"Sind wahnsinnige Zeiten ...": Angela Merkel in "Berlin direkt"

12. Februar 2018, 16:41
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Es rumort zwar in Merkels Partei. Sie zu unterschätzen hat aber vielen Politjungs mehr Freizeit beschert, als ihnen lieb war

Grausamer Zufall, dass der deutsche Koalitionspakt samt SPD-Drama mit dem närrischen Treiben zusammenfällt. Mitleid ist ja auch in der Satirewelt keine Kategorie. Und so gossen die Mainzer Humoristen in der Annahme, die Politstimmung treffsicher modellieren zu können, die vermutete aktuelle Volksmeinung in Skulpturen.

Recht uncharmante TV-Bilder exportiert der öffentlich-rechtliche Norden dabei: Der bunte Straßenumzug zeigt den SPDler Martin Schulz, der abgetreten war, als Rohrkrepierer in einer Kanone. Kanzlerin Angela Merkel findet sich in einem Schildkrötenpanzer wieder – als Exempel stoischen Durchhaltegleichmuts.

Bei aller Verhöhnung schwang da auch Respekt mit. Verständlich. Es rumort zwar in Merkels Partei. Sie zu unterschätzen hat aber vielen Politjungs mehr Freizeit beschert, als ihnen lieb war. Merkels Auftritt im ZDF-Format Berlin direkt hatte denn auch keinen Endzeitblues. Nach wie vor gibt sie eine Skulptur sachlicher Heiterkeit. Bedauern und Verständnis werden zur rhetorischen Würze; Schmunzeln wird zum Ornament des Satzes, keine weiteren "zwölf Jahre Kanzlerin bleiben zu wollen".

Nur Schulz’ kometenhafter Absturz lässt sie aus ihrer Gelassenheit treten ("Das sind ja wahnsinnige Zeiten für ihn!"). Sie aber halte ihr Versprechen, vier Jahre bleiben zu wollen. Autoritätsverlust? "Sehe ich nicht." Den richtigen Zeitpunkt verpasst? "Glaube ich nicht." Die Weisheit des Rückblicks wird das richtig einordnen.

Dieser freundlich sedierende Stil scheint momentan jedoch nicht ausgedient zu haben. Merkels Schildkrötenauftritt beim Fasching 2019, wenn Schulz längst vergessen sein wird, ist somit wahrscheinlich. (Ljubiša Tošić, 12.2.2018)

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