Reconquista Germanica: Wie ein rechtsextremes Trollnetzwerk arbeitet

    13. Februar 2018, 18:19
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    Eine ARD-Recherche zeigt die Vernetzung mit Identitären und AfD-Jugend auf und belegt einen Kampf um Publikum, nicht um Fakten

    Fake-News und Hasspostings waren in den vergangenen Jahren dominierende Themen. Mittlerweile ist bekannt, dass etwa russische Akteure im vergangenen US-Präsidentschaftswahlkampf Stimmung für Donald Trump und gegen seine Widersacherin Hillary Clinton geschürt haben. Ins Zentrum rückte dabei auch eine ominöse Agentur mit Sitz in St. Petersburg, in der laut investigativer Recherche der Zeitung "Nowaja Gaseta" professionelle Meinungsmanipulation betrieben wurde.

    Doch man muss nicht bis nach Russland blicken, um Gruppen zu finden, die sich gezielt organisieren, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die ARD-"Tagesschau" ermöglicht in einer Reportage nun Einblicke in die Arbeitsweise der rechtsextremen Reconquista Germanica.

    foto: facebook/reconquista germanica

    Treffpunkt Discord

    Während die Petersburger "Internetagentur" mit einem eigenen Büro ausgestattet ist, läuft der "Infokrieg" hier über digitale Strukturen. Wichtigster Treffpunkt ist ein Server des unter Videospielern populären Messengerdienstes Discord. Die Rede ist von hunderten Mitgliedern, die diesen frequentieren, eingeteilt in militärische Rangordnung vom Rekruten bis zum General.

    Hier werden Presseberichte gesammelt, Memes für die Verwendung auf sozialen Medien gefertigt und "Tagesbefehle" ausgegeben. Meist werden die Mitglieder hier aufgerufen, bestimmte Inhalte zu teilen, sich in öffentliche Debatten einzuklinken oder gezielt auf Twitter und Co auf bestimmte Persönlichkeiten loszugehen.

    Provozieren, demütigen, beleidigen

    Ziel ist es dabei nicht unbedingt, die "verbohrten" Gegner mit Argumenten zu überzeugen, sondern zu provozieren, zu demütigen und auch – so das Gegenüber sich als resistent für derlei Taktiken erweist – zu beleidigen.

    Dabei werden die Teilnehmer angehalten, zahlreich mit Fake-Accounts aufzutreten, um nach außen das Gefühl einer Mehrheit zu erzeugen. Auch fährt man die Strategie, sich auf sozialen Medien als Flüchtlinge ausgeben, die öffentlich behaupten, dass beispielsweise in Syrien kein Krieg mehr herrsche. Das Ziel ist es letztlich, in den Augen des Publikums zu gewinnen – dazu sind alle Mittel recht.

    "Junge Frauen von der Uni" als "klassische Opfer"

    In eigenen Handbüchern gibt es genauere Ratschläge. So sollen die Aktivisten etwa unliebsamen Prominenten wie Till Schweiger oder Jan Böhmermann, verschiedenen Medien und Parteien folgen. "Sobald Du siehst, dass Sie wieder ihre Lügen und ihr Gift in die Welt verspritzen, sag ihnen die Meinung, verwickel sie in Diskussionen, markiere ihre Lügen als #fakenews und trolle den Fick aus ihnen heraus", heißt es weiter. Dabei sucht man sich auch Ziele, die man als verwundbar einstuft. "Junge Frauen, die direkt von der Uni kommen", seien "klassische Opfer".

    In einer der letzten Aktionen agierte Reconquista Germanica gegen den ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse". Dessen Szenario ist ein von rechtsextremen Diktaturen beherrschtes Europa, aus dem Verfolgte nach Afrika fliehen. Bereits vor der Ausstrahlung hatte man zahlreiche Memes bereit.

    Schon einen Monat im Vorfeld fand sich auf Youtube ein Video mit dem Titel "Neuer ARD-Propagandafilm bereitet Völkermord vor", das möglicherweise ebenfalls aus diesem Dunstkreis stammt. Der Youtube-Kanal der Reconquista Germanica selbst ist in Österreich und Deutschland gesperrt.

    Anknüpfungspunkte zu Identitären und Junger Alternative

    Da man bei Discord offenbar auf das Treiben aufmerksam geworden ist, wurde der Server der Aktivisten in jüngerer Zeit mehrfach abgedreht. Daher wird dort nun überlegt, auf Plattformen in Russland oder Rumänien zu wechseln.

    Nach außen bezeichnete sich die Gruppierung als ein "Satireprojekt" von Gamern. Tatsächlich gibt es jedoch konkrete politische Querverbindungen. Vernetzungen gibt es etwa zu den neofaschistischen Identitären (Zuordnung: Dokumentationsarchiv des österreichischer Widerstandes), deren Inhalte man auch auf Youtube und Co pusht. Ebenso soll es laut einem Organigramm der Gruppierung Anknüpfungspunkte zur Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD, geben. (red, 13.2.2018)

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