Die Abwanderung österreichischer Forschungstalente

    11. Februar 2018, 12:00
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    Ab 1918 wurde Österreich eines der führenden Exportländer von klugen Köpfen. Auch heute verlassen viele Forscher das Land. Doch es gibt Gegentrends

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    Rund um 1938 mussten viele heimische Forscher die Koffer packen und verließen Österreich für immer. Wie sieht es mit dem Braindrain heute aus?

    Wien – Das Problem ist alles andere als neu: Der wissenschaftliche Braindrain, also die Abwanderung von Forschern ins Ausland, verfolgt Österreich seit ziemlich genau hundert Jahren. Zwar deutet einiges darauf hin, dass sich die österreichische Import-Export-Bilanz bei den Spitzenforschern in den letzten Jahren ein wenig erholt hat. Manche sehen den Abgang des Genetikers Josef Penninger nach Kanada aber als Hinweis, dass sich das geistige Leistungsbilanzdefizit Österreichs künftig wieder vergrößern könnte.

    Ohne die aktuelle Situation beschönigen zu wollen: Faktum ist, dass die Lage früher noch deutlich dramatischer war als heute. Kaum ein anderes Land hat in den letzten hundert Jahren mehr kluge Köpfe pro Einwohner an das Ausland verloren als Österreich. Ihren Höhepunkt erreichte die "Vertreibung der Vernunft" im Jahr 1938, als hunderte Forscher aus politischen und vor allem rassistischen Gründen entlassen wurden und aus Österreich flohen – so ihnen die Flucht gelang.

    Frühe Vertreibungen

    Der antisemitisch motivierte Braindrain hatte freilich schon lange vor dem "Anschluss" eingesetzt: Robert Bárány, 1914 erster Medizinnobelpreisträger Österreichs, verließ seine Heimat wenig später in Richtung Schweden, weil man dem Dozenten jüdischer Herkunft keine a. o. Professur geben wollte. Ähnlich behandelte man den Blutgruppenentdecker Karl Landsteiner nach 1918: Als er 1930 den Medizinnobelpreis erhielt, war er längst US-Staatsbürger.

    Die Liste der Wissenschafter, die Österreich in den 1920er- und 1930er-Jahren der Welt und insbesondere den USA "schenkte", ist lang. Auf ihr stehen etliche der größten Söhne und Töchter des Landes, darunter zahlreiche weitere Nobelpreisträger. Dieser einzigartige Verlust hallte auch in einem zynischen Kalauer aus der Nachkriegszeit nach: "Österreich ist das gesündeste Land für Nobel-Laureaten, weil hier noch kein einziger gestorben ist."

    Kein Rückhol-Interesse

    Dabei gab es unmittelbar nach 1945 durchaus Bemühungen, die Vertriebenen wieder zurückzuholen – wenn auch nur seitens der Alliierten. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erstellte man in England und in den USA zwei Listen mit 175 bzw. 370 rückkehrwilligen Forschern, die dann aber zumeist doch im Exil blieben. Die wirtschaftliche Lage in Österreich nach 1945 war zum einen alles andere als attraktiv.

    Zum anderen hatten an den Unis und im Ministerium Männer das Sagen, die während der Dollfuß/Schuschnigg-Diktatur an den universitären Schalthebeln gesessen waren und kein Interesse hatten, Forscher jüdischer Herkunft oder linker Gesinnung zurückzuholen. Denn das wäre wohl der katholisch-reaktionären Selbstprovinzialisierung der Universitäten abträglich gewesen. Und so scheiterte nicht nur die Remigration, auch der Braindrain ging in diesem Klima weiter: 1962 klagte ein 23-jähriger SPÖ-Nachwuchspolitiker namens Heinz Fischer in der "Arbeiter-Zeitung": "Der Konservatismus der Hochschulen treibt die besten Geister ins Ausland."

    Die Diagnose des Max F. Perutz

    Ähnlich sah es der Chemiker Max F. Perutz, der in diesem Jahr den Medizinnobelpreis erhielt. Perutz hatte Wien im Jahr 1936 als 22-jähriger Student in Richtung England verlassen und meinte anlässlich der 600-Jahr-Feier der Uni Wien im Jahr 1965: "Talentierte junge österreichische Wissenschafter trifft man oft in Amerika. Sie verlassen ihre Heimat, weil sich dort zu wenig Gelegenheit für unabhängige Forschung bietet. Der wichtigste Schritt scheint mir daher eine Modernisierung des Universitätssystems, um jungen Forschern größere Unabhängigkeit zu sichern."

    Der Chemiker wusste aus eigener Erfahrung, wovon er redete. Er selbst konnte als gerade einmal 33-jähriger Immigrant an der Uni Cambridge eine eigene Forschungsgruppe aufbauen, aus der das Laboratory of Molecular Biology (LMB) hervorging. Das wiederum ist – gemessen an Nobelpreisen – das erfolgreichste Forschungsinstitut der Welt: 14 Mitarbeiter des LMB, das von Perutz bis 1979 geleitet wurde, erhielten einen Nobelpreis. Dazu kommen zwölf weitere Laureaten, die zumindest eine Zeitlang dort forschten.

    Zum Vergleich: Österreich hatte seit 1945 noch ganze drei wissenschaftliche Nobelpreisträger: Karl von Frisch und Konrad Lorenz (beide Medizin 1973) sowie Friedrich August von Hayek (Wirtschaftswissenschaften 1974). Alle drei promovierten zwar an der Uni Wien (Lorenz und Hayek wurden auch noch hier habilitiert), verbrachten dann aber die meiste Zeit ihres weiteren Forscherlebens im Ausland, auch wenn sie nicht von den Nationalsozialisten vertrieben worden waren.

    Penningers Abgang als Zeichen?

    Wie aber sieht die Situation heute aus? Wandern nach wie vor mehr wissenschaftliche Talente aus Österreich ab als in Österreich ein? Und ist die Rückkehr Penningers nach Kanada, wo der Genetiker bereits zwischen 1990 und 2003 geforscht hatte, tatsächlich ein Alarmsignal?

    Die Fragen sind nicht ganz einfach zu beantworten: In vielen Bereichen fehlen genaue Zahlen – auch weil die Mobilität von Forschern ganz allgemein zugenommen hat, sagt der Innovationsökonom Jürgen Janger, der am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo gerade an einer Studie über Mobilitätsmuster und Karrierepfade von Forschern auf europäischer Ebene arbeitet. So ist es mittlerweile für eine Karriere in der Wissenschaft nahezu unumgänglich, einige Jahre im Ausland verbracht zu haben – im Normalfall als Postdoc, also nach der Dissertation.

    Gewisse Anhaltspunkte für den Hochschulbereich lieferte im Vorjahr eine vom neuen Wissenschaftsminister Heinz Faßmann mitverfasste Studie, die für Deutschland, die Schweiz und Großbritannien die jeweiligen österreichischen Import-Export-Bilanzen ermittelte. Der auffälligste Befund: An Unis und Fachhochschulen der führenden Forschungsnation Schweiz, die mit der ETH oder der Uni Zürich einige Topuniversitäten hat, sind fünfmal mehr Österreicher tätig als Schweizer an hiesigen Unis (923 zu 158).

    Deutsche versus Österreicher

    Im Fall von Großbritannien und Deutschland deuten die Zahlen ebenfalls auf einen Braindrain hin: 483 Österreicher an britischen Unis standen 217 Briten an Österreichs Hochschulen gegenüber, obwohl Großbritannien siebeneinhalbmal mehr Einwohner (und viele Top-Unis) hat. Im Fall von Deutschland gibt es zwar deutlich mehr Deutsche an Österreichs Unis als umgekehrt (4269 zu 2252), Deutschland ist aber auch fast zehnmal größer. Und es läuft an deutschen Unis eine Exzellenz-Initiative, die Stärkefelder einiger Unis zusätzlich finanziell unterstützt.

    Eine Österreicherin, die an eine solche Exzellenz-Uni nach Deutschland ging, ist die Archäologin und Ägyptologin Julia Budka, die auch der Jungen Akademie der ÖAW. angehört. Sie wurde 2015 als 37-Jährige an die Uni München berufen, die im aktuellsten THES-Ranking auf Rang 34 liegt. "In München wurden mir genau die Flexibilität und die finanziellen Freiräume geboten, die es mir ermöglichen, meine Ideen umzusetzen", sagt Budka. Für Österreich würde sie sich nach internationalem Vorbild mehr pro-aktive Berufungsverfahren wünschen sowie konkrete Rückholangebote.

    Weitere Verbesserungsvorschläge

    Ganz ähnliche Vorschläge hat Komplexitätsforscher Stefan Thurner, Österreichs Wissenschafter des Jahres 2017 und Leiter des Complexity Science Hub Vienna: Er vermisst gezieltes Headhunting an österreichischen Hochschulen, das an internationalen Top-Unis üblich sei. Und als Institutsleiter versucht er, mit jenen österreichischen Top-Talenten, die an Elite-Unis ins Ausland gingen, möglichst engen Kontakt zu halten, um sie vielleicht doch wieder nach Österreich locken zu können.

    An den meisten österreichischen Unis hingegen wird, auch das lässt sich mit Zahlen belegen, nach wie vor recht "national" rekrutiert: Fast genau 50 Prozent aller von 2010 bis 2016 ernannten 1609 Professoren waren zuvor in Österreich tätig, 30 Prozent in Deutschland. Man darf die Zahlen wohl auch so deuten, dass die heimischen Unis aufgrund ihrer beschränkten Mittel im internationalen Vergleich nicht allzu attraktive und pro-aktive Angebote an ausländische Forscher machen können bzw. wollen.

    Karrieresicherheit für den Nachwuchs

    Dazu kommt das bereits von Perutz angesprochene Problem bei der Förderung von jungen Talenten: Zwar wurde 2011 eine Art von Tenure-Track-Modell nach angloamerikanischem Vorbild eingeführt, das auch jüngeren Forschern mehr Karrieresicherheit geben soll. Nach einer positiven Evaluierung nach einigen Jahren erhält man eine fixe Stelle (Tenure). Doch auch damit konnte man bisher noch nicht allzu viele junge Talente aus dem Ausland anlocken.

    Weitere nötige Maßnahmen sind seit Jahren bekannt: Im Vergleich zu den führenden Forschungsländern bräuchte es in Österreich nicht nur eine Aufstockung der Unibudgets, sondern vor allem auch der kompetitiv vergebenen Drittmittel für die Grundlagenforschung, konkret: des Wissenschaftsfonds FWF. Dessen Präsident Klement Tockner fordert zudem "ein ambitioniertes Programm, um die kreativsten Nachwuchswissenschafter zu gewinnen und zu halten, sowie ein bundesweites Exzellenzprogramm".

    Die internationale Konkurrenz um die besten Jungforscher ist längst diese ein, zwei Schritte voraus: Schweden etwa, einer der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Innovationsspitzenreiter in Europa, hat seit ein paar Jahren ein Programm laufen, bei dem 250 in- und ausländische Talente im Alter von rund 30 Jahren pro-aktiv ausgewählt werden und eine Finanzierung von rund einer Million Euro für fünf Jahre kriegen. Danach können sie sich verbindlich auf eine feste Stelle bewerben.

    Internationale Stärkefelder

    Gibt es in Österreich also nach wie vor mehr Braindrain als Braincirculation, wie es im forschungspolitischen Jargon heißt? In heimischen Stärkefeldern wie etwa den Biowissenschaften, der Quantenphysik oder der Mathematik sieht die Sache etwas anders aus. Das lässt sich auch an einem international anerkannten Indikator für wissenschaftliche Exzellenz zeigen: den Projektförderungen des Europäischen Forschungsrats ERC.

    Ziemlich genau zwei Drittel aller in Österreich tätigen Forscher, die bisher mit insgesamt 217 ERC-Grants ausgezeichnet wurden, sind keine gebürtigen Österreicher. Umgekehrt forschen aber "nur" 75 Österreicher mit einem ERC-Grant im Ausland. Nicht mitgezählt sind dabei freilich die aus Österreich stammenden Forscher, die in anderen Teilen der Welt und insbesondere in Nordamerika arbeiten – wie demnächst auch wieder Josef Penninger, der 2003 aus Kanada nach Österreich kam.

    Vom Braindrain zum Braingain

    In diesen 15 Jahren ist es in Österreich gerade jenseits der Unis zu einem nicht zu unterschätzenden Braingain gekommen. Man nehme nur Penningers eigenes, 2003 gegründetes Institut IMBA am Vienna Biocenter, wo 1720 Personen aus 70 Ländern beschäftigt sind, bei einem Ausländeranteil von 41 Prozent. Penninger ist der einzige gebürtige Österreicher unter den zwölf IMBA-Gruppenleitern, die insgesamt zwölf ERC-Grants eingeworben haben. Gleich daneben, am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP), sieht es ähnlich aus: 14 Gruppenleiter, 13 Zuwanderer als Gruppenleiter, insgesamt 16 ERC-Grants.

    Ähnlich beeindruckend sind die Zahlen vom IST Austria, das erst vor zehn Jahren gegründet wurde, sich seither prächtig entwickelt und für besonders viel Zuwanderung von Top-Talenten sorgt. Thomas Henzinger, Präsident des IST Austria, der lange Jahre an der Uni Berkeley und der ETH Lausanne tätig war, hat dafür eine einfache Erklärung: "Um im internationalen Wettbewerb um die besten Talente erfolgreich zu sein, kommt dem Tenure-Track-System des IST Austria eine Schlüsselrolle zu. Wer einen Ruf an das IST Austria als Assistant Professor erhält, weiß, dass nach etwa sechs Jahren eine erfolgreiche Tenure-Evaluierung zu einer unbefristeten Professur führt."

    Im IST Austria hat man bis jetzt 49 Professoren aus 22 Ländern berufen (darunter sieben gebürtige Österreicher), die bereits 37 ERC-Grants einwarben. Alle 49 bekamen ihren Ruf, als sie im Ausland tätig waren – und zwar nicht irgendwo, sondern an den besten Unis der Welt: Allein 2017 gelang es, Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), der University of Cambridge, der Stanford University und der ETH Zürich nach Österreich zu holen, genauer: nach Maria Gugging bei Klosterneuburg. (Klaus Taschwer, 10.2.2018)

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