Fotografien von Johanna Diehl: Gott wohnt hier nicht mehr

    11. Februar 2018, 17:48
    7 Postings

    Kann man Architektur überschreiben? Wie viel Schuld, wie viel Macht speichern Mauern? Fragen, die Johanna Diehls Fotografien in der Galerie Thomas Salis in Salzburg aufwerfen

    Wer in einem barocken Palast steht, atmet, wie es so schön heißt, Geschichte. Weniger euphemistisch könnte man sagen, dass Architektur oft recht unmittelbar die Strukturen jener Gesellschaft erfahrbar macht, in der sie erbaut wurde, ja dass sich die Verhältnisse in die Gebäude einschreiben. Wie sich in Räumen Macht widerspiegelt, ist auch eine der Fragen, die Johanna Diehl umtreiben.

    Die Spurensuche der in Berlin lebenden Künstlerin (40) führt entlang den Traumata der europäischen Geschichte, entlang von politischen Entscheidungen und historischen Umbrüchen. Traces heißt denn auch die Ausstellung Diehls in der Galerie Thomas Salis in Salzburg, die eine Auswahl jener Fotoserien zeigt, die sie nach Zypern, Italien oder – für eine ihrer jüngsten Projekte 2013 – in die Ukraine führten.

    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    Im säkularen Staat raubte man ihnen die Funktion, unter nationalsozialistischer Besatzung devastierte man sie, aber ihre Würde konnte man ihnen nie gänzlich nehmen: Johanna Diehl hat alte Synagogen der Ukraine aufgespürt.

    Nach Czernowitz etwa, wo in der ehemaligen Synagoge die Zeit der Erhabenheit allerdings längst passé ist. In Rinnsalen eingedrungenes Wasser hat die Farbe von den Wänden gewaschen, bröckelnder Putz das Mauerwerk entblößt. Nur wenige, einen Thoraschrein andeutende Wandvorlagen und hebräische Schriftzeichen verweisen auf die ursprünglich sakrale Funktion des Ortes.

    1919, als die Ukraine Teil der Sowjetunion wurde, galt es im säkularen Staat die Funktion der Religion zu kompensieren: Die zwangsenteigneten Tempel wurden zu Theater- und Kinosälen, zu Fabriken, häufig zu Sporthallen umfunktioniert, in Orte der Propaganda, der Arbeit, Erziehung und Ertüchtigung des neuen Sowjetmenschens verwandelt – für Diehl sind das "keine unschuldigen Orte". Unter nationalsozialistischer Besatzung und im Verlauf des Genozids an zwei Dritteln der ukrainischen Juden wurden schließlich viele Gebetshäuser zerstört, der Rest blieb Teil des real existierenden Sozialismus.

    Gewölbe und Basketballkörbe

    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    Johanna Diehl: "Halych" (aus der Serie 'Ukraine', 2013)

    Auf ihrer Reise zu den alten Synagogen der Ukraine fand Diehl unter Gewölben und hohen Bogenfenstern nicht nur Basketballkörbe und quietschbunte Turnböden, die auf ihren Fotografien fast schon wie geometrisch abstrakte Bilder wirken, sondern auch in diesen Kulissen grotesk Wirkendes wie einen Greißler.

    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    "Peristerona/Alaniçi, Cyprus (North)"+ und "Paramali, Cyprus (South)" aus Johanna Diehls Serie 'Displace' von 2008

    Diehl interessiert sich in ihren fotografischen Essays für das Nebeneinander und das Überlagern von Gegenwart und Geschichte. 2009 zeigte sich im geteilten Zypern die Kluft der Kulturen etwa in Moscheen, die einst christliche Kirchen waren, und umgekehrt in nun funktionslosen muslimischen Gotteshäusern.

    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    "Borgo Bassi IV" aus Johanna Diehls Serie "Borgo"

    2011 und 2014 ging Diehl in Italien der Frage nach, wie viel "Rhetorik der Macht" in der faschistischen Architektur der Ära Mussolinis gespeichert ist: Diehl hielt dessen heute oft nur noch von Schafen bewohnte Idealsiedlungen auf Sizilien fest oder blickte auf die Allianz des Duce mit der Kirche und die in Folge entstehenden Sakralbauten.

    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    "Cappella del Cimitero, Sabaudia" aus Johanna Diehls Serie "Alleanza" von 2011

    Diehls gestochen scharfe Großformate entstehen mit einer analogen Plattenkamera. Ihre Sujets wiederholt sie in der Regel nicht, weil dieses Nachträglich-nicht-verändern-Können ihr im Moment des Fotografierens eine wichtige Konzentration verleihe. Ein Fokus, den man den Bildern, die mehr als nur Dokumente sind, anmerkt. Sie sind still, menschenleer und – wie für den Moment des Innehaltens oder wie für den Blick über die weite Landschaft der Geschichte – aus dem Lauf der Zeit gerückt. (Anne Katrin Feßler, 11.2.2018)

    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    "San Michele Arcangelo, Aprilia" und "Sant' Anna, Pontinia" aus Johanna Diehls Serie "Alleanza" von 2011
    foto: johanna diehl/galerie thomas salis
    "Borgo Bassi III" aus Johanna Diehls Serie "Borgo"

    Bis 17. 3.

    Galerie Thomas Salis

    Mozartplatz 5, 5020 Salzburg

    www.thomassalis.com

    Share if you care.