Behandlung von MS: Die Revolution muss warten

    15. Februar 2018, 07:31
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    Erstmals wurde ein Medikament für chronische multiple Sklerose zugelassen. Es sei gut, aber nur für wenige Patienten, sagen Ärzte

    Sie sind selten, aber es gibt sie: die großen Würfe in der Entwicklung von Wirkstoffen, die einen Paradigmenwechsel in der Medizin bedeuten. Die antiviralen Medikamente gegen HIV und Hepatitis C zählen etwa dazu. Vor knapp einem Monat hat die EU das erste Medikament zur Behandlung von Patienten mit primär progredienter multipler Sklerose (PPMS) zugelassen. Von einem Meilenstein in der Behandlung von MS war die Rede. Dabei handelt es sich um den monoklonalen Antikörper Ocrelizumab des Schweizer Pharmakonzerns Roche, der unter dem Namen Ocrevus vertrieben wird.

    Die PPMS ist durch eine kontinuierliche Verschlechterung des Gesamtzustands der Patienten von Beginn an gekennzeichnet. "Das Ausmaß der Wirksamkeit von Ocrevus ist aber relativ bescheiden, denn für den größten Teil dieser Patienten ist es völlig ungeeignet", warnt Fritz Leutmezer, Neurologe an der Med-Uni Wien, vor übertriebener Hoffnung. Schließlich ist das Anwendungsgebiet bei PPMS auf Patienten im Frühstadium beschränkt. "Deutlich mehr profitieren werden Menschen, die von einerschubförmigen MS betroffen sind", ergänzt der Neurologe. Aber auch in dieser Gruppe gibt es Einschränkungen. Für die Behandlung von Langzeitpatienten, bei denen die Krankheit zunehmend einen chronischen Verlauf nimmt, ist der monoklonale Antikörper ebenfalls ungeeignet.

    "Auch der Wirkstoff ist nicht wirklich neu", sagt der Wiener Neurologe Rainer Grass. "Es handelt sich um eine leicht modifizierte Form des monoklonalen Antikörpers Rituximab, der bei rheumatischen und onkologischen Erkrankungen in Verwendung ist. Seit etwa 15 Jahren wird er auch "off-label" zur Behandlung von MS eingesetzt."

    B-Zellen eliminieren

    Über die Ursachen der Erkrankung gibt es noch immer keine Klarheit. Forscher vermuten, dass es sich hier um eine Fehlsteuerung des Immunsystems handelt. Die Folge: Im Zentralnervensystem kommt es zu Entzündungen, die insbesondere die schützende Schicht der Nervenfasern im Gehirn, das Myelin, schädigt. "Alles, was bislang herausgefunden wurde, basiert auf Erkenntnissen im Tiermodell. Wenn T-Lymphozyten aus einer Maus entnommen werden, die an MS erkrankt ist, und in eine gesunde Maus injiziert werden, dann entwickelt diese auch MS. Damit war die Hypothese geboren, dass es sich um eine T-Zellen-vermittelte Erkrankung handelt", erläutert Leutmezer.

    Die Rolle der sogenannten B-Lymphozyten wurde dadurch lange Zeit unterschätzt. Genau darauf zielen Rituximab und Ocrevus ab: Die Wirkstoffe eliminieren die B-Lymphozyten, jene weißen Blutkörperchen, die als einzige Zellen in der Lage sind, Antikörper zu bilden. "Sie dürften Substanzen produzieren, die für die Wirkung der T-Zellen von entscheidender Bedeutung sind. Wenn die B-Zellen entfernt werden, erreicht man so indirekt auch die T-Zellen", erklärt Leutmezer das Wirkprinzip.

    Der größte Vorteil von Ocrevus liegt darin, dass es Patienten nur alle sechs Monate als intravenöse Infusion verabreicht werden muss. "Außerdem gibt es nun ein Medikament zur Behandlung der PPMS, das durch drei klinische Studien abgesichert ist. Die große Herausforderung wird sein, vielen Patienten zu erklären, warum es für sie ungeeignet ist", sagt Grass.

    Aktuell sind mehrere Wirkstoffe in Entwicklung, die direkt in den Krankheitsverlauf eingreifen und die Nervenschäden im Gehirn reparieren sollen. "Momentan gibt es dazu ein paar Phase-II/III-Studien. Wenn das gelingt, kann wirklich von einer Revolution gesprochen werden", ist Leutmezer überzeugt. Bis dahin heißt es: bitte warten. (Günther Brandstetter, 15.2.2018)

    • Ocrevus muss nur alle sechs Monate verabreicht werden.
      foto: ap

      Ocrevus muss nur alle sechs Monate verabreicht werden.

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