Unknown Pleasures #12: Ein Kniefall vor O. V. Wright

Blog20. Februar 2018, 09:45
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Superlative würden sein Werk nur bekleckern, das steht für sich. Eine Eloge an diesen Giganten des Southern Soul

Vom Mistwagen in den Olymp – das klingt wie ein Märchen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, erweist sich aber doch nur als ein weiteres Drama, das am Ende zur Tragödie wurde. Es ist die Geschichte von O. V. Wright.

Wie schon vor einem Monat eingestanden, wird der Blogtitel "Unknown Pleasures" mit der Würdigung von Mr. Wright einer kleinen Belastungsprobe ausgesetzt, denn wer sich für Soul interessiert, stößt irgendwann auf diesen Namen.

Besuch bei Willie Mitchell im Studio

O. V. Wright war einer der Größten des Southern Soul. Im beidbeinig im Gospel watenden Southern Soul zählte der 1939 geborene Sänger zu den verlässlichsten Bringern. Von 1964 bis 1980, dem Jahr seines Todes, veröffentlichte er bestechende Qualität – mit nur wenigen Abstrichen.

O. V. Wright auf dem Cover seines 1965 erschienenen Debütalbums "(If It Is) Only For Tonight".

Ich habe einmal Wrights Produzenten Willie Mitchell in den Royal Studios im Memphis besucht. Schmale Rotzbremse, Füße auf dem Tisch, Hawaiihemd. So saß er da, musterte den Typen aus Vienna – "Waltzes, right?" – und meinte, Wright sei eine verlässliche Hitmaschine gewesen. Das sagte immerhin der Mann, der Al Green entdeckt und zum Superstar gemacht hatte.

Fucking Wet Wet Wet

Den vereinbarten Interviewtermin hat er dann nicht eingehalten, bei meinem unangekündigten Besuch hatte er nur zehn, 15 Minuten für mich, denn hinten im Studio nahm er gerade die schottische Band Wet Wet Wet auf … – fucking Wet Wet Wet. Na ja ... – I tried.

Overton Vertis Wright wurde von Roosevelt Jamison entdeckt. Wie hier beschrieben, hatte er zwei Asse im Ärmel, als er in den frühen 1960ern ins Musikbusiness einsteigen wollte: James Carr und O. V.

Sündenfall

Die beiden sangen damals in der Gospeltruppe Harmony Echoes. Beide wollten Geld machen und waren bereit, dafür ins weltliche Fach zu wechseln. Das galt damals als Sündenfall, zumal in Memphis, das bis heute die größte Dichte an Kirchen in den USA aufweisen soll.

Jamison wurde mit seinen Schützlingen bei Quinton Claunch vom Label Goldwax vorstellig. O. V. veröffentlichte 1964 seine erste und einzige Single auf Goldwax: "That's How Strong My Love Is". Schon bald coverte Otis Redding den Song, wenig später die Rolling Stones. Kein schlechter Einstand.

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O. V. Wrights erster weltlicher Song wurde von Otis Redding und den Rolling Stones gecovert.

Wright war aber über die vertragliche Bindung seiner Gospeltruppe auch als Solokünstler an Don Robey gebunden. Zumindest sah der das so. Und nachdem Robey dafür bekannt war, gerne seinen Revolver als Argumentationshilfe auszupacken, ließen Jamison und Claunch ihn ziehen.

Stundenlanges üben

Jamison blieb Wright ein Freund. Er beschreibt in einem Youtube-Video, wie Wright ihn bei seinem Job im Labor eines Krankenhauses besuchte. Wright fantasierte über ein Leben als Popstar und übte stundenlang seine Phrasierungen – jene Kunst, die ihn so herausragend machte. Sein von Jamison beschriebener Ehrgeiz lässt sich nachvollziehen, Wright verdingte sich damals bei der Müllabfuhr.

Der Schmerz ist echt

Nachdem sich die Sache mit Goldwax zerschlagen hatte, nahm er für Robey drüben in Houston, Texas, für dessen Label Backbeat auf. Da traf er Willie Mitchell. Der bekannte Big-Band-Leader kam vom Jazz, witterte aber Geld im R 'n' B. Er tüftelte bereits mit Bobby Bland an einer Formel, mit der später Al Green die Welt erobern sollte. Wright war ein ungleich roherer Sänger als der butterweiche Green.

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Er riss jeden Song an sich, versenkte ihn in seinem Herzen und gab ihn als dreiminütige Beschwörung wieder. Wrights Balanceakte zwischen Eleganz, Emotion und spontaner Eingebung im Vortrag ist von zeitloser Intensität; ein Lied wie "This Hurt Is Real" beschreibt sein Werk mit fast schon manifester Wahrheit.

Fundus für den Hip-Hop

Zwischen 1965 und 1973 veröffentlichte er fünf Alben auf Backbeat, "A Nickel & A Nail & The Ace Of Spades" aus 1970 gilt als sein bestes aus dieser Ära. Schon der Opener bestätigt diese Behauptung.

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Der Eröffnungssong von O. V. Wrights wahrscheinlich bestem Album.

Rund 30 Singles hat er veröffentlicht, die meisten davon enterten routiniert die R-'n'-B-Charts. Mitchells präziser werdende Produktion schuf zudem einen Fundus für die Hip-Hop-Kultur, in der etliche O.-V.-Samples auftauchen, vor allem RZA vom Wu-Tang Clan ist ein bekennender Fan.

Zu schwarz

Doch der große Hit, der den Durchbruch in den weißen Markt bedeutet hätte, der blieb Wright verwehrt. Die gängige Theorie dazu lautet: zu schwarz, zu sehr in der Emotion des Gospel gefangen, um dem hedonistischen Anspruch einer hübschen Nebenbeimusik zu entsprechen.

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Von Wrights Privatleben ist wenig bekannt. Er hat zwei Söhne, mit, wie es heißt, zwei verschiedenen Frauen. Er widerstand den Ratschlägen von Jamison, zumindest einen Teil seines Geld in etwas Dauerhaftes wie ein Haus anzulegen. Stattdessen investierte Wright in Autos, teure Ringe und Drogen.

Perfektes Amalgam

Drogen brachten ihm Mitte der 1970er eine unfreiwillige Auszeit ein. Wie lange und wo er einsaß, ist nicht bekannt. Als er wiederkehrte, empfing ihn Mitchell auf seinem Hi-Label, das ob Greens Erfolg eine Gelddruckmaschine geworden war, mit Green aber ein launisches Zugpferd besaß, das immer wieder dem Pop entsagte, zugunsten des Diensts am Herren.

Drei Studioalben und ein Livealbum entstanden zwischen 1977 und 1979. Ein Song wie "Into Something (Can't Shake Lose)" ist wohl der Gipfel seines Spätwerks, eine Single wie "Rhymes" ein perfektes Amalgam aus Gefühl und Eleganz.

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Eines der ärgsten Intros des Soul: "Into Something (Can't Shake Lose)" – durch die Tür unter dem schwarzen Dach ging man, wenn man Willie Mitchell sehen wollte.

Doch vermeint man in diesem späten Output eine gewisse Resignation zu vernehmen. Schwere Gewichtsschankungen waren seiner Abhängigkeit zuzuschreiben; er verlor Zähne – was sich hörbar auswirkte. Zudem hatte Disco Soul abgelöst, doch dafür war Wright nicht gebaut.

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"Rhymes" in der Version von O. V. Wright.

Sein letztes Album nahm er mit der Gospelgruppe Luckett Brothers auf. Vergleicht man das mit dem in den frühen 1960ern mit den Sunset Travelers aufgenommenen Album "On Jesus' Program", möchte man weinen.

Das Herz zu schwach

Im November 1980 endete Wrights Leben in der Tragödie. Er starb im Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Drogen waren zu heavy, sein Herz zu schwach. Overton Vertis Wright starb mit 41 Jahren.

Einige seiner frühen Alben wurden in den letzten Jahren auf Fat Possum wieder aufgelegt. Was zuvor noch verdammt teuer und schwer erhältlich war, ist jetzt um 15 bis 20 Euro erhältlich, leider nicht "A Nickel …". Ebenfalls vor ein paar Jahren erschien in Japan eine CD-Box mit allen Backbeat-Alben. Ein wohlfeiler und perfekter Einstieg ist ansonsten die CD "The Soul Of O. V. Wright".

Grabstein für einen Giganten

Abzuraten ist von den "Complete-Hi-Records"-CDs. Die klingen scheiße, sind offenbar überhaupt nicht oder nur unzureichend gemastert worden. Da sind aber die Originalalben leicht zu kriegen, sein bestes aus der Zeit ist "Into Something (Can't Shake Lose)" – es wurde ebenfalls von Fat Possum neu aufgelegt.

Seine Familie erfährt das heute nicht einmal, geschweige denn, dass sie Geld dafür bekäme. Vor zehn Jahren oder so tat sich ein von Fans gegründeter Memorial Fund zusammen, um die letzte Ruhestätte dieses Giganten abzusichern. Zuvor hatte sie nicht einmal mehr einen Grabstein besessen.

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Wright mit den Sunset Travelers.

Sein Album mit den Sunset Travelers ist extrem schwer erhältlich, das Titellied "On Jesus' Program" hingegen als Single keine Rarität. Oder man hört sich die Version von Mark Lanegan an, der sich 1999 auf seinem Coverversionenalbum "I'll Take Care Of You" da drübergewagt hat. Mindestens ein Achtungserfolg.

Neueste Entdeckung

Was ich erst vor kurzem entdeckt habe, ist eine Single, die Wright 1972 für die Gospelgruppe Holy Disciples produziert hat: "Trying To Make A Hundred". Ich kann's nicht beschwören, aber irgendwie klingt der Sänger verdammt nach O. V. höchstselbst. So oder so, der Track ist ein Wahnsinn. Wenn da draußen jemand ein Exemplar dieser Single zu viel hat ... get in touch. (Karl Fluch, 20.2.2018)

kieran lockyear
Die einzige verbürgte Produktionsarbeit von Wright. Die hat es in sich.
  • O. V. Wright – von den großen Soulsängern einer der Größten.
    backbeat

    O. V. Wright – von den großen Soulsängern einer der Größten.

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