Indonesien: Punk mit sozialem Auftrag

    Video8. März 2018, 07:59
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    Musikerinnen und Musiker setzen sich gegen Korruption und Repression ein

    "Wir lieben dieses Land, aber wir hassen das bestehende System, erinnert euch! Es gibt nur ein Wort: Lawan!" Der Frontmann der indonesischen Hardcore-Punkband Jeruji, auf Deutsch "Gitter", aus Bandung, der Hauptstadt der indonesischen Provinz Westjava, donnert seine Worte dem Publikum entgegen. Die Fans tanzen dazu ausgelassen und schütteln dabei ihre bunten Irokesenfrisuren ordentlich durch. Eine Mischung aus Metal, Hardcore und Punk dröhnt aus den Boxen. Die Musiker geben Vollgas.

    "Lawan" bedeutet Gegner. Wer damit gemeint ist, ist kein Geheimnis: korrupte PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen. In Songs wie "anjingkorupto" – korrupter Hund – drücken sie ihren Unmut über das "System" mit unverblümten Worten und harten Tönen aus.

    indraboxy

    Während die Punkkultur in den USA und Europa nicht mehr die Bedeutung als sozialkritische Bewegung wie einst hat und Punk für manche nur noch mit "Mode-Accessoires" verbunden wird, blüht sie in Indonesien erst richtig auf.

    Ob auf dem Land oder in Städten, die indonesische Punkszene ist vielerorts aktiv und mittlerweile global vernetzt. Sie dient als Plattform für Forderungen nach Veränderung.

    Die Demokratisierung des Landes schreitet nach Jahrzehnten autoritärer Regierungen (zwischen 1967 und 1998 regierte Haji Suharto das Land diktatorisch) nur langsam voran. Korruption ist weiterhin verbreitet. Die Todesstrafe wird immer noch praktiziert.

    Alternative Jugendbewegungen sind konservativen und orthodox-religiösen Gruppen ein Dorn im Auge. Die Regierung duldet die Punkszene mittlerweile mehr als früher. Am ausgeprägtesten und gut organisiert ist sie auf der Insel Java, wo die Hälfte aller EinwohnerInnen Indonesiens leben.

    foto: reuters/beawiharta
    Punk-Festival in Bandung, Java.

    Hier veranstalten Punks Konzerte und schließen sich zu Kollektiven zum gemeinsamen Wohnen sowie zum politischen, sozialen und kreativen Austausch zusammen. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung bilden sie Arbeitsgemeinschaften, um die Wohn- und Lebenssituation zu verbessern – etwa sogar, um Straßen zu bauen. Der allgemeine Tenor der Szene lautet: Nicht nur raunzen, sondern machen – wir schaffen das!

    Punkrock mit Hijab

    87,2 Prozent der indonesischen Bevölkerung sind Muslime. Die Bandbreite reicht von strenggläubig bis moderat. Familie und Traditionen werden in vielen Regionen Indonesiens großgeschrieben. In einem Land, in dem es keine oder nur wenig staatliche Unterstützung gibt, ist man bei Krankheit und Alter auf den Nächsten angewiesen.

    Die Punks reagieren mit Solidaritätsbekundungen mit der Bevölkerung. Man will nicht nur anecken oder provozieren, sondern bemüht sich um einen gemeinsamen Konsens.

    Ein Punkkonzert zu unterbrechen, um die Gebetsstunde nicht zu stören, geschieht aus Respekt und Rücksichtnahme. Viele der Bandmitglieder und Fans sind selbst praktizierende Muslime und sehen keinen Widerspruch. Im Gegenteil – zu seinem Glauben zu stehen ist für viele AnhängerInnen der alternativen Musikszene Ausdruck ihrer Unabhängigkeit vom "westlichen antireligiösen Diktat".

    Ein Beispiel dafür ist die Band Voice of Baceprot, übersetzt "Laute Stimme", dreier Teenagerinnen aus Westjava. Harte Riffs, dröhnende Gitarren und ein gnadenloses Schlagzeugspiel stehen im starken Kontrast zu den drei zierlichen Musliminnen. Im Song "The Enemy on Earth Is You" scheuen sie nicht vor Gesellschaftskritik zurück, stolz tragen sie ihren Hijab auf der Bühne.

    vob the other side of metalism
    Als sie noch in die Schule gingen, gründeten diese drei Frauen die Band Formasi Voice of Baceprot. Ihr damaliger Musiklehrer ist heute ihr Manager, die Band in Indonesien erfolgreich.

    Das im Westen dominante Bild der unterwürfigen und rechtlosen muslimischen Frau kümmert sie nur wenig. Moderate religiöse Vereinigungen sehen darin keine Verletzung der islamischen Werte.

    Widerstand

    Die Hardcore-Punkband Jeruji wurde Mitte der 1990er-Jahre gegründet, in einer Zeit, als das Militärregime unter Haji Mohamed Suharto Indonesien noch fest im Griff hatte. Massendemonstrationen mit anschließender gewaltsamer Eskalation zwischen ZivilistInnen und Militärs waren keine Seltenheit.

    foto: jeruji
    Schon seit Mitte der 1990er-Jahre macht die indonesische Band Jeruji Punkmusik mit sozialkritischen Texten. 2017 gastierte sie in Wien.

    Lange Haare und Tätowierungen galten als Erkennungszeichen Krimineller und Oppositioneller. Das Regime sah in der die Autoritäten ablehnenden Haltung der Punkszene eine akute Bedrohung des Staates und begegnete der Subkultur mit voller Härte. Die Militärpolizei stürmte regelmäßig Punkkonzerte, und die Veröffentlichung regierungskritischer Texte war zu dieser Zeit unmöglich.

    In Banda Aceh, einer Region im nordwestlichen Sumatra, löste die Sittenpolizei 2011 ein Punkkonzert auf und verhaftete 65 Punks, darunter Frauen und Minderjährige. Sie rasierten ihnen die Köpfe und zwangen sie, sich im Fluss zu waschen – als eine symbolische und spirituelle Reinigung von ihrem Lebensstil (derStandard.at berichtete).

    foto: reuters
    Glattrasierte Köpfe, wo früher Punkfrisuren waren.

    Im anschließenden zehntägigen Umerziehungslager erhielten die Punks Unterricht in militärischer Disziplin und Religion. Auch heute noch stören immer wieder strengkonservativ-religiöse und nationalistische Gruppen Veranstaltungen der Szene.

    Thema Drogen

    Die Band Jeruji unterstützt die internationale Kampagne "Support, don't punish", die sich gegen die Diskriminierung und Kriminalisierung von Drogenabhängigen und mit HIV infizierten Personen einsetzt und von zahlreichen NGOs unterstützt wird.

    "Wir glauben, dass Widerstand nicht nur in unserer Musik stattfinden soll. Für uns ist Widerstand ein direktes Teilnehmen am sozialen Wandel in der Gesellschaft. Wir schreien nicht nur ins Mikrofon, sondern wir bewegen auch etwas", betonen die Mitglieder von Jeruji. (Tina Fazekas, 13.2.2018)

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    Tina Fazekas studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien.

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