Freundliche Mitte: "Lächeln und nichts, nichts, nichts sehn"

    17. Februar 2018, 06:00
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    Uraufführung von "Bergeins" des Kollektivs, präsentiert vom Brut Theater im Werk X Eldorado

    Wien – Der große Moment kommt, weil die Kundschaft ihn erwartet. Das obligatorische "Highlight", als Widerschein großer Gefühle im Licht der Aufmerksamkeit, soll jeden noch so erbärmlichen Auftritt in Politik, Wirtschaft oder Kunst zum Premiumprodukt veredeln.

    Auch in der performativen Installation Bergeins des Künstlerkollektivs Freundliche Mitte hat der große Moment einen kleinen Auftritt: als brillant gesetzte Karikatur. Das Brut-Theater hat die Freundliche Mitte – Gerhild Steinbuch, Sebastian Straub, Philine Rinnert samt Kollaborateuren – ins Eldorado von Werk X am Petersplatz eingeladen, wo sie bis Sonntag die Uraufführung ihres Abgesangs auf die aktuelle österreichische Regierungskoalition präsentiert.

    Bergeins erinnert sein Publikum daran, dass Emotionalisierung gerade die alles dominierende PR-Strategie bildet. Beim Katzenfutter wie bei der Nationalratswahl. Als penetrante Wiederholung mit marginalen Differenzen: der jüngste Kanzler, das geilste, also türkiseste Schwarz, das strahlendste Kornblumenblau. Aber – jawohl – auch das reinste Gewissen, die rauchfreieste Geselligkeit, die höchste Moral ebenso wie die Höhenflüge von Kursen an Börsen und in Yogastudios.

    So wird diese Arbeit zum Eldorado der Herzöffnung: falsche Heimatgefühle, billige Lichter, warmer Almdudler, ein hohler Silberberg, ein Füchslein im ökologischen Hochbeet, ein DJ-Pult im Trockeneisdampf.

    Magie auf der Doppeltreppe

    Viel magisch wirken sollendes Klimbim aus der Theaterwunderkiste hext die Freundliche Mitte herbei und setzt es fett an die Füße der einst berühmten, für diesen Anlass temporär freigelegten Doppeltreppe im ehemaligen (wer erinnert sich?) "Fatty's Saloon" am Petersplatz. Auch Fatty George war ein Wunder, und zwar eines der Jazzklarinette. Der Jazz war zu Zeiten der braunen Jauche "entartete Musik".

    Aber so weit ins Detail spielt sich die junge Freundliche Mitte bei Bergeins nicht vor. Dem Kollektiv geht es um eine Dystopie mit alpiner Idylle, deren Klischees bereits seit gefühlten Äonen vergebens entlarvt sind, und um die Einkehr ins Hohle, ins Spektakel vom unendlichen Spaß. "In den Berg werden wir hineingehen", sagt die Freundliche Mitte mit Steinbuchs Worten. "Wir werden lächeln und ins künstliche Licht schaun und nichts, nichts, nichts sehn."

    Hinterm Silberberg unter der Fatty-George-Treppe peitscht eine Lichtbatterie auf, und ein DJ-Wiedergänger erscheint als Symbol für die ganze Bewusstlosigkeit mit ihren "Geistern einer Welt, die nicht totzukriegen ist". Bergeins ist ein Monument für den großen Moment im Überlappen von Eigenlust und Fremdenangst, an dem das fatale Morgen schon da ist.

    Für diese Darniederkunft werden bizarr ästhetische Installationsmöbel ins Theater gerückt, naive Plappereien ("Wenn ich Bundeskanzlerin wär' ...") über postapokalyptische Wortmassive ("Wir werden die Worte nicht hinterlassen, in die wir uns eingeschrieben haben / Wir werden den Tod vermessen in uns / Wir werden nie gewesen sein ...") gestreut und Videobilder von Kindern mit Fackeln zu "Alles niederbrennen!" projiziert. Beeindruckend. (Helmut Ploebst, 16.2.2018)

    Bis 18. 2.; 17. 2.: Symposium "Die alltägliche Rechte"

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    Brut Wien

    • Türkis-blau-schwarze Prinzenparade in "Bergeins".
      foto: erli grünzweil

      Türkis-blau-schwarze Prinzenparade in "Bergeins".

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