Die Widerrede im "Heiligen Land" Tirol

    Userkommentar14. Februar 2018, 13:09
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    Abwerzger hätte mehr tun müssen als nicken, freundlich zuhören und schwächlich widersprechen

    Der "Tirol heute"-Beitrag im ORF über eine Wahlkampfveranstaltung der Freiheitlichen im Olympischen Dorf in Innsbruck am 8. Februar war gleich mehrfach apokalyptisch im Sinne von aufdeckend. Da wagt es jemand vor laufender Kamera das Unsägliche zu sagen. Warum nur traut sich in der Atmosphäre der Freiheitlichen der "stinkende Antisemitismus" an die Öffentlichkeit? Glaubte der alte Mann etwa, Verständnis bei den Tiroler FPÖ-Funktionären Markus Abwerzger und Rudolf Federspiel zu finden? Er sei militärisch bei der Hitlerjugend ausgebildet worden, da habe es noch Zucht und Ordnung gegeben, brüstete sich der sichtlich hasserfüllte 86-Jährige.

    Spätestens da schon hätte ein schlagfertiger Politiker wie Abwerzger die rhetorisch rote Karte ziehen müssen. Er ist ja nicht auf den Mund gefallen, wenn es darum geht, seine Erzfeinde anzugreifen, seien es die "Gutmenschen" oder die "linke Jagdgesellschaft". Wartet Abwerzger nun darauf, dass gesagt wird, was von den Freiheitlichen landauf, landab auf ihren Wahlkampfplakaten propagiert wird: Dass Tirol im "Asylchaos" versinke, dass Unsicherheit herrsche, dass die Kriminalität gestoppt werden müsse und so weiter und so fort? Wartet er darauf, dass die Stimme des Volkes sich erhebt, auf die er sich so gerne beruft? Abwerzger nickt und lässt reden. Ein Anwalt, dem nun keine Worte mehr einfallen? Spätestens nach dem ersten Satz hätte er dem Mann widerreden müssen. Würde einer meiner Schüler solche Äußerungen machen, es bliebe nicht bei einer harmlosen Antwort wie "Das soll man aber auch nicht sagen". Angesichts der grauenvollen Worte müsste der Widerspruch heftig sein. Abwerzger jedenfalls hätte mehr tun müssen als nicken, freundlich zuhören und schwächlich widersprechen.

    Jüdisch-christliche Wurzeln

    Als Theologe, Religionslehrer und Vorsitzender der Katholischen Aktion der Diözese Innsbruck hat mich auch in besonderer Weise empört, dass der Mann mit der Aussage "wie damals in der Kirche" seinen rassistischen Sager auch noch mit Bezug auf die Kirche rechtfertigen wollte. Der christlich verbrämte Antijudaismus wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil verurteilt, und seither haben sich die Päpste immer wieder mit Worten und Zeichen gegen jegliche Form des Antijudaismus und Antisemitismus gestellt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an Bischof Reinhold Stecher, dem es ein großes Anliegen war, im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Ritualmordlegenden die Wunden des christlichen Antijudaismus in unserem Land zu heilen.

    Heute werden in der theologischen Aus- und Weiterbildung, in der Verkündigung und im Religionsunterricht sowie in der interreligiösen Zusammenarbeit, bewusst die gemeinsamen jüdisch-christlichen Wurzeln betont. Heute braucht es die klare kirchliche Widerrede überall dort, wo gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten genährt und artikuliert werden, sei es gegenüber Juden, gegenüber Muslimen, Asylsuchenden oder Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung. Gerade in Wahlkampfzeiten ist diesbezüglich höchste Sensibilität geboten. Es ist daher bedenklich, wenn auf einigen Wahlplakaten mit Angstparolen rhetorische Hetzjagd auf Asylsuchende oder Ausländer gemacht wird.

    Tiroler Zukunft

    Tirol hat eine andere Zukunft verdient. Ein Land, wo nie mehr Juden beleidigt, sondern in Schutz genommen werden. Ein Land, das sich dankbar des Widerstands von Männern und Frauen wie Schwester Autsch, Otto Neururer oder Jakob Gapp erinnert. Ein Land, in dem keine deutschnationalen Burschenschafterlieder gesungen werden, sondern Lieder des Friedens und der Versöhnung. Ein Land, wo Flüchtlingen die Chance auf eine neue Heimat gegeben wird. Ein Land, wo Menschen nicht mit Neidparolen aufeinander gehetzt werden, sondern in Frieden miteinander leben können. So etwas könnte dann ein wenig als "Heiliges Land" bezeichnet werden. (Klaus Heidegger, 14.2.2018)

    • Tirols FPÖ-Chef Markus Abwerzger im Wahlkampf.
      foto: apa/expa/stefan adelsberger

      Tirols FPÖ-Chef Markus Abwerzger im Wahlkampf.

    • orf

      Die Äußerungen eines Passanten sorgen für Aufregung. In der 13-Uhr-"ZiB" am Samstag zeigte der ORF das ganze Gespräch.

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