Die Würde des Kunstwerks ist antastbar

    12. Februar 2018, 21:38
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    Kunst, die sich im öffentlichen Raum behaupten muss, unterliegt stets größten Diskussionen. Während sich Paris über Jeff Koons' Tulpenstrauß erregt, stirbt ein Werk Lawrence Weiners in Wien leise

    Wien/Paris – Mit Blumen fängt man Mäuse, dachte sich Kater Tom, als er Jerry jagte. Umso ironischer klang der Dank in der Titelmelodie: "wie lieb von dir". Auch Jeff Koons' Blumenpräsent für Paris ist von zweifelhafter Natur. Seine mehr als elf Meter hohe und rund 30 Tonnen schwere Plastik Bouquet of Tulips soll an die Terroropfer von "Charlie Hebdo" und jene vom 13. November 2015 erinnern. Aufgestellt werden soll sie aber ausgerechnet auf dem Place de Tokyo, also prominent situiert zwischen zwei Museen für Kunst der Moderne und der Gegenwart.

    foto: ap /michel euler
    Jeff Koons bei der Präsentation seines "Geschenk"-Entwurfs in Paris.

    Schon allein das Beharren auf diesen Platz im schicken 16. Arrondissement, der rein gar nichts mit den Orten der Anschläge zu tun hat, reicht, um die Großzügigkeit von Koons’ eigeninitiativer Geste infrage zu stellen. Die Stadt hatte im übrigen gar keinen Wettbewerb für ein Denkmal ausgelobt, Bürgermeisterin Anne Hidalgo, aber auch Kulturministerin Francoise Nissen, wollen aber die "symbolkräftige Schenkgeste" würdigen.

    Wie großherzig ist das Geschenk? Jeff Koons würde sich zuallererst damit selbst eine Landmark in Paris setzen, und zwar eine dauerhafte. Viele seiner effektheischerischen Außenarbeiten sind nur temporär zu sehen, zuletzt etwa im Mai 2017 die aufblasbare Ballerina in New York, wo er bereits mehrfach das Rockefeller Center als öffentliche Hintergrundtapete genutzt hat.

    foto: reuters/vincent west
    Jeff Koons 2015 mit einem seiner Balloon Dogs in der ihm gewidmeten Retrospektive im Guggenheim Museum in Bilbao.

    Jeff Koons, der seit der Versteigerung einer Pudelskulptur (Balloon Dog) 2013 für 58,4 Millionen Dollar als teuerster lebender Künstler der Welt gilt, wird von repräsentativen Kritikern des Projekts aus der französischen Kunst- und Kulturszene, darunter der Ex-Kulturminister, zu Recht als Symbol einer spektakulären und spekulativen Kunst beschrieben.

    Ihn, der obendrein nur den Entwurf geschenkt hat (die geschätzten drei Millionen Herstellungskosten tragen Mäzene, darunter Sammler Francois Pinault) nun mit seinem ersten Mahnmal zu adeln, ist höchst fragwürdig und rechtfertigt die Petition gegen die Aufstellung, die Koons Marktwert noch einmal steigern würde. Da braucht man gar nicht mit Geschmacksfragen gegen den mit bunten Lollies oder Luftballons verglichenen "Gratis"-Tulpenstrauß argumentieren.


    foto: apa/mackinger
    Lawrence Weiners Schriftbild auf dem Flakturm im Esterházypark vor dem Umbau 2012.

    Während die Aufregung um das Pariser Monument hohe Wellen schlägt, gleicht die Reaktion auf das Verschwinden eines Mahnmals gegen Krieg und Faschismus in Wien hingegen eher einer ruhigen See. Lawrence Weiners Schriftzug "Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht) / Smashed to pieces (in the still of the night)" auf dem Flakturm im Esterházypark wird, der Falter berichtete, bald Geschichte sein.

    1991 wurde die weithin sichtbare Arbeit des US-Amerikaners, ein Auftragswerk der Wiener Festwochen, das die kriegerische Funktion der Flaktürme vergegenwärtigt, installiert. Man kaufte damals nicht das Kunstwerk, sondern die Nutzungsrechte. Es durfte aber auch nach Ende der Festwochen bleiben "as long as it lasts". Denn an den Ort gebunden sind die Zeilen bei diesem Stück Konzeptkunst zwar nicht, sie gehören aber nach mehr als einem Viertel Jahrhundert in gewisser Weise zum Stadtbild, sie stiften Identität im sechsten Bezirk.

    foto: apa / fohringer
    Seit 2012 in der Wirkung beeinträchtigt: Lawrence Weiners Mahnmal am Flakturm im Esterházypark. Der ursprünglich in den Himmel ragende weiße Fassadenteil mit dem Schriftzug wurde mit einem Fenster durchbrochen, mit dem Restaurant überbaut; am hervorkragenden Sims der "Ohrwascheln" wurde eine Leuchtschrift installiert.

    Fast ebenso alt wie das Kunstwerk, das 2005 mit Mitteln der Stadt restauriert wurde, sind die Diskussionen um dieses: Einst habe man ihnen gesagt, die Schrift komme ohnehin nach sechs Wochen wieder weg, sagte Franz Six, Stiftungsvorstand des seit 1958 im Flakturm betriebenen Haus des Meeres 2010 zum STANDARD. "Deshalb haben wir auch zugestimmt."

    Mehrmals gerieten Bauvorhaben in Konflikt mit Lawrence Weiners Arbeit. 1997 gab es sogar Pläne, den Turm mit einem 20 Meter hohen gläsernen Hotel zu bebauen; die Bewilligung lag schon vor, aber die Stadtregierung legte sich nach geänderten Mehrheitsverhältnissen im Bezirk quer. 2009 dann, vor knapp zehn Jahren, wollte der private "Aqua Terra Zoo" dem Stahlbetonbau noch ein eine Million Liter Wasser fassendes Aquarium und ein zweistöckiges Restaurant oben aufsetzen, dieses über einen Außenlift erschließen und dem neuen Dach überdies die Form eines Mantas geben. Es regte sich massiver Widerstand. Problem war nicht der Denkmalschutz, den hatte man bereits 2003 aufgehoben. Es waren auch Stadtbildfragen, die damals das Haus des Meeres zum Einlenken und Redimensionieren der ambitionierten Pläne zwang.

    foto: haus des meeres
    Die Ausbaupläne des Hauses des Meeres von 2009 vor ihrer Redimensionierung.

    Eine Überdachung hätte der Flakturm über kurz oder lang ohnehin benötigt: Wegen eines Kriegstreffers entstanden erhebliche Haarisse, sodass Wasser mehrere Stockwerke tief eindringen konnte, erklärt der ehemalige Wiener Kunstreferatsleiter Berthold Ecker, der stets um den Erhalt des Weiner-Werks bemüht war, gegenüber dem STANDARD. Die Errichtung des Cafés behob das Problem.

    Desaster der Verschandelung

    2015, als man das Gebäude schließlich um einen symbolischen Euro an das Haus des Meeres verkaufte, ließ man einen – wohl eher situationselastischen – Passus einfügen, nachdem "die Würde des Kunstwerkes" in jedem Fall gewahrt werden müsse. Der Künstler selbst sah diese Würde bereits seit Längerem angetastet – durch Leuchtschrift, Dachlokal und eingesetztes Fenster, also den Zustand in dem sich der Turm derzeit noch präsentiert. Als 2017 die Pläne für einen durch den Schriftzug führenden Außenlift aufgewärmt wurden, schrieb Weiner, er hätte keine Wahl als nach dem "entsetzlichen Desaster der Verschandelung" die Arbeit zurückzuziehen.

    foto: haus des meeres
    Die neuesten Ausbaupläne für den Flakturm im Esterhazypark mit zwölf Meter tiefem Zubau mit Glasfassade.

    Die jüngst präsentierten, massiven Ausbaupläne des Haus des Meeres brauchten also keinerlei Rücksicht mehr auf die in Publikationen weltweit veröffentlichte Arbeit zu nehmen. Ein zwölf Meter tiefer Zubau auf der Eingangsseite soll 3.000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche bringen. Hinter der durchgängigen Glassfassade würde Lawrence Weiners Arbeit verschwinden. Ein Vorteil für Anrainer, die wie der Ex-Kulturmininister Josef Ostermayer, bei einer eigenen Präsentation, die nächtliche Beleuchtung des Kunstwerks monierten.

    "Bevor sie es zerstörten, nannten sie es noch berühmt", schrieb Weiner mit resignierendem Zynismus vor wenigen Tagen in einer E-Mail an seinen Galeristen Hubert Winter. Dessen Kommentar fällt wie ein Nekrolog aus: "Man soll nicht weinen, dass es vorbei ist. Schön, dass es da war." (Anne Katrin Feßler, 13.2.2018)

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