Hohe Suizidgefährdung bei Flüchtlingen

    27. Februar 2018, 07:57
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    Rund 50 Prozent aller Flüchtlinge in Österreich sind traumatisiert, Kinder 15-mal häufiger als ihre einheimischen Altersgenossen. An Therapieangeboten aber mangelt es

    St. Pölten – Amer (Name geändert, Anm.) ist mit 14 Jahren aus Syrien nach Österreich gekommen. Bald darauf hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Amer und auch der elfjährige Bub aus einem Flüchtlingsheim in Baden, der sich im November 2017 das Leben genommen hat, sind keine Einzelfälle.

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    Elisabeth Klebel, Leiterin des interkulturellen Psychotherapiezentrums Jefira in St. Pölten, erklärt, was ein Trauma ist und wie es bewältigt werden kann.

    Offizielle Zahlen darüber, wie viele Flüchtlinge in Österreich psychische Probleme haben, gibt es nicht. Laut Elisabeth Klebel, Leiterin von Jefira, einem interkulturellen Psychotherapiezentrum der Diakonie in St. Pölten, sind 50 Prozent der Asylwerber in Österreich traumatisiert.

    Diese Angabe deckt sich mit Erkenntnissen der Bundesdeutschen Psychotherapeutenkammer: dortige Studien zeigen, dass etwa 40 bis 50 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und rund die Hälfte unter einer Depression leiden, wobei die Erkrankungen häufig gemeinsam auftreten.

    Jedes fünfte Kind traumatisiert

    Jedes fünfte geflüchtete Kind leidet gemäß der Studie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das ist 15-mal häufiger als bei in Deutschland geborenen Kindern. Diese Störung tritt am häufigsten nach Traumatisierungen durch andere Menschen auf ("man made disasters"), seltener bei schicksalhaften Ereignissen wie Naturkatastrophen und Verkehrsunfällen.

    In ihrem Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen definiert die Weltgesundheitsorganisation ein traumatisches Erlebnis als eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.

    foto: ap: petros giannakouris
    In Kriegsgebieten oder auf der Flucht erleben Kinder Gewalt und Zerstörung, die sie psychisch auch noch nach Jahren verfolgen kann.

    Die häufigsten traumatischen Erfahrungen erwachsener Flüchtlinge in Deutschland sind Studienbefunden zufolge, Gewalt gegenüber anderen miterlebt zu haben (70 Prozent), Leichen gesehen zu haben (58 Prozent), Opfer von Gewalt geworden zu sein (55 Prozent) oder gefoltert worden zu sein (43 Prozent).

    Suizidpläne traumatisierter Flüchtlinge

    40 Prozent der erwachsenen traumatisierten Flüchtlinge hatten oder haben Suizidpläne oder haben schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Von den Flüchtlingskindern und Jugendlichen mit posttraumatischer Belastungsstörung waren rund ein Drittel schon einmal suizidal.

    Laut Klebel ist anzunehmen, dass diese Zahlen auch für Österreich gelten, haben die Flüchtlinge doch ähnliche Geschichten erlebt und fristen ihr Dasein unter ähnlichen Bedingungen. Viele Asylwerber wägen sich in einer aussichtslosen Situation, so Klebel.

    Amers traumatische Fluchterlebnisse

    Amer hat seine Geschichte Felicitas Heindl anvertraut. Sie ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche bei Jefira. Gefährliche Gebirgswerge, Eingesperrtsein in einen Zugscontainer, in dem er nicht laut atmen durfte: Amer hat traumatische Erfahrungen bei der Flucht gemacht. Einmal ist er mit dem Bein an einem Zaun hängen geblieben. Die Menschen sind über den verletzten Buben getrampelt, erst nach einer gefühlten Ewigkeit hat ihm jemand geholfen.

    Seine Eltern hatte Amer über viele Tage hinweg aus den Augen verloren. Hinzu kommt, dass im Krieg in Syrien seine Schwester getötet wurde. Er selbst hat im Krieg Tote zu Gesicht bekommen.

    Mit 15 Jahren hat Amer dann einen Selbstmordversuch in Österreich unternommen. Das war der Grund, warum er schließlich bei Jefira gelandet ist. Ab dem Alter von drei Jahren werden Kinder in der Einrichtung Jefira therapiert. Sie kommen oft dann, wenn sie im Kindergarten durch Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression, viel Weinen oder totale Zurückgezogenheit auf sich aufmerksam gemacht haben.

    Der Jugendliche wurde schnell wütend, war sehr schreckhaft und konnte sich im Unterricht nicht konzentrieren. In der Schule riet man ihm dazu, sich eine Arbeit zu suchen. Er fühlte sich als Versager, der seinen Eltern nicht zur Last fallen wollte, erzählt Heindl.

    Lebenswillen zurückgewinnen

    Amer litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Flashbacks, bei denen das traumatische Erlebnis wieder durchlebt wird, sind die Folge. In der Therapie ging es zunächst darum, Amer zu stabilisieren und den "Lebenswillen" zurückzugewinnen. Das sei ein langer Weg gewesen, denn Amer habe das Gefühl gehabt, dass niemand ihm helfen könne, so Heindl.

    Emotionale Taubheit und eine innere Lähmung treten oft nach traumatischen Erlebnissen auf, erzählt Heindl. Weiters klärte die Therapeutin Amer darüber auf – er hat ein großes Interesse an naturwissenschaftlichen Fragen –, welche Folgen ein Trauma für Gehirn und Psyche hat. Gehirn und Körper werden bei Gefahr in einen Alarmzustand versetzt, um auf Flucht oder Kampf vorbereitet zu sein.

    "Bei Amer war der traumatische Stress im Gehirn gespeichert", sagt Heindl. Ziel der Therapie ist, das traumatische Erlebnis als etwas Vergangenes zu erleben und mit negativen Emotionen umgehen zu können beziehungsweise sich Hilfe zu holen.

    In vielen Gesprächen, die über einen Zeitraum von zwei Jahren nahezu wöchentlich stattfinden, erlernt Amer Strategien, wie er damit zurechtkommen kann, wenn die negativen Emotionen wieder hochkommen.

    Flüchtlinge haben Angst vor Abschiebung

    Die politische Entwicklung in Österreich mache sich auch im Beratungsalltag bemerkbar, erzählt Jefira-Leiterin Klebel. Langes Warten auf den Asylbescheid und restriktive Rahmenbedingungen verhindern eine Verbesserung oder Heilung der psychischen Beschwerden. Schlagzeilen, die Asylwerber und Asylwerberinnen oft in kostenlosen Boulevardzeitungen aufschnappen, versetzen sie oft in Angst.

    "Die Flüchtlinge fürchten sich verstärkt vor Abschiebungen, denn für viele würde das den sicheren Tod bedeuten", sagt Klebel. Die Zahl der Hilfesuchenden mit konkreten Überlegungen, Selbstmord zu begehen, sei gestiegen. Sie sähen sich in einer ausweglosen Situation. "Derzeit reihen wir viele wegen Selbstmordäußerungen in der Therapie vor." Momentan warten etwa 300 Menschen auf eine Psychotherapie bei Jefira. Die Wartezeiten betragen dabei sechs bis zwölf Monate. (Katrin Burgstaller, 27.2.2018)

    Hilfseinrichtungen für Personen, die sich in einer Krise befinden oder Suizidgedanken haben

    Kriseninterventionszentrum.at (Mo–Fr 10–17 Uhr): 01/406 95 95

    Psychiatrische Soforthilfe (0–24 Uhr): 01/313 30

    Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810/97 71 55

    Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79

    Telefonseelsorge (0–24 Uhr): 142

    Rat auf Draht (0–24 Uhr, für Kinder & Jugendliche): 147

    Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Mo–Sa 14–18 Uhr): 0800/20 14 40

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