Wes Andersons "Isle of Dogs": Rettung naht auf vier Pfoten

    16. Februar 2018, 07:23
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    Der Animationsfilm des US-amerikanischen Filmemachers beschert der 68. Berlinale einen beglückenden Auftakt

    Eines stand vor Beginn der 68. Berlinale fest: Diskussionen darüber, mit welcher Programmatik das größte deutsche Filmfestival seine Zukunft bestreiten soll, werden diese Ausgabe wie ein Schatten begleiten. Bis zum Sommer will Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) einen Vorschlag für die Nachfolge von Langzeitintendant Dieter Kosslick präsentieren, dessen Vertrag 2019 endet.

    foto: twentieth century fox
    Mit dem Eröffnungsfilm ist der Berlinale ein Volltreffer geglückt. Wes Anderson präsentierte seinen Animationsfilm "Isle of Dogs", der auch einen tollen Soundtrack beinhaltet.

    Der in einem öffentlichen Brief formulierten Forderung von Filmschaffenden, das Verfahren transparenter zu machen und eine unabhängige Findungskommission zu berufen, ist sie nicht nachgekommen. Nun ist also noch alles beim Alten, das Programm ist mit rund 350 Filmen in zahlreichen Sektionen so breit gefächert, dass sich kaum ein repräsentatives Bild zeichnen lässt. Der Wettbewerb bildet die eine Schneise, die den Blick fokussieren hilft. Doch in den letzten Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass gerade dort die Auswahl uneben bleibt – und viele wichtige Autorinnen und Autoren des Weltkinos warten wieder lieber auf Cannes.

    Volltreffer

    Mit dem Eröffnungsfilm ist der Berlinale jedoch ein Volltreffer geglückt. Wes Anderson präsentierte den Animationsfilm "Isle of Dogs", der wie schon "The Fantastic Mr. Fox" maßgeblich im Stop-Motion-Verfahren gefertigt wurde. Die Filme des US-Regisseurs sind stets auch stilistische Aneignungen, mit Detailliebe ausgestattete Kunstwelten. War "The Grand Budapest Hotel" zuletzt eine Verbeugung vor dem Grandeur des europäischen Fin de Siècle, so dringt "Isle of Dogs" in den Bilderfundus Japans vor, mit mehr Sinn für düstere Töne als gewöhnlich.

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    Trailer in Originalsprache (Englisch).

    Die Helden dieses parabelhaften Films gehen auf vier Beinen. Ein despotischer Bürgermeister einer fiktiven Megastadt, in dem man auch einen modernen Rechtspopulisten wiedererkennen kann, verbannt alle Hunde auf eine Insel aus Müll, nachdem sich ein auf den Menschen übertragbarer "Schnauzenvirus" ausgebreitet hat. Auch sprachlich steht "Isle of Dogs" auf Pfoten.

    Japanisch wird nur fallweise gedolmetscht, während die Hunde im Original das Englisch einer ganzen Liga an Hollywoodstars (Bryan Cranston, Bill Murray, Scarlett Johansson et cetera) sprechen. Handwerklich ist der Film eine beglückende Augenfreude. Und dies, obwohl Müll, desolates Gelände und vor allem filziges, verlaustes Fell die Bilder dominieren.

    Die Übertragung der Rolle der Aussätzigen auf die Tierwelt macht es möglich, dem tristen Geschehen komische Töne abzugewinnen. Ein Hund lässt eben nicht locker, er lebt mit dem, was er hat, auch wenn die einstigen Haustiere (bis auf einen Streuner) ihren alten Privilegien nachtrauern.

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    Trailer auf Deutsch.

    Die Routinen, die sich im Hundereich gebildet haben, jedes Niesen, jeder Revierkampf wird einfallsreich umgesetzt. Alexandre Desplat hat zudem einen fantastischen Score komponiert, der japanische Perkussionsmotive aufgreift und der Montage den Takt vorgibt. Anderson hat offensichtlich seinen Kurosawa studiert, so symmetrisch komponiert waren seine Einstellungen selten.

    Die Erzählung hat einen missionarischen Kern. Ein junger Bruchpilot sucht auf der Insel nach seinem einstigen Gefährten, daraus erwächst eine Mission, die nicht eingleisig verläuft, sondern viel Platz für szenische Ausführungen und pointierte Dialoge lässt. Nicht der große Bogen dieses Films ist so wichtig, sondern die spielerische Eleganz, mit welcher dieser Witz und Sentiment zusammenführt.

    So entpuppt sich etwa ein vermeintlicher Kannibalenhund als Kreatur mit Herz, wenn seine Erzählung immer in ein herrlich erbarmungswürdiges Winseln übergeht. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, 16.2.2018)

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