Warum der Blick auf Afrika als Kontinent trügt

    Userkommentar7. März 2018, 15:07
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    Und warum Bangladesch ein Vorbild für afrikanische Staaten sein kann. Eine Replik auf Patrick Spät

    Patrick Spät leistet mit seinem in großen Teilen richtigen Userkommentar einen wichtigen Beitrag zur derzeitigen Debatte um das anhaltende Bevölkerungswachstum und der damit verbundenen Probleme in Afrika. Es ist unbestritten, dass der von Europa, der arabischen Halbinsel und China ausgeübte Neokolonialismus schlimme Folgen in Afrika hat. Egal ob Landgrabbing oder die negativen Effekte von Freihandelsabkommen zwischen zwei ungleichen Partnern, die Lage in vielen Staaten Afrikas wird durch die Einmischung von außen nicht besser, sondern schlechter. Als Ergänzung seien noch die Folgen der ideologischen Einmischung islamistischer Gruppierungen in Nordafrika genannt, welche die gesamte Region destabilisieren. Daher sei noch einmal betont, dass Späts Analysen in vielen Bereichen durchaus richtig sind und die Beseitigung von neokolonialen Eingriffen einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der afrikanischen Gesellschaften leisten könnten. Dieser Diskurs repräsentiert den Standpunkt der politischen Linken.

    Liberale Position

    Auf der liberalen Seite des Diskurses stand der leider vor kurzem verstorbene hervorragende Vortragende und Arzt, Hans Rosling. Seine Videos auf Youtube bieten eine tolle Perspektive auf diese Fragestellung und erklären die Entwicklung des Bevölkerungswachstums in den letzten Jahrzehnten. Sie machen Mut, weil sie aufzeigen, dass die Geburtenraten seit Jahrzehnten quasi überall auf der Welt zurückgehen. Insbesondere in Asien, aber auch in Afrika.

    Rosling erwähnt auch das in meinen Augen beste Beispiel für eine gelungene Politik der Reduktion des Bevölkerungswachstums, nämlich die in Bangladesch. In Bangladesch hat sich dank intensiver Bemühungen der Regierung die Geburtenrate bei circa 2,14 Kindern pro Frau eingependelt, was einer Aufrechterhaltung der Bevölkerungszahl gleichkommt und ein großer Erfolg ist. Das ist auch insofern wichtig, als dass Bangladesch ein mehrheitlich muslimisches Land ist und dies daher dem Klischee widerspricht, wonach es in muslimischen Staaten aufgrund der Religion nicht möglich ist, die Geburtenrate zu senken. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch die Islamische Republik Iran, wo die Geburtenrate derzeit bei 1,68 Kindern pro Frau liegt und daher auf europäischem Niveau ist.

    ratan babu

    Bevor wir tiefer in die Debatte eintauchen, sollte noch festgehalten werden, dass Roslings Position eine liberale ist und er davon ausgeht, dass sich insbesondere eine globale Besserung der medizinischen Versorgung, aber auch eine weitere Ausdehnung der Globalisierung – also des globalen kapitalistischen Systems – und der damit automatisch für alle wachsende Wohlstand, zu einem Absinken der Geburtenrate auf zwei Kinder pro Frau führen wird. Tatsache ist, dass die Anzahl der Geburten pro Frau so gut wie überall auf der Welt seit Jahrzehnten zurückgeht und sich die Zahl der Menschen auf der Welt laut Uno bei gleichbleibender Entwicklung irgendwo zwischen zehn und zwölf Milliarden Menschen einpendeln wird.

    Blick auf den Kontinent

    Mein Hauptkritikpunkt, sowohl an Spät wie auch an Rosling, liegt jedoch an deren Blick auf den Kontinent als Ganzes. Es wird Afrika quasi als abgeschlossener Kontinent betrachtet. Es wird Fläche, Anbaufläche und Bevölkerungszahl genommen und gesagt, dass die Versorgung einer wesentlich größeren Bevölkerung schon irgendwie möglich sein wird, weil der Kontinent ja groß ist und theoretisch viele ernähren kann. Das mag auch theoretisch stimmen, wenn wir den Kontinent quasi aus dem Weltraum betrachten und uns Staatsgrenzen, sowie Umweltfaktoren, aber auch die Tatsache wegdenken, dass Afrika ja bereits heute schon auch andere Kontinente miternährt.

    Bei genauer Betrachtung der einzelnen Staaten offenbaren sich aber gewaltige Probleme. Auf Beispiele wie Monaco, oder vielleicht sogar Hong Kong und Singapur will ich gar nicht eingehen, weil diese reichen Stadtstaaten sich ja nicht selbst ernähren können, auf Lebensmittelimporte angewiesen sind und daher eigentlich eher die Probleme in Afrika verschärfen, als Lösungen bieten. Die Niederlande sind schon ein besseres Beispiel für einen dicht besiedelten Agrarstaat. Die Niederlande haben 17,2 Millionen Einwohner bei knapp 41.000 Quadratkilometer Fläche und sind ein sehr großer Nahrungsmittelexporteur. Das bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass sie auch die Futtermittel für die Nutztiere selbst anbauen. Getreide wird vielmehr importiert und Fleisch exportiert. Wälder sind praktisch keine vorhanden. Die Bevölkerungsdichte der Niederlande liegt bei 408 Personen pro Quadratkilometer, was im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sehr viel ist. Österreich hat zum Beispiel circa 100 Einwohner pro Quadratkilometer.

    Afrika im Vergleich

    Aber zurück nach Afrika. Während dort sehr dünn besiedelte und relativ fruchtbare und stabile Staaten, wie Sambia oder Botswana, wohl noch eine Zeit lang ganz gut zurechtkommen werden, ist die Lage in einigen anderen Staaten doch eine andere. Beispiele hierfür: Burundi, Nigeria und Ägypten.

    • Der kleine Staat Burundi hat auf circa 28.000 Quadratkilometern fast elf Millionen Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von fast 400 Personen pro Quadratkilometer – was also mit den Niederlanden vergleichbar ist. Wie auch in den Niederlanden fehlen in Burundi große Waldflächen. Burundi hat jedoch nicht das Glück, einer der wohlhabendsten Staaten der Welt zu sein. Es ist vielmehr einer der ärmsten Staaten der Welt und die Bevölkerung versorgt sich großteils durch Subsistenzwirtschaft. Das größte Problem Burundis ist aber die Altersstruktur des Landes. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt aktuell 17 Jahre und eine Frau bekommt ungefähr sechs Kinder. Es ist also in den nächsten Jahren mit einer Vervielfachung der Bevölkerung zu rechnen, was zu Spannungen und Konflikten in einer ohnehin sensiblen Region führen könnte.
    • Ägypten ist ein weiteres Beispiel für einen Staat mit einer großen Bevölkerungsproblematik. Ägypten hat circa 94 Millionen Einwohner auf einer Million Quadratkilometer Land. Das ergibt circa 94 Personen pro Quadratkilometer, ist also nicht sehr weit von Österreich entfernt. Leider besteht das Land aber zu einem Großteil aus Wüste. Es gibt unterschiedliche Berichte über die fruchtbare Fläche Ägyptens, sie gehen von 2,6 bis vier Prozent. Das wären im besten Fall also knapp 40.000 Quadratkilometer! Diese Fläche ist zwar sehr fruchtbar, aber bald 100 Millionen Einwohner können auf dieser Fläche dennoch nicht ernährt werden. Die Geburtenrate ist kürzlich erst auf rund 3,3 Kinder pro Frau gestiegen, was einen Bevölkerungsanstieg von fast zwei Millionen Menschen im Jahr bedeutet. Die ägyptische Regierung hat das Problem immerhin schon erkannt und eine Kampagne für maximal zwei Kinder gestartet.
    • Das dritte Beispiel für einen afrikanischen Staat mit massiven Problemen ist Nigeria. Nigeria ist mit circa 186 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Mit knapp 923.000 Quadratkilometern ist er fast so groß wie Ägypten. Bei einer Fruchtbarkeitsrate von circa 5,5 Kindern pro Frau wird mit einer Verdopplung der Bevölkerung auf circa 400 Millionen Menschen bis 2050 gerechnet. Zum Vergleich: Deutschland hat circa 357.000 Quadratkilometer und circa 82,5 Millionen Einwohner. Die gesamte Eurozone hat circa 320 Millionen Einwohner und die klimatischen Bedingungen in Europa sind wesentlich besser als in Nigeria, wo ungefähr die Hälfte des Landes sehr trocken ist.

    Diese Zahlen sind sehr grob, sie verdeutlichen aber die Größe des Problems in Afrika. Weil selbst wenn der Kontinent an sich in der Lage wäre, die prognostizierten vier Milliarden Menschen zu ernähren, dürften viele Staaten zusammenrechen, bevor diese Bevölkerungszahl jemals erreicht wird. Davon abgesehen, dass die Ernährung all dieser Menschen wahrscheinlich die Abholzung aller verbliebenen Wälder zur Folge hätte.

    Vorbild Bangladesch

    Um zu Rosling und Spät zurückzukehren, möchte ich beiden zum Teil Recht geben. Einerseits kann die Verbesserung der Lebensbedingungen durch die zunehmende Globalisierung, den Menschen in Afrika mehr Wohlstand und damit bessere Chancen bringen. Andererseits wird das nur möglich sein, wenn die neokolonialen Projekte Europas, Asiens und der arabischen Halbinsel in Afrika aufhören und eben auch jenes rapide Bevölkerungswachstum aufhört, welches derzeit das Wirtschaftswachstum und die Akkumulation von Wohlstand quasi auffrisst. Getreu dem Motto in Bangladesch: Zwei Kindern kann ich alles ermöglichen, mehr Kinder bedeuten Armut und Hunger!

    Solange Afrika weiter von anderen Staaten und der eigenen höchst korrupten Elite ausgebeutet, die nordafrikanische Jugend in ihrer Chancenlosigkeit von Islamisten im Massen rekrutiert wird und die Menschen in Afrika weiterhin so viele Kinder bekommen, steuern wir sehr schnell auf den Zusammenbruch der ohnehin schwachen Staaten in Nord- und Zentralafrika zu, was weiteren Krieg und die Destabilisierung der noch stabilen afrikanischen Staaten, sowie auch der benachbarten Regionen (wozu auch Europa gehört) zur Folge haben wird.

    Deswegen sollte neben dem Kampf gegen den Neokolonialismus und für eine bessere medizinische Versorgung auch jener für zwei Kinder ganz oben auf der Tagesordnung stehen. (Adam Markus, 7.3.2018)

    Adam Markus ist Historiker, lebt in Wien und arbeitet seit Jahren im Sozialbereich. In den vergangenen Jahren hat er mit Jugendlichen, Flüchtlingen und Obdachlosen gearbeitet. Daneben hält er Fortbildungen und Workshops zum Themenbereich der Radikalisierung und arbeitet auch für das Audiovisuelle Archiv.

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