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18. Februar 2018, 08:00

In den Ostbahnhof von Mittelchinas Provinzhauptstadt Zhengzhou scheint die Sonne nicht hinein. Dennoch stehen seit Anfang Februar an seinen vier Eingängen Frauen und Männer der Bahnpolizei mit schicken Sonnenbrillen auf den Nasen. Ihre unauffälligen Smartgläser sind der Google-Internetbrille nachempfunden, aber mit Gesichtserkennungssoftware ausgestattet – in China entwickelt, versteht sich. Denn Google baut diese Technologie zum Schutz der Privatsphäre in seine Brillen nicht ein.

Noch von fünf Metern Distanz aus können die chinesischen Brillen verwertbare Gesichtsprofile von Reisenden erstellen. Die Aufnahmen gehen sofort an die polizeiliche Datenbank, zur Abgleichung mit dort bereits gespeicherten Bildern. Im Nu würden die Beamten vor Ort über ihre Kopfhörer informiert, wenn Personen verdächtig sind. Dann scannen sie mit ihrem Smartphone den Personalausweis zur weiteren Überprüfung durch die Datenbank ein.

170 Millionen Kameras

Das alles dauert nur wenige Minuten, und chinesische Medien beschreiben voll Stolz die jüngsten technologischen Fortschritte der Pekinger Führung zur Überwachung ihrer Bevölkerung. China gehört inzwischen zu den weltweit führenden Nationen, wenn es um elektronische Gesichts-, Stimm-, oder Körperhaltungserkennung geht. Aber auch um Verkehrs-, Gebäude- und Straßenüberwachung mit mehr als 170 Millionen Videokameras, um die Vernetzung von Datenbanken mit den Computern der Grenzbehörden oder um die Erfassung von 9,2 Millionen Chinesen, die auf der schwarzen Liste der Kreditschuldner stehen.

Auf seine Brillen ist Peking besonders stolz. Die Onlineseite der Volkszeitung veröffentlichte die Nachrichten über die ausgereifte Technologie am 5. Februar. Sieben mit Haftbefehl wegen Fahrerflucht und Kidnapping gesuchte mutmaßliche Kriminelle wurden im Bahnhof Zhengzhou dank der Brillen festgenommen, 35 Personen mit falschen Personalausweisen erwischt.

Die neuentwickelte Gesichtserkennungstechnologie zog in nur drei Jahren in den chinesischen Alltag ein und ist zugleich auch einer der Bausteine im Zukunftsplan der chinesischen Partei. Sie will die Gesellschaft kontrollieren und zugleich für stabile wirtschaftliche und politische Verhältnisse sorgen können. Es ist der alte Traum jeder Diktatur, den sich Peking, neben seinem gigantischen Polizeiapparat, mithilfe der neuen Technologie erfüllen will.

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Es gibt dafür einen Zeitplan, den der Staatsrat 2014 erließ. Bis 2020 sollen alle Bürger in ein Bewertungssystem integriert sein, das ihr Sozialverhalten, ihre Kreditwürdigkeit, ihr moralisches Verhalten und ihre staatsbürgerliche Rolle mit Punkten benotet. In zwei Ausführungsdokumenten steckte der Staatsrat den rechtlichen Rahmen zur Einführung des weltweit noch nie versuchten Experiments weiter ab. Seit 2015 werden Pilotprojekte in 43 chinesischen Städten getestet, wie in der Shandonger Küstenstadt Rongcheng, wo das Sozialkreditsystem zur individuellen Bewertung von mehr als 600.000 Einwohnern Wirklichkeit geworden ist.

Dazu gehören auch alle Überwachungstechniken, die bereits in ungezählten Anwendungen erprobt werden. Neben Polizei und Militär, die sicherheitsrelevante Interessen im Sinn haben, sind Chinas privatwirtschaftliche IT-Technologie-Giganten zu Vorreitern und Gehilfen der praktischen Umsetzung geworden. Darunter fallen die jeweils von mehr als einer halben Milliarde chinesischen Kunden genutzten E-Commerce-Portale Alibaba mit der "Ant Financial"-Gruppe und dem Smartphone-Bezahlsystem Alipay und die Tencent-Gruppe mit dem Whatsapp-ähnlichen Kurznachrichtendienst Wechat und dem Bezahlsystem Wepay. Nur mit einem Blick lassen sich etwa heute schon Mahlzeiten in Imbissen mit Gesichtserkennung bestellen und bezahlen, Geld bei Banken abheben, Flug- und Bahntickets buchen.

Kontrolle von Minderheiten

Nicht alles ist so harmlos. Peking nutze die neuen Gesichtserkennungstechniken testmäßig schon zur Kontrolle der muslimischen Minderheiten in der Unruheprovinz Xinjiang, berichtete etwa die Nachrichtenagentur Bloomberg.

2015 verlangte das Ministerium für öffentliche Sicherheit, China zum Weltführer in Gesichtserkennungstechnologien zu machen, berichtete die Hongkonger "South China Morning Post". Ziel sei, jeden der mehr als 1,3 Milliarden Chinesen über die neuen Technologien innerhalb von "drei Sekunden überall identifizieren zu können".

Dazu sind gigantische Datenmengen über alles und jedes nötig, von der Sammlung von Fingerabdrücken bis zur Speicherung von Stimm- oder DNA-Proben. Doch eine öffentliche Debatte über den Schutz der Privatsphäre vor der Gefahr ihres Missbrauchs findet nur statt, wenn der Staat gegen seine privatwirtschaftlichen IT-Konkurrenten wie Tencent und Alibaba vorgeht. Gerade untersagte denen die Zentralbank, eigene Kreditbewertungssysteme über ihre Kunden aufzubauen.

Pekings Planer verraten dagegen nicht, wie sie aus ihren vielen Datenbanken eine gigantische Cloud zur 2020 geplanten gesamtgesellschaftlichen Bewertung und Überwachung machen wollen.

Ein solcher Aufwand an technologischer Überwachung kommt nicht ohne Forschung und Entwicklung aus. In den letzten Jahren wird hier zielgerichtet investiert. Die enormen Investitionen in Überwachungstechnologien, künstliche Intelligenz und Gentechnik samt dem Anspruch der Weltmarktführerschaft im Wissenschaftsbereich nehmen immer größere Dimensionen an.

Triebfeder für Forschung

Ein Blick auf die Liste der "Highly Cited Researchers", der meistzitierten und damit einflussreichsten Wissenschafter, zeigt die Dynamik. Im aktuellen Ranking von vergangenem November ist die Zahl der chinesischen Wissenschafter allein gegenüber dem Vorjahr um mehr als ein Drittel gestiegen. China hat zu den traditionellen Forschungsnationen USA und Großbritannien aufgeschlossen und liegt nun auf Rang drei. In einzelnen Bereichen, wie dem Ingenieurwesen, führt das Land mit Abstand, in Computer- und Materialwissenschaften liegt es auf dem zweiten Platz weltweit. Auch in der Physik steigt der Output rasant an, bei Nanotechnologie, den Neuro- und Lebenswissenschaften ist die Aufholjagd längst im Gange.

Das stoppt auch den Braindrain der vergangenen Jahrzehnte. In China erwartet Studenten und Studentinnen insbesondere in den Naturwissenschaften mittlerweile eine Forschungssituation, von der etwa die Uni Wien in puncto Budgets, Geräte- und Personalausstattung nur träumen kann. Kehrte vor rund zehn Jahren nur ein Drittel aller chinesischen Auslandsstudenten zurück, sind es mittlerweile rund 80 Prozent. Renommierte Wissenschafter wie etwa der Physiknobelpreisträger Chen-Ning Yang legten ihre US-Staatsbürgerschaft zurück, um fortan wieder in der Heimat zu forschen. Auf der anderen Seite profitieren Topforscher wie der österreichische Quantenphysik-Pionier Anton Zeilinger, die eng mit der chinesischen Akademie der Wissenschaften zusammenarbeiten, von dem hervorragenden (finanziellen) Umfeld in China.

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Allein die schieren Zahlen lassen erahnen, mit welcher Wucht das wissenschaftliche Potenzial Chinas die internationale Forschungslandschaft umwälzen wird: 2014 waren in der Volksrepublik bereits 42 Millionen Chinesen an Universitäten eingeschrieben, in Europa 20 Millionen. 2017 schloss eine Rekordzahl von acht Millionen das Studium ab. Die weltweit größte Hochschulnation investiert massiv in Unis, Bibliotheken und Forschung.

Investitionen und Kontrolle

Auch wenn sich das Wachstum in den letzten Jahren eingebremst hat – die Budgets für Forschung und Entwicklung steigen stetig. 2016 wurden laut dem Amt für Statistik 1,57 Billionen Yuan dafür ausgegeben (201 Milliarden Euro), das sind 2,1 Prozent des BIP – mehr als im EU-Durchschnitt.

Allerdings geht die akademische Öffnung Hand in Hand mit verstärkter inhaltlicher Kontrolle. Seit Xi Jinpings Antritt als Parteichef 2012 weht Wissenschaftern ein kälterer Wind entgegen. "Es gibt Einschränkungen, was unterrichtet und was publiziert werden darf", sagt Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Sinologin an der Uni Wien. Das betrifft insbesondere die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Die eingeschränkte wissenschaftliche Freiheit tut den Anstrengungen, den Weltmarkt in kürzester Zeit mit künstlicher Intelligenz, Elektroautos, Drohnen und Supercomputern zu erobern, keinen Abbruch.

"Da sind die Chinesen eben kompromisslos", sagt auch der Ökonom Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel – auch mit Blick auf die Überwachungsthematik. "Das ist eine extreme Ausprägung, liegt aber in der Natur des politischen Systems." Gleichzeitig räumt Gern ein, dass die IT-Branche die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorantreibe, was dringend nötig sei.

Denn China steht vor der Herausforderung, der sogenannten "Middle Income Trap" entkommen zu müssen. Das bedeutet, dass Schwellenländer nach einer langen Wachstumsperiode zwar rasch ein mittelhohes Pro-Kopf-Einkommen erreichen können, in der Folge aber oft daran scheitern, zu entwickelten Volkswirtschaften aufzuschließen. Dabei zieht man als Maßstab nicht die Vorzeigestaaten wie USA oder Deutschland heran, sondern gewissermaßen die Schlusslichter, also Griechenland oder Portugal.

Fehlender Entwicklungsschub

Zwar ist China längst zur zweitgrößten Volkswirtschaft hinter den USA aufgestiegen, aber nur in absoluten Zahlen. Betrachtet man die Wirtschaftsleistung pro Kopf und bereinigt sie um die Kaufkraft, berücksichtigt also unterschiedliche Preisniveaus, dreht sich das Verhältnis um: Mit rund 14.400 Dollar BIP pro Kopf fehlt dem Reich der Mitte noch ein Entwicklungsschub, um etwa zu Griechenland mit 24.300 Dollar pro Kopf aufzuschließen. Auf einen Portugiesen entfallen rund 27.000 Dollar.

Damit die Bevölkerung in diese Einkommensbereiche vorstoßen kann, sind vor allem weitere Investitionen in höherwertige Technologien und Wirtschaftsgüter nötig. Chinas politische Führung hat auf ihrem jüngsten Parteitag bekräftigt, diese Entwicklung vorantreiben und unterstützen zu wollen – und setzt dies auch um. Etwa im klassischen Industriebereich hat das Land den beschleunigten Kapazitätsabbau von Stahl in Aussicht gestellt. Davon besteht seit etlichen Jahren weltweit ohnedies ein Überangebot. Im Gegenzug arbeitet der chinesische Luftfahrtkonzern Comac an einem Mittelstreckenflieger, einer Konkurrenz zu Airbus A320 und Boeing 737.

Der Ökonom Gern ist allerdings skeptisch, ob der Flieger zu einer Erfolgsstory werden kann. China habe wegen des großen Heimmarkts das Potenzial, seine Flugindustrie zu schützen und zu subventionieren. "Es kann aber sein, dass diese Maschinen dann am Weltmarkt nicht konkurrenzfähig sind", gibt der Forscher zu bedenken. Protektionismus habe langfristig negative Auswirkungen.

Neue Technologien vorne

In der IT-Branche stellt sich die Lage etwas anders dar – wie eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC über künstliche Intelligenz zeigt. Demnach darf sich China allein durch Fortschritte in diesem Bereich bis 2030 einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 26 Prozent erwarten. Das ist der höchste Wert aller in der Studie erfassten Regionen. Dies biete China die Möglichkeit, besser entwickelte Volkswirtschaften zu überspringen, folgern die Experten.

In der Finanzwirtschaft ist dies in Teilen bereits gelungen. Während der bargeldlose Zahlungsverkehr in Europa noch großteils mit Plastikkarten funktioniert, wurde diese Entwicklung in China de facto übersprungen. Rund eine Dreiviertelmilliarde Chinesen nutzen mobiles Internet, um ihr Smartphone zur Geldbörse auszubauen. Laut einer aktuellen Studie der Berater der Boston Consulting Group ist China bereits die führende Nation, wenn es um die Nutzung neuer digitaler Technologien in der Versicherungsbranche geht.

"China ist tatsächlich besser aufgestellt als andere Middle-Income-Länder, die es in der Vergangenheit nicht geschafft haben, zu den entwickelten Volkswirtschaften aufzuschließen", folgert der Ökonom Gern. Allerdings gibt ihm die hohe gesamtwirtschaftliche Verschuldung, beachtliche 266 Prozent der Wirtschaftsleistung, zu denken: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Entwicklung auf finanzieller Seite noch viele Jahre so weitergehen kann. Das ist ein Problem, das die Regierung angehen muss, um die finanzielle Stabilität wiederherzustellen."

Problem Verschuldung

Auch für den Investor Edmund Harriss ist die Verschuldung ein Problem – aber ein lösbares. Der Österreicher veranlagt für die britische Vermögensverwaltung Guinness unter anderem in chinesische Anleihen. "Der Wille zur Rückzahlung kann nicht angezweifelt werden", sagt er. Die Regierung habe das Thema erkannt und den Bankensektor strenger reguliert. Ziel sei es, Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Transformation zu höherwertigen Sektoren auch die Schulden in diese Bereiche zu lenken, wo sie auch getilgt werden könnten. Ein Prozess, der Harriss zufolge bis zu einer Dekade dauern kann.

Was die Zukunft wirklich bringt, erfragen dieser Tage – am Freitag begann das Jahr des Erdhundes – Chinesen am liebsten bei Astrologen. Der Hongkonger Raymond Lo sagt wirtschaftlich nichts Gutes voraus. Von riskanten Geschäften rät er ab, denn 2018 sei mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums samt Börsenschwäche zu rechnen. Bezahlen kann man seine Vorhersagen übrigens bargeldlos mit Smartphone – die Daten landen bei den Behörden. (Johnny Erling aus Peking, Alexander Hahn, Karin Krichmayr, 17.2.2018)