"Gutmenschen" im Volkstheater: Koffein für den Tanz ums rote Kalb

    12. Februar 2018, 14:27
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    Yael Ronens neues Stück ist ein ebenso zeitgeistiger wie charmanter Reflex auf das Gesellschaftsklima. Im Wiener Volkstheater überprüft ein munteres Ensemble die eigene Gesinnungsethik

    Wien – Gutmenschen, die mit der Verbesserung der Welt beschäftigt sind, agieren häufig am Rande des Nervenzusammenbruchs. Da tut es buchstäblich gut, sich der Zuwendung durch einen potenten Sponsor zu erfreuen. Dessen flüssiges Produkt verheißt, unabhängig von Geschmacksfragen, eine wahrhaft erhebende Wirkung: Es verleiht Flügel. Yael Ronens neues Stück – es nennt sich Gutmenschen – steht ganz im Zeichen des Stieres. Ronens Figuren sind lauter gute Bekannte. Im Wiener Volkstheater bevölkerten sie bereits 2015 Lost and Found.

    Es handelte sich dabei um eine ebenso nervöse wie famose Komödie über die Existenzbedingungen in unserer unruhigen, multikulturellen Wirklichkeit. In ihr nahmen Schauspieler aus aller Welt Erzählstücke beherzt in die Hand und warfen sie wie Jonglierbälle hoch in die Luft. Alles schien federleicht. Zugleich wurden Begebenheiten wie die des Irakflüchtlings Yousef Ahmad, Cousin einer am Haus beschäftigten Schauspielerin, von der Realität beglaubigt.

    Gegen die "heteronormativen" Vorschreibungen

    Gezeigt wurden Mitglieder der Zivilgesellschaft, die dem rechten Zeitgeist ein "So nicht!" entgegenschmettern. Das Asylland Österreich leidet seit einiger Zeit an akutem Routenverschluss. Demonstriert wurde das gegenteilige Gebot: Wer helfen kann und will, der muss die Grenzen öffnen und, in einer Art Parallelbewegung, diejenigen des guten Geschmacks verwischen. Gezeigt wurden Schauspieler, die den "heteronormativen" Vorschreibungen unserer Gesellschaft eine lange Nase drehen.

    Und nun das: In Gutmenschen, von Ronen wiederum in Gemeinschaft mit ihren Schauspielern entwickelt, dominiert ein roter Kunststoffstier die Bühne (Ausstattung: Wolfgang Menardi). Der Boden gleicht einer Landschaft aus zerborstenem Eis. Jede Scholle trägt die Grundlinien eines Architekturplans. Maryam (Birgit Stöger), die dünnlippige Clanmutter der Gutmenschen, hat ihr Herz ausgerechnet nach Wals-Siezenheim verkauft. Dort unterhält Servus TV, der Sender von Red Bull, sein geheimnisumwobenes Hauptquartier.

    Ein weltkultureller Zellularverband

    Maryams vier Wände sollen zum Schauplatz einer Reality-Show werden. Kameras sind montiert, die Herrschaften der Brauselimonade wollen ab Mitternacht zu filmen beginnen. Maryam selbst muss gleich zwei Kinder schaukeln. Ein klitzekleines namens Delete (sic!), Frucht einer künstlichen Zeugung mit dem schwulen "Schnute" (Knut Berger), liegt noch im Kinderwagen und bekommt von der Prachtmami persönlich die Brust gereicht. Das andere, Scheidungskind Jim Pepe, teilt sein Zimmer mit dem (realen) Asylwerber Yousef. Sie alle bilden eine lose Sippe, einen weltkulturellen Zellularverband.

    Yousef liest, um seinen Integrationswillen zu bezeugen, den Insassen eines Pflegeheims Thomas Bernhard vor. Wie immer in Ronens heiter-trostlosen Planspielen beginnen die Zeichen zu flimmern und flirren. Was ist hier wahr? Welche Zuspielung ist ernst gemeint? Welcher Zugang zu unserer Lebenswelt darf für gerechtfertigt angesehen werden?

    Permanente Überwachung

    In unserem Land, in dem Koffein und Zuckerwasser fließen, wird um das rote Kalb getanzt. Die Schauspieler, voran das hochheilige, hochzeitswillige Paar von Elias (Sebastian Klein) und Klara (Katharina Klar), halten sich allzu klare Zuschreibungen konstant vom Leib. Zugleich spielen alle so, als würden sie von der Red-Bull-Kamera permanent überwacht.

    Jeder agiert aufgekratzt, als hätte er vom Getränk mehrere Büchsen über den Durst getrunken. Dieses theatralische Überkabarett hält über knapp eineinhalb Stunden genau das, was es verspricht. Es veräppelt Hubert von Goisern mit traumschönem Dialektgesang (Klar). Es verstrickt die beteiligten Personen in ein herzhaftes Theorie-Pingpong. Am niederschmetternden Ausgangsbefund ändern Spiel und Spaß herzlich wenig. Asylant Yousef wird (wirklich) abgeschoben. Stögers raustimmiger Protest behält recht: "Es wird definitiv dunkler hier" (im Land).

    Angemessener Applaus für beherztes Theater zur Zeit: ohne Ewigkeitsanspruch, aber mit hohem Gebrauchswert. Was Dietrich Mateschitz wohl dazu sagt? (Ronald Pohl, 13.2.2018)

    • Kein Theater für die Ewigkeit, aber ein Kommentar zur Gegenwart: Auf Wolfgang Menardis Bühne huldigen Maryam (Birgit Stöger, 3. v. li.) und ihre Patchworkfamilie dem Diskurs. Am Schirm: Yousef.
      foto: hans punz / apa

      Kein Theater für die Ewigkeit, aber ein Kommentar zur Gegenwart: Auf Wolfgang Menardis Bühne huldigen Maryam (Birgit Stöger, 3. v. li.) und ihre Patchworkfamilie dem Diskurs. Am Schirm: Yousef.

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