Die "ZiB 2" als möglicher Kollateralschaden

    Analyse9. Februar 2018, 07:19
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    Wie der ORF durch den Umbau der Abendinformation innovativ sein Armin-Wolf-Problem mit der Politik umgehen könnte

    Wien – Bisher sind es im Grunde nur eine Bewerbung, ein Sendungsprojekt und eine neue Führungsstruktur für das ORF-Fernsehen. Doch diese Gemengelage könnte den Anfang vom Ende der auch international bekanntesten österreichischen Nachrichtensendung mit dem profiliertesten – und wohl polarisierendsten – Anchor Armin Wolf markieren. Das Szenario:

    1. Die Infoshow auf ORF 1 und ihre Gäste

    Der ORF plant eine rund einstündige Informationssendung, eine Art Tagesmagazin mit ausführlicheren Beiträgen, anders erzählt und mit anderer Perspektive, als von Nachrichtenbeiträgen gewohnt, auf ORF 1. Das neue, ziemlich ambitioniert klingende Format soll werktäglich kurz nach 21 Uhr laufen, gegen die Magazine "Thema", "Report" und "Am Schauplatz" auf ORF 2. Und vor der "ZiB 2", die sich ebenfalls als Tagesmagazin präsentiert.

    Für eine Stunde Infoshow mit ausführlichen Beiträgen braucht es journalistische Ressourcen, ORF-intern hört man von Schätzungen über 20 Redakteurinnen und Redakteure als Untergrenze. Und auch wenn die kleine und junge Mannschaft des "ZiB Magazin", von "ZiB 20" und "ZiB 24" den Nukleus von "Newsroom eins" bilden soll: Korrespondenten des ORF etwa werden mit einem zusätzlichen Einstundenformat einiges zu tun bekommen.

    Rund eine Stunde Info pro Tag bestreitet man am relativ günstigsten mit Studiogästen. Das tagesaktuelle große Interview ist auch Kernstück der "ZiB 2". Es könnte gut sein, dass die Airtime im Infoformat auf ORF 1 weniger Zuschauer hat als die "ZiB 2". Dafür könnten sich Gäste in ORF 1 allerdings Armin Wolfs oder auch Lou Lorenz-Dittlbachers Fragen ersparen. Wer auch immer wie auch immer in "Newsroom eins" – ebenfalls professionell – Fragen stellt.

    foto: tvthek orf screenshot
    "ZiB 2"-Schlussbild mit Armin Wolf am Donnerstagabend.

    2. Die Chefsache

    "ZiB 2"-Sendungschef Wolfgang Wagner hat sich für den Job des "Report"-Chefs beworben. Wagner war fast zwei Jahrzehnte in der "ZiB"-Redaktion, anfangs unter einem zentralen Chefredakteur namens Werner Mück und mehr als ein Jahrzehnt Sendungschef der werktäglichen "ZiB 2", einer Sendung mit einigem Bedarf an Abwehrbereitschaft. Da kann man sich, zudem nach dem 50er, schon einmal Richtung Wochenmagazin orientieren – auch wenn der "Report" alles andere als ein Entspannungsbad des politischen Journalismus verspricht.

    Wagner bewirbt sich zu einem kritischen Zeitpunkt – die TV-Information wird gerade neu sortiert.

    3. Die Kanalisierung des ORF-Fernsehens

    In den nächsten Tagen wird ORF-General Alexander Wrabetz vier neue Schlüsselfunktionen für das ORF-Fernsehen ausschreiben: Channel Manager für ORF 1 und ORF 2, die künftig mit eigenen Budgets ihre Kanäle bestücken. Und Chefredakteure für ORF 1 und ORF 2, mit deren Bestellung die Funktion des TV-Chefredakteurs obsolet ist – also der Job von Fritz Dittlbacher. Wolfgang Wagner und Armin Wolf sind übrigens stellvertretende Chefredakteure. Dittlbacher war ebenfalls für den "Report" im Gespräch, er bewarb sich nicht um eine solche Degradierung.

    Als Channel Manager werden, wie berichtet, ORF-1-Infochefin Lisa Totzauer seit langem für ORF 1 und etwas kürzer der stellvertretende Unterhaltungschef Alexander Hofer für ORF 2 gehandelt. Er hat zuletzt "Guten Morgen Österreich" entwickelt. Als Chefredakteure der stellvertretende Inlandsressortleiter Wolfgang Geier für ORF 1 und der bisherige Innenpolitikchef Hans Bürger oder Matthias Schrom ("ZiB"-Innenpolitik*) für ORF 2.

    Gut möglich, dass neue Infochefs und die Ressourcenkonkurrenz mit dem ORF-1-Tagesmagazin Wolfgang Wagners Interesse an der "Report"-Leitung jedenfalls nicht geschmälert haben.

    4. Die Teamfrage

    Nicht immer hatte die "ZiB 2" ein eigenes Redaktionsteam relevanter Größe, das der Sendung ein eigenes Profil gewährleisten konnte – wie seit 2006. Der Abgang des Sendungschefs und die nun geplante, noch deutlichere Aufteilung der TV-Information auf die Channels könnte das eigene Sendungsteam relevanter Größe wieder infrage stellen.

    Bisher sind es im Grunde nur eine Bewerbung, ein Sendungsprojekt und eine neue Führungsstruktur für das ORF-Fernsehen. Doch diese Gemengelage könnte den Anfang vom Ende der auch international bekanntesten und profiliertesten österreichischen Nachrichtensendung markieren.

    Das muss auch nicht unbedingt gezielte Absicht sein. Auch Kollateralschäden können nachhaltig zerstören. (Harald Fidler, 9.2.2018)

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    * Korrektur: Ich habe Matthias Schrom irrtümlich zunächst in der ZiB-Chronik verortet, das ist schon eine Weile her, er arbeitet seit Jahren in der Innenpolitik.

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