Missbrauchsvorwürfe gegen Kahr: "Warum sollte er so einfach davonkommen?"

    9. Februar 2018, 06:00
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    Irgendwann müsse man für seine Taten geradestehen, sagt eine der beiden Rennläuferinnen, die der Schladminger Ski-Ikone in der "Süddeutschen Zeitung" Gewalttaten vorwerfen – Anwalt Ainedter spricht von "einer glatten Verleumdung"

    Wien – Als die Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg im vergangenen November von Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung im Skisport der Siebzigerjahre berichtete, stand sie nicht lange allein da. Schon zwei Tage später sprach eine weitere ehemalige Weltcupläuferin mit dem STANDARD über Machtmissbrauch und Gewalttaten.

    Übergriffen zu entgehen sei zu jener Zeit nicht einfach gewesen: "Ich musste mich mit Händen und Füßen wehren. Ich habe mir immer gesagt, ich lasse mich nicht brechen." In einem Hotel sei sie 1976 am helllichten Tag von einem Trainer gepackt ("Heut' kommst du dran!") und in ein Zimmer gezerrt worden. In dem Raum hätte sich noch ein weiterer Mann befunden.

    "Sie waren betrunken, es war ganz brutal", erzählte die Österreicherin über den Vorfall in Übersee. Schlimmeres konnte mit Müh und Not verhindert werden.

    Karl Kahr und Toni Sailer

    Rund drei Monate später fallen die Namen der beiden Männer in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ): Karl "Charly" Kahr und Toni Sailer. Kahr soll die Frau auf sein Bett geworfen haben. "Neben ihm war noch ein Bett, da lag der Toni Sailer drin, relativ besoffen, zwei leere Whiskeyflaschen neben ihm. Ich glaube, Sailer hatte den Oberkörper frei, er hat auf jeden Fall gegrinst. Kahr hat mich am rechten Handgelenk festgehalten, er hat mir fast die Hand gebrochen. Irgendwie habe ich Kahr von mir runtergewälzt und mich losgerissen, ich hatte ja Gott sei Dank etwas Kraft." Dann sei sie ins Badezimmer gelaufen und habe die Tür verriegelt. Für alle Angaben liegt der SZ eine eidesstattliche Erklärung vor.

    Ein weiterer Übergriff soll sich im Winter 1968/69 in einem Zugabteil zugetragen haben. Kahr habe ihren Kopf gepackt und unter seine auf dem Schoß liegende Skijacke gezerrt: "Darunter lag sein entblößter Penis. Er hat mich richtig darauf gedrückt, vermutlich sollte ich das Glied in den Mund nehmen. Ich habe kaum Luft gekriegt und mich so geekelt (...). Ich konnte mich losreißen, bin aus dem Abteil raus und in unser Abteil zurück. Ich habe nichts gesagt, ich war ja noch schockiert."

    "Irgendwann muss man für seine Taten geradestehen"

    Aber warum werden plötzlich Namen genannt? "Irgendwann muss man für seine Taten geradestehen. Warum sollte er so einfach davonkommen? Mir wird heute noch schlecht, wenn ich an die Vorfälle denke", sagt die Frau am Donnerstag im Gespräch mit dem STANDARD.

    Sie selbst möchte vorerst anonym bleiben, um ihrer Familie Schwierigkeiten zu ersparen. "Sollte es jedoch zu einer Klage kommen, werde ich zu den Aussagen mit meinem Namen stehen. Ich sage nur die Wahrheit. Ich habe kein Wort dazugedichtet." Der neu gefasste Mut ist noch einem weiteren Umstand geschuldet: "Ich habe mich entschlossen, Namen zu nennen, weil ich nicht mehr allein dastehe."

    "Habe ihn erst bemerkt, als er schon auf mir lag"

    In der Tat erhebt auch eine zweite ehemalige österreichische Weltcupläuferin in der "SZ" schwere Vorwürfe gegen Kahr, ebenso in einer eidesstattlichen Erklärung. Sie beschreibt einen Vorfall aus einem Winter Ende der 60er Jahre, zuvor sei ihr Verhältnis zu Kahr gut gewesen: "Ich habe schon geschlafen, da ist Kahr auf einmal ins dunkle Zimmer gekommen und hat mich vergewaltigt. Ich habe ihn erst bemerkt, als er schon auf mir lag. Er war ganz sicher nicht betrunken. Ich hätte mich wehren sollen. Aber das traust du dich in dem Moment nicht. Er war mein Trainer, du hast zu ihm aufgeschaut als 16-jähriges Mädchen. Der Trainer hat ja immer eine besondere Rolle für die Jugend. Ich war jedenfalls geschockt, da kannst du nicht um Hilfe rufen. Ich bin einfach dagelegen, habe keine Reaktion gezeigt. Er hat auch nichts gesagt, es hat sich alles im Dunkeln abgespielt. Ich hatte zum Glück keine Verletzungen. Aber ich habe die ganze Nacht geweint."

    "Glatte Verleumdung"

    Kahr, der seine eigene Skikarriere anno 1957 nach dem fünften Beinbruch beenden musste, arbeitete ab 1962 als Trainer, betreute die ÖSV-Damen, die Engländerinnen, wurde 1972 Abfahrtscoach der Herren und amtierte von 1976 bis 1985 als Cheftrainer des ÖSV. In dieser Zeit passierten die Abfahrt-Olympiasiege von Olga Pall, Franz Klammer und Leonhard Stock oder die WM-Goldenen für die Abfahrer Sepp Walcher und Harti Weirather. Der Schladminger ist eine der bedeutenderen Figuren des österreichischen Skisports. Den Spitznamen Downhill-Charly erwarb er sich redlich. Die Abfahrer standen bei ihm höher in der Gunst als die Slalomfahrer, die er Zickzack-Fahrer hieß.

    Der heute 85-jährige Kahr, für ihn gilt die Unschuldsvermutung, bestreitet die Vorwürfe vehement. Sein Anwalt Manfred Ainedter spricht von "einer glatten Verleumdung". Die Vorwürfe seien allesamt aus der Luft gegriffen, nichts davon habe jemals stattgefunden. Zudem sei es kein Zufall, "dass so etwas kurz vor Beginn der Olympischen Spiele veröffentlicht wird. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auf diesem Wege versucht wird, auf die österreichische Mannschaft Einfluss zu nehmen."

    Für Nicola Werdenigg kommen die Vorwürfe gegen Kahr nicht aus heiterem Himmel. "Ich bin jetzt nicht weiß Gott wie überrascht. Einer der in der 'SZ' beschriebenen Übergriffe war mir bekannt, er ist mir schon damals von der Betroffenen persönlich zugetragen worden", sagt die 59-Jährige im Gespräch mit dem STANDARD. Kahr sei immer besonders rau und unsensibel in Erscheinung getreten, nicht nur gegenüber Frauen. "Die Jüngeren haben sich vor ihm in Acht genommen, ich bin ihm aus dem Weg gegangen." (Philip Bauer, 9.2.2018)

    • Sieht sich mit massiven Vorwürfen von zwei Ex-Skirennläuferinnen konfrontiert: Karl "Charly" Kahr.
      foto: votava / imagno / picturedesk.com

      Sieht sich mit massiven Vorwürfen von zwei Ex-Skirennläuferinnen konfrontiert: Karl "Charly" Kahr.

    • Karl Kahr sieht sich als Opfer einer Verleumdung. Die Vorwürfe seien allesamt aus der Luft gegriffen, nichts davon habe jemals stattgefunden.
      foto: apa/barbara gindl

      Karl Kahr sieht sich als Opfer einer Verleumdung. Die Vorwürfe seien allesamt aus der Luft gegriffen, nichts davon habe jemals stattgefunden.

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