Lobotomie: Ein gefährlicher Irrtum, gekrönt mit dem Nobelpreis

Blog14. Februar 2018, 08:18
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Die Praxis, psychische Erkrankungen mit brachialen Eingriffen ins Gehirn zu "behandeln", stellte sich als Unsinn heraus. Doch sie half der Medizin, sich weiterzuentwickeln

Im Jahr 1949 verkündete das Nobelpreiskomitee, dass man den diesjährigen Preis in der Kategorie Physiologie oder Medizin an den portugiesischen Neurologen António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz verleihen wird. Und zwar "für die Entdeckung des therapeutischen Wertes" einer Technik, die Moniz das erste Mal schon in den 1930er-Jahren angewandt hatte: Er hatte bei einem Patienten mit unheilbaren Hirnschäden Nervenbahnen in bestimmten Bereichen des Gehirns durchtrennt.

Moniz war der Ansicht, dass einige psychische Störungen von fehlerhaften neuralen Verbindungen im Frontallappen verursacht werden. Experimente, die amerikanische Wissenschafter an Affen durchgeführt hatten, schienen seine Hypothese zu unterstützen: Ein chirurgischer Eingriff an ihren Frontallappen führte dazu, dass die Tiere deutlich ruhiger und kooperativer wurden. Nachdem Moniz diese Technik der Lobotomie an Menschen ausprobiert hatte, kam er zu dem Schluss, dass sie ein sicherer und effektiver Weg sei, um bestimmte psychische Störungen zu behandeln. Die dabei auftretenden Veränderungen in der Persönlichkeit der Patienten erschienen ihm ein akzeptabler Preis für den Behandlungserfolg.

"Behandlung" durch Laien

In den 1940er-Jahren wurde die Lobotomie vor allem vom amerikanischen Psychiater Walter Freemann eingesetzt und populär gemacht. Er "vereinfachte" die Methode so weit, dass sie auch von Menschen ohne neurochirurgische Ausbildung durchgeführt werden konnte. Dem Patienten wurde dabei ein langes spitzes Werkzeug (von Freemann als "Eispickel" bezeichnet) oberhalb des Augapfels eingeführt und dann damit der Schädel durchschlagen. Je nach Gutdünken des Chirurgen schob man den Eispickel bis an die Stelle des Gehirns, die man erreichen wollte, und bewegte ihn dann hin und her, um das dortige Gewebe zu zerstören.

Es klingt absurd, dass so ein Verfahren tatsächlich als medizinische Behandlung angesehen wurde, aber die Lobotomie wurde von vielen Ärzten und Psychiatern der damaligen Zeit als regelrechtes Wundermittel gegen psychische Erkrankungen betrachtet (vor allem auch, weil es damals noch so gut wie keine Psychopharmaka gab). Freemann operierte tausende Menschen, teilweise dutzende am Tag und vor Publikum. Lobotomie wurde überall auf der Welt eingesetzt, und man schätzt, dass mehr als eine Million Menschen auf diese Weise "behandelt" wurde. Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren gab es Ärzte und Psychiater, die solche "psychochirurgischen" Eingriffe zur Behandlung und Rehabilitation von Gefängnisinsassen empfahlen.

Lebenslange Pflegefälle

Heute wissen wir, dass es keine nachweisbaren Belege für die Wirksamkeit einer Lobotomie-Behandlung gibt. Viele der Patienten von Moniz, Freemann und ihren Kollegen litten nach dem Eingriff unter massiven Persönlichkeitsveränderungen und -störungen, viele wurden zu lebenslangen Pflegefällen. Verwandte und Nachfahren haben immer wieder gefordert, die Verleihung des Nobelpreises an Moniz rückgängig zu machen.

Die Behandlung psychischer Störungen durch Lobotomie gehört zu den dunkleren und tragischen Phasen in der Geschichte der Medizin. Patienten wurden mit einer Therapie behandelt, die nicht nur nicht wirksam, sondern sogar aktiv schädlich war. Der große Irrtum der Lobotomie zeigt uns aber trotzdem einen enorm wichtigen Aspekt der Wissenschaft. Denn wir wissen, dass es sich um einen Irrtum gehandelt hat. Obwohl die Lobotomie mit der höchsten aller wissenschaftlichen Auszeichnungen bedacht worden war, hörte man trotzdem auf, sie anzuwenden. Man hat erkannt, dass diese Methode nicht funktioniert. Man hat erkannt, dass psychische Störungen andere Ursachen haben, die anders behandelt werden können und müssen. Kurz gesagt: Die Wissenschaft hat sich weiterentwickelt!

Wissenschaft ist nicht dogmatisch

Das ist ein Punkt, der in der öffentlichen Wahrnehmung von Wissenschaft oft falsch gesehen wird. Da wird Wissenschaft oft als "dogmatisch" betrachtet; als etwas, das ewige Wahrheiten produziert, die, einmal erkannt, nie wieder geändert werden. Und natürlich ist die Wissenschaft unter bestimmten Bedingungen auch in der Lage, zu Erkenntnissen zu kommen, die sich nicht mehr ändern. Wir wissen heute zum Beispiel, dass sich die Erde um die Sonne bewegt, und keine zukünftige Forschung wird diese Erkenntnis mehr verändern. Aber ganz allgemein betrachtet ist Wissenschaft ein Prozess, der Schritt für Schritt erfolgt. Altes Wissen wird durch neues Wissen ersetzt beziehungsweise erweitert. Als falsch erkannte Vorstellungen werden korrigiert oder verworfen.

Würde António Egas Moniz versuchen, seine Methoden aus den 1930er-Jahren in der Gegenwart anzuwenden, würde er definitiv keinen Nobelpreis mehr bekommen, sondern vermutlich sehr schnell im Gefängnis landen. Und sehr wahrscheinlich werden die Mediziner der Zukunft einen Teil der heutigen medizinischen Praxis genauso verurteilen wie wir heute die Lobotomie.

Vorsicht vor "altem Wissen"

Die Fähigkeit, sich selbst zu korrigieren, ist eine fundamentale Eigenschaft der Wissenschaft und eine ihrer größten Stärken. Sie ist aber das, was sie von Pseudowissenschaft unterscheidet. Wenn Homöopathen heute ihre Pseudomedizin praktizieren, dann machen sie das im Wesentlichen genau so, wie es damals im 18. Jahrhundert ihr Erfinder Samuel Hahnemann getan hat. Die Berufung auf "altes Wissen" ist in der Welt der Pseudomedizin ein regelrechtes Qualitätskriterium – je älter, umso besser. In der Geschichte jeder echten wissenschaftlichen Disziplin finden sich jede Menge Irrtümer. Dass das bei Homöopathie und Co nicht so ist, ist der beste Beleg für ihre Unwissenschaftlichkeit. (Florian Freistetter, 13.2.2018)

  • Aus einem Artikel der "Saturday Evening Post" vom 24. Mai 1941 (Übersetzung der Redaktion, Anm.): "Dr. Walter Freeman, links, und Dr. James W. Watts studieren eine Röntgenaufnahme vor einer psychochirurgischen Operation. Psychochirurgie bedeutet, ins Gehirn zu schneiden, um neue Muster zu erzeugen und Patienten von Wahnvorstellungen, Obsessionen, nervlichen Anspannungen und dergleichen zu heilen."
    foto: harris e. ewing

    Aus einem Artikel der "Saturday Evening Post" vom 24. Mai 1941 (Übersetzung der Redaktion, Anm.): "Dr. Walter Freeman, links, und Dr. James W. Watts studieren eine Röntgenaufnahme vor einer psychochirurgischen Operation. Psychochirurgie bedeutet, ins Gehirn zu schneiden, um neue Muster zu erzeugen und Patienten von Wahnvorstellungen, Obsessionen, nervlichen Anspannungen und dergleichen zu heilen."

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