinson).

    Auf Symbolpolitik hinsichtlich der Garderobewahl wie bei den Golden Globes hat man bei der Berlinale verzichtet. Bei der von der #MeToo-Debatte bestimmten Eröffnungsgala gab es weder einen schwarzen Teppich noch eine einheitliche Farbe beim Outfit. Stattdessen wurde in Reden vielfach auf die Missbrauchsfälle Bezug genommen. Die neugeschaffene Beschwerdestelle gegen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe der deutschen Filmbranche soll mit 100.000 Euro finanziert werden, kündigte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) an.

    Inwiefern sich die Debatte auch an den Filmen festmachen lassen wird – etwa was gendersensible Themen oder nuancenreiche Frauenrollen anbelangt -, wird man erst in der nächsten Woche beantworten können. Im Wettbewerb demonstrierten die ersten Filme schon, wie unterschiedlich eine kritische Fokussierung auf Geschlechterrollen erfolgen kann.

    Einblick in eine intime Ordnung

    Las herederas (Die Erbinnen) von Marcelo Martinessi erzählt von Chela, einer bürgerlichen Frau im Paraguay der Gegenwart, die sich in dem dämmrigen Haus eingeigelt hat, in dem sie schon ihr ganzes Leben verbracht hat. Die Kommunikation zur Außenwelt erledigt Lebensgefährtin Chiquita, die Beziehung der beiden hat sich allerdings in Routinen verfangen, ein Einblick in eine intime Ordnung, den Martinessi ohne viel Worte umzusetzen versteht.

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    Trailer von "Las herederas".

    Es dauert ein wenig, bis man die Ausrichtung von Las herederas erfasst, bis sich die Zeichen verdichten, doch dann ist man von dem zurückhaltenden Drama einer Frau, die sich einige Schritte zurück ins Leben wagt, durchaus eingenommen. Als Chiquita wegen eines Betrugs ins Gefängnis muss, beginnt Chela alte Damen aus der Nachbarschaft für etwas Geld zu chauffieren. Irgendwann trifft sie dabei auf Angy, eine jüngere Frau, deren Sinnlichkeit sie anziehend findet.

    Martinessi belässt es jedoch bei Andeutungen, er will von der Sehnsucht, vom Begehren erzählen, nicht mehr. In Ana Brun hat er eine großartige Hauptdarstellerin an der Seite, welche die meiste Zeit stumm agiert. Sie bleibt nicht auf die Rolle der Beobachterin beschränkt, Chelas verstohlene Blicke, ihre vornehme Schüchternheit und die dahinter lauernde Ungeduld bilden das eigentliche Zentrum des Films.

    Schrullige Westernkomödie

    Mia Wasikowska hat in Damsel ganz andere Sorgen. In der forciert schrulligen Westernkomödie der texanischen Brüder David & Nathan Zellner ist sie nämlich als einzige Frau ausschließlich von männlichen Tölpeln umgeben. Einer davon, Samuel (Robert Pattinson), hat sich im Glauben, dass sie entführt worden sei, an ihre Fersen geheftet. Gemeinsam mit einem falschen Priester will er seine große Liebe zurückgewinnen und ehelichen: eine männliche Rettungsfantasie, vor der in diesem Film am Ende nicht einmal ein einsamer Indianer gefeit ist.

    Das Dilemma ist allerdings, dass der Film seine in der ersten Szene geäußerte Beschreibung des Wilden Westens selbst wahrmacht: Dort sei es genauso "shitty" wie überall sonst, nur auf faszinierend neue Weise. Damsel ist in dem Glauben gefertigt, dass es schon genügt, sich ganz auf die Beschränktheiten von Figuren einzulassen. Den Zellner-Brüdern ist kein Kalauer zu dumm, ja sie müssen ihn auch noch breittreten. Und auf komisches Timing hat man offenbar bewusst verzichtet.

    Dante lesende Nerds

    Exzentrisch, skurril und wahrhaftig, kein Adjektiv beschreibt dagegen den neuen Film des New Yorkers Ted Fendt (in der Forum-Sektion) adäquat. Classical Period dringt in Konversationszenen in die sonderbare Subkultur literarischen Spezialistentums vor, zu Nerds, die sich im kleinen Lesekreis über Dantes Göttliche Komödie unterhalten (unter Zurateziehen des Originals, versteht sich). Obwohl Fendt keinerlei profane Diskurse zulässt, kommt man den Figuren auch über ihre Ersatzsprache überraschend nahe. Fast scheint es, als vermöchten sie erst über die alten Werke davon zu sprechen, was anders gar nicht sagbar wäre. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, 17.2.2018)

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