"Waldheims Walzer": Der Opfermythos stirbt zuletzt

    15. Februar 2018, 06:00
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    Dokumentaristin Ruth Beckermann hat sich noch einmal mit den Wogen um die Waldheim-Affäre beschäftigt. Ein Film zur rechten Zeit. Am Samstag erlebt er auf der Berlinale seine Uraufführung

    Wien – Am Ende wurde er doch gewählt. Der neue österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim nimmt vor dem kleinen, mit Fähnchen geschmückten Tisch, an dem er seine erste offizielle TV-Ansprache halten wird, Position ein. Während man ihm noch Make-up auf das Gesicht aufträgt, äußert er sich zufrieden über den Sessel, das "Ladl" habe ihn zuvor gestört, jetzt herrsche mehr Beinfreiheit. Er wirkt gelöst, fast erleichtert.

    Mit diesen Archivbildern endet Ruth Beckermanns Film Waldheims Walzer. Man kann das auch so verstehen: Jetzt hat Waldheim das ausgesessen, was er an anderer Stelle einmal als die größte Verleumdungskampagne in der Nachkriegsgeschichte Österreichs bezeichnet hat. Gemeint ist die von Hubertus Czernin im Profil ins Rollen gebrachte Debatte um Waldheims Vergangenheit als SA-Mitglied, die von der New York Times und vom Jewish World Congress um weitere Recherchen angereichert wurde. Eine Debatte, die das lange bestimmende Narrativ von der Opferrolle Österreichs während des Nationalsozialismus endgültig aufgebrochen hat.

    Rezente Geschichte

    Wobei: Mit dem Wort "endgültig" sollte man vorsichtig sein. Waldheims Walzer wird am Samstag auf der heute startenden Berlinale seine Weltpremiere erleben, und in diesem Fall lässt sich sagen: ein Film zur rechten Zeit. Zwar stammen alle Aufnahmen aus diesem Kompilationsfilm ausschließlich aus dem ersten Halbjahr 1986; doch dieses Kapitel rezenter österreichischer Geschichte bleibt für die Gegenwart akut. Nicht nur weil ein mittlerweile zurückgetretener FPÖ-Kandidat mit dem Slogan "Jetzt erst recht!" in den niederösterreichischen Wahlsonntag zog – demselben, mit dem Waldheims Strategen erfolgreich auf den Trotzreflex einer beleidigten Nation spekuliert hatten.

    Ein anderer Wahlspruch, den man schon vergessen hatte, lautete damals "Der Mann, dem die Welt vertraut" – er bezog sich auf Waldheims Zeit als UN-Generalsekretär. Beckermann zeichnet nicht einfach nach, warum der Mann in Ungnade fiel, sondern analysiert die Eigendynamik dieser politischen Affäre.

    Ein Lehrstück der politisch stets aufmerksamen Filmemacherin, die zuletzt mit Die Geträumten auch erfolgreich einen Spielfilm realisiert hatte, auch ein Stück Medienarchäologie: Aus ORF-Aufnahmen und wenig bekanntem Material ausländischer Sender entsteht das Bild eines politischen Bebens, das die österreichische Identität umgeformt hat.

    Unhinterfragte Biografie

    Manches rhetorische Manöver, das auf heimischer Seite ausgeführt wurde, ist auch heute wieder beliebt – noch selbstbewusster als früher nimmt man es mit Fakten nicht immer genau, im Glauben, eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben. Waldheim war nicht bereit, von einer Biografie abzurücken, mit der er lange erfolgreich (und unhinterfragt) durch die Institutionen marschiert war. Schützenhilfe bekam er von ÖVP-Politikern wie Michael Graff und Alois Mock, die die Einmischung aus dem Ausland offensiv kritisierten. Die "ehrlosen Gesellen vom jüdischen Weltkongress" würden "Gefühle wachrufen, die wir alle nicht wollen". Es ist immer noch verblüffend zu sehen, wie schamlos man sich einer Umkehrlogik bediente.

    Beckermann geht es nicht darum, Waldheim noch einmal an den Pranger zu stellen, sondern mittels einer pointierten Montage (Dieter Pichler) aufzuzeigen, wie beharrlich manche für eine Geschichtsauffassung gekämpft hatten, die nicht mehr zu retten war. Die Auseinandersetzung wurde auch medial entschieden. Fast verständnisvoll tritt man in den ORF-Interviews an Waldheim heran, um immer wieder dieselben ausweichenden Antworten zu ernten.

    Faust auf den Tisch

    Mit der Faust auf den Tisch knallt er nur im Gespräch mit britischen Journalisten, wenn er wieder auf die Toten auf der eigenen Seite zu sprechen kommt. Der ORF, erinnert sich Beckermann, agierte lange zurückhaltend. Nach Thessaloniki, wo Waldheim gedient hatte, wurden nur ausländische Sender auf Recherche geschickt. Das Recht, Widerstand sichtbar zu machen, musste man sich mit überraschenden Aktionen erkämpfen – Beckermann zählte selbst zu den Aktivisten.

    Neben den TV-Bildern sind in Waldheims Walzer auch von ihr selbst gedrehte Aufnahmen zu sehen. Soll sie dokumentieren oder protestieren, fragt sie sich dabei einmal. Die Unterscheidung wird irgendwann hinfällig. So erzählt Waldheims Walzer fast nebenbei auch ein Stück persönlicher politischer Bewusstseinsbildung.

    Verschwiegenes Detail

    Gedreht hat Beckermann etwa unter Demonstranten beider Lager während der Abschlussveranstaltung von Waldheims Wahlkampf auf dem Stephansplatz. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Brüche in der Bevölkerung treten scharf zutage.

    Der schockierendste Moment tritt ein, als ein älterer Herr einen Mann konfrontiert, der schon davor mit antisemitischen Aussagen aufgefallen war, um von diesem als jüdische Drecksau beschimpft zu werden. Dass der betroffene Herr Beckermanns Vater ist, verschweigt die Filmemacherin. (Dominik Kamalzadeh, 15.2.2018)

    • Ein Mann, dem einst die Welt vertraute, hat jetzt endlich die gewünschte Beinfreiheit: der Held (li.) von "Waldheims Walzer" in Aktion.
      foto: ruth beckermann filmproduktion

      Ein Mann, dem einst die Welt vertraute, hat jetzt endlich die gewünschte Beinfreiheit: der Held (li.) von "Waldheims Walzer" in Aktion.

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