300-Millionen-Bauprojekt könnte ORF-General zusetzen

    Analyse16. Februar 2018, 07:00
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    Die Stadt Wien verweigert bisher die Flächenwidmung für einen Zubau auf dem Küniglberg

    Wien – Freitag sitzt ORF-General Alexander Wrabetz mit Führungskräften und Projektleiter über Bauplänen und Berechnungen. Der Lenkungsausschuss tagt, wo zuletzt eine Rettungskampagne für FM4 ihren Ausgang nahm. Weil dort einer scherzte, ob der ORF überhaupt noch Räume für FM4 braucht: In der Regierung gibt es kaum Fans des Senders.

    FM4 hat einen Platz im "Plan B" von Alexander Wrabetz für das 300-Millionen-Bauprojekt auf dem Küniglberg. Dort, wo Radio Österreich International und das Mittelwellenprogramm entstanden. Beide gibt es längst nicht mehr.

    Den "Plan B" will der Finanzausschuss des ORF-Stiftungsrats am Montag hören. Thomas Zach, Fraktionschef der ÖVP-Räte und Vorsitzender des Ausschusses, hat ihn einberufen. Im März soll der Stiftungsrat den Plan beschließen.

    Wofür braucht es einen Plan B? Die Stadt Wien verweigert bisher die Flächenwidmung für einen Zubau auf dem Küniglberg – nach Anrainerprotesten und umstrittenen Widmungen wie dem Heumarkt-Hochhaus. Monatelange bis jahrelange Bauverzögerungen treiben die Kosten. Also sucht der ORF Platz, um Ö1 und FM4 aus dem Funkhaus und Ö3 aus Wien-Heiligenstadt auf den Küniglberg zu holen, ohne über bestehende Widmungen hinauszuwachsen.

    Newsroom statt Ausstattungshallen

    Wo bisher die – baufällige – "Zentrale Werkstätte" steht, soll ein Ö1-Haus Platz finden. Und wo in den Ausstattungshallen ORF-Bühnenbilder entstanden, sollen ein Ö3-Komplex und ein multimedialer Newsroom für alle ORF-Medien unterkommen.

    Da hakt es schon: Zwei Häuser sind gemeinhin teurer als eines. Und: Unter der Halle sind mehrere Geschoße Garagen und Lager. Der Neubau dort braucht zusätzliche Fundamente. Aber: Unter der Halle liegt auch das elektronische Herz des ORF – der zentrale Serverraum des Unternehmens. Damit die Operation Zubau dieses Herz nicht Niederschlägen aussetzt, braucht es nach dem Abriss der Halle eine Absicherung nach oben. Und: Die ORF-Technik wird nervös, wenn sie von Bohrungen um diesen "Allgemeinen Geräteraum" hört. Es gibt schonendere Bauverfahren dafür, doch die kosten. Das Architekturbüro soll da Alarm geschlagen haben – dort verweist man Anfragen an den Bauherren ORF.

    Mit den knapp budgetierten 22 Millionen Euro wäre das schwer zu bewerkstelligen. Lösung: Abriss der Halle und Sicherung werden woanders budgetiert im großen 300-Millionen-Rahmen.

    Dafür versucht der ORF, bei zwei anderen, ziemlich sanierungsbedürftigen Objekten zu sparen, in denen bisher TV-Newscenter und Magazine untergebracht sind. Dort hat das Bundesdenkmalamt einer weniger kostspieligen Wärmedämmung zugestimmt. Und damit Objekt 3 und 4 nicht einstürzen, bekommen sie eine Betondecke zur Stabilisierung.

    Die Kalkulation des Plan B will der ORF erst im März vorlegen. "Wir haben den Auftrag, im vorgegebenen Kostenrahmen zu bleiben, und dahingehend planen wir auch", sagt ein Sprecher dazu.

    Wesentlich aus dem Ruder laufende Gesamtkosten böten der Regierung und ihrer neuen Mehrheit einen Hebel, um Alexander Wrabetz rascher als ORF-Chef abzulösen als mit einem neuen ORF-Gesetz (wie geplant).

    Roher Rechnungshof

    Vor dem Sommer könnte der Rohbericht des Rechnungshofs über das 300-Millionen-Bauprojekt ORF vorliegen. Er prüft nun auch Wiens Flächenwidmungsblockade für den ORF.

    Die präzisen Fragen der staatlichen Prüfer lassen auf einen rohen Befund schließen. Die Berechnungen des damaligen ORF-Finanzdirektors Richard Grasl sprachen für die Sanierung des Küniglbergs und gegen einen Neubau. Die Sanierung großer Studiobereiche im Wert von 30 Millionen Euro blieb damals etwa unberücksichtigt. Die ÖVP erinnert bei dem Punkt gerne: Alleingeschäftsführer des ORF war damals wie heute Alexander Wrabetz. (Harald Fidler, 16.2.2018)

    Die lange Geschichte des Sanierungsprojekts ORF-Zentrum

    Die Chronologie in ausgewählten STANDARD-Stories:

    August 2005 Küniglberg ist ein Sanierungsfall Der Roland-Rainer-Bau muss in den nächsten fünf Jahren komplett saniert werden, sagt ORF-Finanzdirektor Alexander Wrabetz.

    Oktober 2005 ORF raus, Altersheim rein Pius Strobl, damals ORF-Aufsichtsrat der Grünen mit einiger Erfahrung im Immobilienmanagement, schlägt einen Neubau für den ORF vor.

    Dezember 2005 Runter vom Berg, rein in die Stadt Erste Alternativstandorte der Stadt für den ORF, noch ohne St. Marx, das später Media-Quarter werden soll.

    Dezember 2006 Den Küniglberg unter Denkmalschutz stellen – plant das Bundesdenkmalamt.

    August 2007 ORF lässt Geld im Rauchfang verpuffen Neue Details über den Sanierungsbedarf des Küniglberg-Zentrums.

    Oktober 2008 Wiener ÖVP gegen ORF-Absiedelung vom Küniglberg

    Dezember 2008 Häupl will ORF in St. Marx

    Februar 2009 Küniglberg nun voll unter Denkmalschutz

    Oktober 2010 ORF schreibt Standortalternativen aus

    Jänner 2012 Gravierender Verfall könnte ORF auf dem Berg halten Der Haupttrakt des ORF hat inzwischen ernste statische Probleme.

    Jänner 2012 Standortentscheidung muss im ersten Halbjahr fallen – sagt Finanzdirektor Richard Grasl. Er ist für den Verbleib auf dem Küniglberg

    März 2012 Katastrophal gepfuscht: ORF erwägt Bau-Klagen

    Mai 2013 Machbarkeitsstudie: ORF kann komplett auf den Küniglberg

    November 2013 ORF-General beantragt rund 65 Millionen für Küniglberg – zur Sanierung

    März 2014 ORF-Stiftungsrat beschließt Küniglberg als zentralen Standort

    Oktober 2014 Nach internationalem Architekturwettbewerb die Jury-Entscheidung: Riepl Kaufmann Bammer baut ORF-Newscenter

    Oktober 2014 Eine von vielen Resolutionen für den Verbleib von Ö1, FM4 und Radio Wien im Funkhaus in der Argentinierstraße

    November 2015 Kostenwarnung zur Sanierung des ORF-Zentrums

    Dezember 2015 "Inakzeptable" Baukosten: Die Sanierung des Haupttrakts lief aus dem Ruder

    Juni 2016 Zuschlag für Rhomberg-Gruppe – Funkhaus soll an Vorarlberger gehen Der Verkauf wird sich wegen der Anrainerproteste gegen das Newscenter auf dem Küniglberg verzögern.

    November 2016 Widmung in der Warteschleife: ORF-Zubau verzögert sich

    März 2017 ORF verdrängte 30 Millionen Euro Sanierungsbedarf

    März 2017 Der Rechnungshof beginnt, das Bauprojekt ORF-Zentrum zu prüfen

    Oktober 2017 Der ORF plant mangels Flächenwidmung um – Neuer Standort für Newsroom

    Oktober 2017 Generalplaner Vasko und Partner zieht sich von ORF-Projekt zurück

    November 2017 "Plan B" für das 300-Millionen-Bauprojekt soll billiger werden, sagt der ORF-Chef

    Jänner 2018 "Falter" berichtet von Plänen, FM4 einzustellen – Regierung dementiert

    Februar 2018 Sondersitzung des Finanzausschusses des Stiftungsrats, insbesondere zum Bauprojekt

    März 2018 soll der ORF-Stiftungsrat den Plan B beschließen. Noch plant rechnet der ORF daran.

    • Artikelbild
      foto: apa/georg hochmuth
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