Big-Brother-Ballons in der Stratosphäre

    9. Februar 2018, 19:00
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    Eine US-Firma will aus Höhen von 20 bis 46 Kilometern hochauflösende Fotos schießen – das könnte Probleme für die Privatsphäre bringen

    illustration: world view enterprises
    Spähauge am Himmel: So sollen die Spionageballons laut Betreiber aussehen, wenn sie erst einmal in Betrieb sind.

    Wien – Der Luftraum über unseren Köpfen wird allmählich eng. Während die Online-Händler Amazon und Alibaba Paketauslieferungen mit Drohnen testen, versuchen Unternehmen die zweite Schicht der Erdatmosphäre, die Stratosphäre, zu besetzen. Die US-Firma World View hat einen Ballon entwickelt, der in Höhen von 20 bis 46 Kilometern verkehren und neben dem Transport von Gütern auch hochauflösende Luftaufnahmen erstellen soll.

    Die mit Wasserstoff gefüllten, transparenten Ballons ("Stratollites") werden vom Boden aus ferngesteuert und können so bis zu einem Monat lang an einem Fixplatz in der Stratosphäre verharren. Die Luftaufnahmen besitzen nach Herstellerangaben derzeit eine Auflösung von 50 Zentimetern pro Pixel. Mithilfe moderner Kamerasysteme soll es möglich sein, in Zukunft gestochen scharfe Bilder mit einer Auflösung von zehn bis fünfzehn Zentimetern pro Pixel zu machen.

    Eine wiederbelebte Technik

    Spionageballons sind keine neue Erfindung. Im Rahmen des Projekts Moby Dick ließ die US-Luftwaffe im Kalten Krieg Ballons in stratosphärischen Höhen über der Sowjetunion aufsteigen, um geheime Militäranlagen auszuspionieren. Zwischen 1954 und 1956 wurden hunderte Ballons zu Aufklärungszwecken von Stützpunkten in Westeuropa und in der Türkei gestartet.

    Mit den ersten Spionagesatelliten wurde die Ballonspionage zwar obsolet. Doch die neuen Ballons könnten dem US-Militär und den Geheimdiensten diskrete "Billig-Augen am Himmel" an die Hand geben, berichtet die Fachzeitschrift "New Scientist". In der Tat wären solche Big-Brother-Ballons ein recht niedrigschwelliges und dazu kostengünstiges Instrument, Menschen zu überwachen.

    Diskreter Einbruch in die Privatsphäre

    Der große Vorteil: Man sieht den spähenden Ballon nicht (oder bloß als verschwindend kleinen Punkt am Himmel). Das heißt, der Eingriff in die Privatsphäre wird als solcher gar nicht wahrgenommen – ganz im Gegensatz zu einer surrenden Drohne, die zehn Meter über dem Vorgarten fliegt. Im Vergleich dazu vollziehen Algorithmen, die das Surfverhalten im Netz auswerten, oder ein Ballon in der Stratosphäre den Einbruch in die Privatsphäre weitaus diskreter.

    Der US-Rechtswissenschafter Christopher Slobogin (Vanderbilt University), ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der technologischen Überwachung, sagt im Gespräch mit dem STANDARD: "Diese Ballons können jeden fast überall in der Öffentlichkeit tracken, egal ob zu Fuß oder im Auto, und ihre Aufnahmen können gespeichert werden."

    Rechtswissenschaftliche Bedenken

    Er vermutet auch ein Interesse der Polizei, die einen Verdächtigen in Echtzeit so verfolgen könnte. Aufgrund ihrer Genauigkeit könnten diese Ballons auch für nichtpolizeiliche Zwecken genutzt werden, vermutet Slobogin, darunter auch solche, die das Privatleben der Bürger ausforschen. Deshalb sollten Gesetze die Anwendung auf spezifische Forschungs- oder Strafverfolgungsbereiche beschränken.

    Doch wo eine Technologie im Einsatz ist, ist ihre Regulierung im Nachhinein schwierig – das zeigt sich nicht zuletzt bei Drohnen. Und längst wälzt auch Google ähn- liche Ballon-Pläne. Die US-Zeitschrift The Atlantic fragte deshalb: "Können wir Google die Stratosphäre anvertrauen?" Und womomöglich lässt es sich ja noch abwenden, künftig von Kameraaugen auch aus der Stratosphäre beobachtet zu werden. (Adrian Lobe, 9.2.2018)

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